Geiseldrama: Lächelnd verabschiedet Irans Präsident die britischen "Eindringlinge"

Ahmadinedschad wünscht "gute Reise!"

Das "Geschenk an das britische Volk" bewahrt den wahlkämpfenden Blair vor einer Dauerkrise.

London. Damit hat Mahmud Ahmadinedschad viele überrascht: Selbst im Londoner Krisenstab haben wohl nur wenige geahnt, dass der iranische Präsident nicht nur im Koran zu Hause ist, sondern auch auf christliche Feste Wert legt. Die Freilassung der 15 britischen Soldaten erfolge aus Anlass des Geburtstags des Propheten Mohammed am vergangenen Sonnabend und des Festes der Auferstehung Jesu Christi am kommenden Sonntag, ließ Ahmadinedschad am Mittwoch vor den Kameras der ganzen Welt bei seiner Pressekonferenz in Teheran wissen. Am Gründonnerstag sollten sie von Teheran aus in die Heimat fliegen.

Das "große iranische Volk", verkündete der Präsident, habe den britischen Soldaten großmütig vergeben, trotz aller Empörung darüber, dass sie illegal in iranische Gewässer eingedrungen seien. "Diese Begnadigung ist ein Geschenk an das britische Volk", sagte Ahmadinedschad. Ganz sicher war sie, wenn auch eher unbeabsichtigt, zugleich das beste Ostergeschenk, das Tony Blair je bekommen hat. Noch wenige Tage vor der wie ein Theaterstück inszenierten Bekanntgabe der Freilassung durch Teheran hatte Blair fürchten müssen, dass die letzten Wochen seiner Amtszeit von einem Geiseldrama mit ungewissem Ausgang überschattet werden könnten. In weiten Teilen der britischen Medien war die "Soldatenkrise" längst als Beleg für eine aus ihrer Sicht völlig missratene Außenpolitik Blairs gewertet worden, deren schwerster Fehler die Beteiligung am Irak-Krieg an der Seite der Amerikaner gewesen sei.

Der konservative "Daily Telegraph" verwies darauf, dass die Briten gekidnappt worden seien, weil sie im Gegensatz zu Soldaten der militärischen Supermacht USA "leichte Beute" gewesen seien. Und das, während Blair mitten im für Labour wichtigen Wahlkampf in Schottland war.

Nun aber kann Blair durchatmen. Manchem mag die Freilassung der "Geiseln" gar als Erfolg britischer Diplomatie erscheinen. Dabei hatten von Anfang an die Iraner das Heft des Handelns in der Hand. Vieles spricht dafür, dass die britische Marine keineswegs auf iranisches Gebiet vorgedrungen ist, wie Teheran nicht müde wurde zu behaupten.

Ein Streit aus der Position des Stolzen, der im Recht ist, hätte Blair jedoch eine monatelange "Geiselkrise" bescheren können. Das Gespenst jener demütigenden, 444 Tage währenden Geiselhaft amerikanischer Diplomaten in Teheran 1979/80 ließ grüßen. Zudem spielte die iranische Propaganda skrupellos, aber äußerst geschickt mit der Macht der Fernsehbilder. Erst die Videos mit - äußerst zweifelhaften - "Geständnissen" der Briten. Und dann - wie zum Hohn für die britische Regierung - das Treffen der Briten, die eben noch im Westen als "Geiseln" bezeichnet worden waren, mit Ahmadinedschad höchstpersönlich. Händeschütteln mit dem Mann, den Washington und London seit Jahren verteufeln - und alles übertragen in britische und andere Wohnstuben rings um den Erdball. "Alles Gute für Sie", sagte der Präsident. "Gute Reise!"