Bauern - die Verlierer des China-Booms

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Unruhen: Wegen der wachsenden Armutskluft rebelliert die Landbevölkerung. Die 800 Millionen Bauern hatten noch nichts vom Boom in der Wirtschaft. Jetzt sollen sie zumindest über ihr eigenes Ackerland fast frei verfügen können.

Peking. Chinas kommunistische Führung ist alarmiert. Die soziale Unruhe wächst. Verzweifelte Bauern greifen zu Gewalt. Bei Protesten sind erste Tote zu beklagen. Die drastisch zunehmenden Unterschiede zwischen Arm und Reich haben die einst kaum existierende Kluft in Chinas Gesellschaft zu einer der tiefsten der Welt werden lassen. Deshalb hat Staats- und Parteichef Hu Jintao die Bauern in den Mittelpunkt des derzeit in Peking tagenden Nationalen Volkskongresses gerückt: "Sozialistische neue Dörfer" lautet eines der Hauptziele für den neuen Fünf-Jahres-Planes.

Gestern beschlossen die 3000 Delegierten, die Vergabe von Ackerland zu reformieren und so die Interessen der 800 Millionen Bauern besser zu schützen. Das bisherige Verfahren sei veraltet und lade zu Mißbrauch und Gewinnmacherei ein, sagte der chinesische Vize-Landwirtschaftsminister Yin Chengjie. Die kommunistische Führung befürchtet seit langem, daß die zunehmende Wohlstandskluft zwischen Stadt und Land zu Aufständen unter den Bauern führen kann.

Die starke Ausweitung gewerblicher Nutzflächen braucht den Angaben des Vize-Landwirtschaftsministers zufolge jährlich fast 270 000 Hektar Ackerland auf. Dadurch würden etwa eine Million Bauern ihr Land verlieren, sagte Yin. Diese Landwirte müßten dafür entschädigt werden und neue Arbeitsplätze bekommen. Yin nannte aber keine Einzelheiten zu den Maßnahmen, die im Rahmen des "neuen sozialistischen Landprogrammes" geplant sind. In diesem Jahr sind knapp 340 Milliarden Yuan (etwa 35,1 Milliarden Euro) für die Modernisierung der Agrarwirtschaft eingeplant und weitere Milliarden für das soziale Netz.

Theoretisch ist Ackerland in China seit rund 20 Jahren Allgemeingut. In der Praxis kontrollieren aber Regierungsbeamte den Bodenbesitz und versuchen durch Landverkäufe an Firmen und Entwicklern Gewinne zu machen. Ein chinesischer Regierungsberater deutete jüngst an, daß Bauern in Zukunft möglicherweise Ackerland direkt verkaufen dürfen.

Die chinesischen Bauern dürften aber zunächst skeptisch bleiben. Denn seit Jahren schon verkündet die Führung, daß ihnen geholfen werden soll, ohne daß sich wirklich etwas ändert. Zigmillionen Bauern haben durch Enteignungen für Industrieprojekte ihr Land und Einkommen verloren, suchen neue Arbeit in den Städten. Die amtlich eingeräumten Zwischenfälle stiegen vergangenes Jahr um 6,6 Prozent auf 87 000. Proteste, bei denen Behördenarbeit gestört wurde, nahmen sogar um 19 Prozent zu. Die wachsende Einkommenskluft zwischen Stadt und Land nennt selbst die oberste Wirtschaftsbehörde, die mächtige Reform- und Entwicklungskommission, "alarmierend und unzumutbar". Der Gini-Koeffizient für die Einkommensgleichheit hat längst die gültige Warnschwelle von 0,4 überschritten und liegt jetzt bei 0,53. Dieser nach dem italienischen Statistiker Corrado Gini benannte internationale Meßwert zeigt bei null perfekte Gleichheit an, während eins das gesamte Vermögen nur in einer Hand sieht.

Arbeiter auf dem Land verdienen im Schnitt 3255 Yuan (330 Euro) im Jahr, viele müssen mit noch weniger auskommen. In den Städten liegt das Einkommen mit durchschnittlich 10 439 Yuan (1054 Euro) bei mehr als dem Dreifachen. Werden die Ausgaben der Regierung für Schulen oder Gesundheitswesen berücksichtigt, sind die Städter sechsmal besser dran. Die Hälfte aller Dörfer hat keinen Zugang zu Wasserleitungen, zehn Prozent nicht einmal Straßen. Mehr als 90 Prozent der Bauern sind nicht krankenversichert.

( HA )

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