Lieber Gott, wo warst du?

Tod und Verderben: Warum der Schöpfer das zuläßt, ist eine der ältesten Fragen der Menschheit. Der Tsunami hat sie wieder auf die Tagesordnung gespült. Ein Versuch, sie zu beantworten.

Hamburg. Die Stunde der Not ist für viele Menschen schon immer die Stunde des Glaubens gewesen. Ob in den Schützengräben der Kriege oder bei schwerer Erkrankung, beim Tod eines lieben Menschen oder wie in diesen Tagen der schrecklichen Naturkatastrophe in Asien - es gibt immer wieder im menschlichen Leben Augenblicke des Alleinseins, des Zurückgeworfenwerdens auf uns selbst. Augenblicke, in denen sich die Hände zum Beten falten.

Wie oft seit der verheerenden Flutkatastrophe in Asien mögen Betroffene gebetet haben: "Lieber Gott, gib mir meine Tochter meinen Sohn, meinen Mann, meine Frau wieder." Auch jetzt noch, wo sich die Vermißtenzahlen täglich noch etwas reduzieren, keimt Hoffnung. Wie oft mögen sich in diese Gebete wohl auch Worte der Verzweiflung mischen, wird die Frage gestellt: "Warum gerade ich, wo bist du, lieber Gott, wir brauchen doch deine Hilfe?"

Der Tsunami hat diese alte Menschheitsfrage wieder auf die Tagesordnung gespült, eine Frage, die ganz unabhängig von Religionszugehörigkeiten gestellt wird. Und auch lange vor Golgatha die Menschen umtrieb. Schon vor Jesu Klage am Kreuz "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Matthäus 27) wird dieses Problem im Buch des Hiob (Altes Testament) oder bei dem antiken griechischen Denker Epikur (341-271 v. Chr.) bedacht. Zweifel an der gütigen Schöpfung und dem einen guten christlichen Gott - sie beschäftigten Europa im Jahr 1755, als ein Erdbeben die Küste vor Lissabon verwüstete und eine Flutwelle 60 000 Menschen ins Verderben riß, und sie erreichten angesichts der Todeslager von Auschwitz bis Birkenau einen unvorstellbaren Höhepunkt. In wenigen Tagen gedenken wir wieder des millionenfachen Todes von Menschen, die sich in den Konzentrationslagern wie Jesus gefragt haben mögen: "Warum hast du mich verlassen?"

Doch Auschwitz ist nicht Khao Lak. Oder doch? Macht Gott selber keinen Unterschied zwischen dem Bösen im Menschen und dem Bösen der Natur? Oder war das Böse gar schon da, bevor Gott zu wirken begann, wie manche neutestamentliche Theologen vermuten? Schon lange vor der christlichen Auseinandersetzung mit dieser Frage beschrieb Epikur das Problem so:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, oder er kann es und will es nicht: dann ist Gott mißgünstig, was ihm fremd ist, oder er will es nicht und kann es nicht: dann ist er schwach und mißgünstig zugleich, also nicht Gott, oder er will es und kann es, was allein Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

Wir Menschen seien nicht berechtigt, Gott anzuklagen, hat der große protestantische Theologe Karl Barth einmal gesagt. Gibt es also keine Antwort auf die Frage, ob Gott nicht auch Gott sein kann, wenn er Böses zuläßt? Der britische Theologe David Hart warnte, vor dem Hintergrund der Bilder der verwüsteten Strände Süd- und Südostasiens "unerträgliche Banalitäten über Gottes Ratschluß oder blasphemische Andeutungen von sich zu geben, daß all dies auf geheimnisvolle Weise Gottes Zielen diene". Uns sei lediglich gestattet, den Tod und die Vergeudung menschlichen Lebens durch entfesselte Naturgewalten zu hassen. Vielmehr sollten wir glauben, daß die gefesselte Schöpfung leidet, sollten wir diese Welt als gespalten betrachten zwischen zwei Reichen, wissend, daß nur die Barmherzigkeit uns gegen das "Schicksal" wappnen kann und daß dies bis zum Ende der Zeiten so bleiben wird.

"Ich kann nachempfinden, wenn Menschen in einer solchen Lage an Gott zweifeln, ja verzweifeln", sagte Bischof Wolfgang Huber, Sprecher des deutschen Protestantismus, in einer Reaktion auf die schreckliche Tragödie in Asien. Aber die Gewalt der Natur habe nicht die Allmacht Gottes, sondern die Allmachtsvorstellungen des Menschen in die Schranken gewiesen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): "Gottes Allmacht bedeutet nicht, daß Gott alles Böse und Unbegreifliche verhindert." Vielmehr zeige sich die Allmacht "in der Liebe, mit der Gott sich uns zuwendet, damit wir uns auch angesichts des Unbegreiflichen an ihr orientieren". Er glaube fest, daß Gott nicht den Tod, sondern das Leben wolle. Huber: "Eine andere Zuflucht aus diesem unbegreiflichen Leid als ihn weiß ich nicht."

Und der Hamburger evangelische Theologe Hans-Martin Gutmann formuliert: "Gott ist aus Liebe Mensch geworden und hat damit Macht aufgegeben." Der christliche Gott habe aber nicht alles in der Hand. Im Leben und Sterben Jesu sei sichtbar geworden, daß Gott mitleidet.

Eine Antwort ganz im Sinne der "Theodizee", dem Ringen um eine theologische Rechtfertigung Gottes auch in Zeiten unschuldigen Leidens. Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) hat diesen Begriff in seinen Essays geprägt. Danach ist die von Gott geschaffene Erde zwar "die beste aller möglichen Welten", doch das bedeute nicht, daß sie vollkommen sei. Dies sei nur Gott selbst.

Wie Leibniz haben Kirchenvertreter, Philosophen und Religionswissenschaftler seit jeher versucht, die Spannung zwischen dem Glauben an die Güte Gottes und der Wahrnehmung des schuldlosen Leidens in der Welt durch Festigkeit im Glauben zu erklären. "Was bleibt, ist die tatkräftige Hilfe für die Überlebenden, das Gebet und unser Glaube", sagt der Schleswiger Bischof Hans Christian Knuth ganz pragmatisch. Er trifft damit den Nerv vieler Menschen, die mit großzügigen Spenden sich einen Teil ihrer eigenen Ohnmacht zu entledigen versuchen. Wer hilft, der handelt, wer handelt, ist nicht ausgeliefert. Mit der Tat aber kann der Mensch wenigstens wieder an sich glauben.

Kirchlicher Trost hat, wie wir sehen, in diesen Tagen der Tsunami-Katastrophe Hochkonjunktur. Von Kardinal Karl Lehmann stammt der Satz, daß die Theologie heute die "Grenzen der Theorie" kenne und sich deshalb mit Deutungsversuchen zurückhalte. Doch die säkularisierte Welt, so scheint es, sehnt sich immer noch nach Erklärungen. Ob Gott nun tot ist, wie Friedrich Nietzsche radikal erklärte, oder ob wir es mit Dorothee Sölle halten, die sagte, daß sie auch nicht wisse, wie man nach Auschwitz Gott noch loben solle: Der Rückgriff auf die Bibel - von Sintflut war die Rede, von Zerstörung biblischen Ausmaßes, von Heimsuchung - beweist, wie sehr gerade der christliche Mensch, so säkularisiert er auch sein mag, im Angesicht von unermeßlichem Leid sich der alten Metaphern besinnt. Die moderne Sprache dagegen bleibt weitgehend sprachlos.

Da nützt es auch nichts, wenn der Philosoph Gernot Böhme sagt: "Man kann mit dieser Katastrophe nur fertig werden, wenn man mit dieser Welt nüchtern und vernünftig lebt, nicht indem man ihr einen Sinn gibt." Böhme verweist darauf, daß andere Völker und Kulturen mit Naturkatastrophen ganz anders umgehen als wir. Aber beweisen nicht die herzzerreißenden Bilder so vieler trauernder Menschen, daß auch sie sich die Frage nach Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit ihres Schicksals stellen?