"Der zweite Schuss traf meinen Mann"

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Cornel Faltin

Nellie Connally saß vor 40 Jahren mit dem Präsidentenpaar im Auto, als JFK erschossen wurde. Im Abendblatt widerspricht sie der amtlichen Rekonstruktion des Attentats

Washington. " . . . und dann flogen plötzlich rote und gelbe Rosen und Blut auf mein Kostüm, Blut und Knochensplitter und Gehirnpartikel."

Nellie Connallys Stimme steigert sich zu beinahe hysterischem Schreien, als sie jenen furchtbaren Augenblick schildert, der nicht nur ihr Leben, sondern auch das einer ganzen Nation veränderte. Es war die Minute, in der die amerikanische Geschichte stillzustehen schien. Es war der 22. November 1963, 12.30 Uhr Ortszeit in Dallas (Texas). Es war die Ermordung John F. Kennedys, des 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Nellie Connally war damals 44 und die Ehefrau des damaligen Gouverneurs von Texas, John Connally. Heute ist sie 84 Jahre - und die letzte noch lebende Insassin jenes schwarzen Lincoln Continental, in dem Kennedy von dem Attentäter Lee Harvey Oswald tödlich getroffen wurde. Mrs. Connally hat soeben ein Buch vorgestellt mit dem Titel "From Love Field: Our Final Hours with President John F. Kennedy" ("Von Love Field: Unsere letzten Stunden mit Präsident John F. Kennedy").

Aber warum erst jetzt, 40 Jahre nach dem Attentat? "Das war eine wunderliche Sache", erzählt die äußerst rüstige Dame, die in einem braunen Seidenkostüm von Yves St. Laurent mir gegenübersitzt: "Ich räumte 1996 einen alten Schrank auf und fand plötzlich in einer Schublade einen Block mit meinen Aufzeichnungen über die Ereignisse von damals." Die Notizen hatte sie zehn Tage nach dem Präsidentenmord zu Papier gebracht. "Aber eigentlich nur, damit meine Kinder und Enkel einmal erfahren, wie es wirklich war, und damit es Teil unserer Familiengeschichte bleibt."

Wie es wirklich war: Ihre Fakten unterscheiden sich in einem ganz entscheidenden Punkt von dem der Warren-Kommission, die seinerzeit unter Leitung des Bundesrichters Earl Warren das Attentat untersuchte. Nellie Connally beharrt - wie schon vor 40 Jahren - darauf, dass drei Kugeln im Präsidentenwagen einschlugen und nicht nur zwei, wie es in den amerikanischen Geschichtsbüchern steht. "Mir ist es gleich, was Historiker und andere Leute erzählen. Ich frage dann nur immer zurück: ,Saßen Sie damals mit im Auto - oder ich?' Und natürlich kann keiner diese Frage bejahen. Ich weiß, was ich weiß", erklärt die Witwe dem Abendblatt.

Und dann erzählt sie von jenem Morgen, als sie und ihr Mann John zunächst in Fort Worth zu den Kennedys in die Präsidentenmaschine "Air Force One" stiegen, wie alle gemeinsam nach Dallas flogen und wie sie auf dem Flughafen Love Field empfangen wurden. "Jackie erhielt zur Begrüßung einen großen Strauß roter Rosen, ich selbst ein wunderschönes Bouquet mit gelben Rosen", erzählt Connally.

Es war ein grauer Vormittag, der Himmel dicht bewölkt. Man überlegte, ob man das so genannte "bubbletop", ein durchsichtiges, kugelsicheres Verdeck auf der Präsidentenlimousine anbringen soll. Als der Himmel plötzlich aufriss, entschied sich Kennedy - gegen den Rat des Secret Service -, lieber offen zu fahren. Kurz nach Mittag startete der Autokonvoi Richtung Innenstadt, wo Zehntausende Bürger seit Stunden darauf warteten, den jungen Präsidenten (damals 46) und seine schöne Frau Jackie zu sehen. "Rechts hinten saß der Präsident, neben ihm Jackie, davor auf Notsitzen mein Mann und daneben ich", erinnert sich Connally. "Es war ein herrlicher Tag, und wir waren ein schönes Quartett. Das einzige Desaster schien die Tatsache, dass Jackie und ich beide rosafarbene Kostüme trugen."

Dann ging alles sehr schnell. "Ich drehte mich nach hinten und sagte zum Präsidenten: ,Mister President, Sie können gewiss nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt.'" Es waren vermutlich die letzten Worte, die Kennedy vernahm. "Plötzlich hörte ich ein lautes, schreckliches Geräusch. Es kam von hinten. Ich drehte mich um und sah, wie der Präsident sich an den Hals griff und zusammensackte", erzählt Connally. Ein zweiter Schuss traf ihren Mann, den Gouverneur, der sich gerade zu Kennedy umdrehen wollte. "John schrie: ,Nein, nein, nein! Mein Gott, sie werden uns alle umbringen', bevor er schwer verletzt zusammenbrach und ich ihn auf meinen Schoß zog." Dann fiel - so Mrs. Connally - der dritte Schuss, "der den Kopf des Präsidenten zerschmetterte. Das Auto und mein ganzes Kostüm waren voll Blut, Knochensplittern und Gehirnsubstanz. Es war entsetzlich." Laut Warren-Report traf die zweite Kugel zuerst Kennedys Kopf, drang dann durch Connallys Rücken, durchschlug seine rechte Hand, wurde nach unten abgelenkt, um schließlich in seinem Bein stecken zu bleiben.

Die alte Dame schildert weiter: "Ich hörte Jackie schreien: ,Helft doch meinem Mann, ich habe sein Gehirn in der Hand.'" Sie selbst habe aber sofort gespürt, dass der Präsident tot war. Mit einem Mal kletterte die First Lady aus ihrem Sitz auf den Kofferraum, wo sie vom Sicherheitsbeamten Clint Hill, der auf ein Trittbrett am Heck des Wagens geklettert war, zurückgedrängt wurde. Jahrzehntelang kursierten verschiedene Mutmaßungen über das Verhalten Jackie Kennedys. Die einen meinten, sie habe Hill in den Wagen helfen wollen, andere erklärten, sie wollte in panischer Angst nur raus aus dem Auto. "Das stimmt nicht", erzählt Nellie Connally, "Jackie sagte mir später einmal, dass sie auf den Kofferraum kroch, um dort ein Stück der Schädeldecke ihres Mannes aufzusammeln."

Nach einer Höllenfahrt traf die Präsidenten-Limousine sechs Minuten später im Parkland Hospital ein; eine knappe Stunde darauf, um genau 13.33 Uhr, wurde Kennedy für tot erklärt. Der Frau des Gouverneurs erschien es unterdessen wie eine Ewigkeit, bis sich jemand um ihren "noch schwach atmenden, stark blutenden Mann" kümmerte. "Alle schrien nur: ,Mister President, Mister President!'"

Der Gouverneur, der schwerste Verletzungen, unter anderem eine Tennisball große Schussaustrittswunde am Brustkorb, erlitten hatte, wurde in einer fast fünfstündigen Notoperation gerettet. Er starb 30 Jahre später an einer Lungenkrankheit; da war er 76. "John litt Zeit seines Lebens an schweren Albträumen. Er dachte immer wieder, dass er erschossen wird", sagt seine Witwe.

Auch Nellie Connallys Leben änderte sich an jenem 22. November vor 40 Jahren schlagartig. Über Nacht wurde ihr Haar weiß - eine Folge des Schocks. Außerdem fühlt sie sich seither nirgends mehr richtig sicher. "Ja, es gab viele schlechte Tage in meinem Leben, aber auch viele gute." Über die guten Tage redet sie gern, etwa über die 53 Jahre glücklicher Ehe mit John Connally, der später unter Richard Nixon Finanzminister wurde. Dass es außer den Schüssen in Dallas weitere schlechte Tage gab, will sie nicht erzählen. Das hört man nur von engen Freunden. So etwa der Selbstmord ihrer ältesten Tochter 1958, ihr Kampf gegen Brustkrebs und ein finanzieller Offenbarungseid 1987. "Das ist sehr persönlich und geht niemanden etwas an", wehrt sie leise ab.

Sie ist sich im Klaren darüber, dass man sie Zeit ihres Lebens definieren wird als "die letzte Überlebende" aus jenem Auto, in dem John F. Kennedy ermordet wurde. "Ich bin wohl ein Stück amerikanischer Geschichte geworden, ob ich es will oder nicht." Das berühmte rosa Kostüm von damals hat Nellie Connally aufgehoben. Es liegt säuberlich gereinigt und in Plastik verpackt in ihrem Schrank. Als sei sie besorgt, es könne ein falscher Eindruck entstehen, sagt sie beim Abschied: "Ich habe es nie mehr angezogen. Es ist einfach ein Stück Erinnerung und Zeitgeschichte, deshalb kann ich mich wohl nie davon trennen."

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