In Kämpfen Mann gegen Mann fühlt sich der Irak überlegen

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Einsatz von Präzisionswaffen oder Kämpfe in der Stadt? Das Pentagon will vermeiden, dass das Schreckensszenario wahr wird.

Bagdad/Washington. Trotz ihrer zweifellosen technischen Überlegenheit könnte der drohende Irak-Krieg für die US-Armee in einem Fiasko enden: Sollten Amerikas Soldaten und ihre Verbündeten in einen Straßenkampf in Bagdad hineingezogen werden, helfen ihnen keine Präzisionswaffen und unbemannte Flugzeuge mehr. Am Ende könnte Irak den USA nicht nur militärisch, sondern auch politisch schwere Schäden zufügen. Denn die US-Soldaten würden nicht nur hohe Opferzahlen in den eigenen Reihen riskieren, sondern auch unschuldige Zivilisten gefährden, die zwischen die Fronten geraten. Für US-Präsident George W. Bush und seine Unterstützer wäre es dann noch schwieriger, ihren ohne UN-Mandat laufenden Militäreinsatz zu rechtfertigen. Was im Pentagon als Schreckensszenario gilt, ist für die irakische Armee eine Möglichkeit, dem starken Gegner militärisch und politisch zu schaden. "Ihre Schwäche liegt im Straßenkampf", sagt ein irakischer Offizier einer Eliteeinheit über die US-Truppen. Der Soldat weiß: Wenn sich die verfeindeten Soldaten auf den Straßen der irakischen Hauptstadt gegenüberstehen, sind Präzisionsbomben nicht halb so brauchbar wie Ortskenntnisse und Erfahrungen im Nahkampf. "Im richtigen Kampf haben die Infanteristen das letzte Wort", sagt der Offizier. "Die Technologie zählt dann nicht." "Unsere Strategie ist, die erste Schockwelle aufzufangen, um die Amerikaner dann in die Städte zu zwingen", fügt der Offizier mit dem feingestutzten Schnurrbart und dem roten Barrett hinzu. Obwohl das US-Verteidigungsministerium hofft, an einem Straßenkampf vorbeizukommen, seien die Soldaten darauf vorbereitet, betont ein Pentagon-Vertreter in Washington. "Wenn man einen Staat entwaffnen will, muss man das überall tun", sagt er. Also auch in der Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt Bagdad. Dabei ist es gar nicht so einfach, überhaupt bis Bagdad vorzudringen: Um die Stadt wurden Gräben gezogen, die mit Öl gefüllt und angezündet werden können. Zahlreiche Luftabwehrsysteme wurden rund um Bagdad aufgezogen und die dicht bevölkerten Vororte, Elitetruppen des Machthabers Saddam Hussein stehen zur Verteidigung bereit. Spezialtruppen seines ältesten Sohnes Udai Hussein sind eigens dafür abgestellt, mögliche Aufstände innerhalb der irakischen Bevölkerung zu unterdrücken. Um den US-und britischen Soldaten den Straßenkampf noch weiter zu erschweren, verteilte die irakische Regierung an Udai Husseins Truppe gefälschte Uniformen der beiden gegnerischen Armeen. Die irakischen Streitkräfte wollen nach eigenen Angaben nicht die gleichen Fehler machen wie beim Golfkrieg 1991. Damals warfen die alliierten Truppen binnen 38 Tagen 60.000 Tonnen Bomben auf Irak. Es folgte ein kurzer Bodenkampf, nach nur vier Tagen wurden die irakischen Truppen in die Flucht geschlagen. Das mögliche Vorgehen der irakischen Armee - im Fachjargon "asymmetrische Strategie" genannt - könnte Experten zufolge Terroranschläge, Angriffe mit chemischen und biologischen Waffen, Geiselnahmen und den Missbrauch von Menschen als Schutzschilde umfassen. Seit dem Zweiten Weltkrieg vermied es die US-Armee nach Möglichkeit, in Straßenkämpfe hineingezogen zu werden. In Irak kann sie sich allerdings eine Kombination aus Bombenabwürfen, Hubschrauberangriffen und einem Vorstoß in die Stadt mit leichtbewaffneter Infanterie vorstellen, wie ein Kommandeur der US-Armee in Kuwait, Generalleutnant William Wallace, kürzlich der Zeitung "New York Times" sagte. Dabei sollten gezielt die irakischen Schlüsselstellungen angegriffen werden.