Berlin vor dem Krieg

Die Hauptstadt bereitet sich auf den "Tag X" vor. Bei einem Kriegsausbruch im Irak müssen die Berliner nicht um ihre Sicherheit bangen, heißt es fast beschwörend in der Verwaltung von Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Mit Anschlägen auf Einrichtungen am Sitz der Bundesregierung sei nicht zu rechnen Berlin - "Wir haben nicht den Hauch eines Hinweises", sagt Körting. Trotzdem arbeiten die Sicherheitsbehörden mit Hochdruck. Schon seit Wochen planen sie verschiedene Szenarien für den Ernstfall durch und stimmen Einsatzpläne ab. Regelmäßig sitzen Experten der Berliner Innenverwaltung, des Bundesgrenzschutzes sowie des Bundeskriminalamtes zusammen und analysieren die Lage. "Was an Schularbeiten gemacht werden konnte, ist gemacht. Die Bevölkerung kann beruhigt in die nächsten Wochen sehen", fasst der Innensenator die Situation zusammen. Es sei aber eine Lehre der Terroranschläge vom 11. September, dass es absolute Sicherheit nicht gebe. Rings um das Reichstagsgebäude wurden Absperrgitter aufgebaut, Polizisten patrouillieren. "Das ist wegen des drohendes Krieges. Wir sind jetzt hier rund um die Uhr", sagt ein Beamter. Die US-Botschaft in der Nähe des Brandenburger Tores ist weiträumig abgesperrt. Ein Wasserwerfer ist postiert, mehrere Beamte haben das Geschehen auf dem angrenzenden Boulevard Unter den Linden im Blick. Schon nach den Anschlägen vom 11. September wurden die Sicherheitsmaßnahmen an der Botschaft spürbar verstärkt. Ohne Kontrolle kommt hier niemand bis zur Eingangstür. An diesem Morgen steht ein einsamer Protestant vor der Absperrung, er trägt Pappschildern gegen den Krieg. "Ich bin aufgewühlt und verbittert, dass sich George Bush jetzt als Weltgendarm aufspielen will", sagt der 62-jährige Eckard Lindenau. Er hofft, dass sich weitere Menschen einfinden und protestieren. Ringsum liegen noch Kerzenreste von der großen Lichterkette am vergangenen Wochenende, mit der weit mehr als 100 000 Menschen quer durch die Hauptstadt gegen den drohenden Krieg im Irak protestiert hatten. Demonstrationen, bei denen Emotionen hoch schwappen und in Gewalt umschlagen könnten, dürften der Polizei in Berlin derzeit die meisten Sorgen bereiten. Zahlreiche Friedensinitiativen und Gruppen haben zu Protest-Treffen am "Tag X" aufgerufen. Innensenator Körting will die Stadt aber nicht in eine Festung verwandeln: Die Beamten wollten für einen geordneten Ablauf der Protestaktionen sorgen, heißt es. Demonstrationszüge sollen jedoch nicht in der Nähe gefährdeter Objekte vorbeiführen. Um die US-Botschaft könnten beispielsweise zusätzlich Seitenstraßen gesichert werden. Als "abstrakt besonders gefährdet" gelten laut Körting auch die britische Botschaft sowie israelische und jüdische Einrichtungen. Abhängig von dem Geschehen könnten weitere Botschaften hinzukommen. Bei militärischen Aktionen im Irak wären laut Innensenator alle beteiligten Länder potenzielle Anschlagsobjekte. Für die Sicherung der betroffenen Botschaften laufe dann ein Sonderprogramm ab. "Die Sicherheitsmaßnahmen können je nach Lage noch oben gefahren werden", betont Körting-Sprecher Peter Fleischmann. Wegen der akuten Kriegsgefahr begann am Dienstag auch ein verschärftes Sicherheitsprogramm auf den drei Berliner Flughäfen. Mehr Wachdienst-Streifen als sonst sind unterwegs, auch die Zugangskontrollen für das Personal wurden verstärkt. "Wir haben auf die Situation reagiert und werden weiter reagieren", sagt ein Flughafensprecher.