Vatikan

Personalwechsel: Neuer Chef der Glaubenskongregation?

Fast ein Dutzend Leitungspositionen sind mit Würdenträgern jenseits der Pensionsgrenze von 75 Jahren besetzt. Wird die Kurie internationaler?

Vatikanstadt. Im Vatikan steht derzeit eine Reihe hochrangiger Personalwechsel an. Dabei geht es zwar sicher nicht um das Amt des Kardinalstaatssekretärs, der gegenwärtig im Visier der „Vatileaks“-Attacke steht. Aber derzeit sind fast ein Dutzend Leitungspositionen mit Würdenträgern jenseits der Pensionsgrenze von 75 Jahren besetzt. Und auch wenn kein Zusammenhang zwischen Enthüllungsaffäre und Personalrevirement besteht, wird man die Ernennungen diesmal besonders aufmerksam registrieren. Zudem wird man beobachten, ob die Kurie künftig italienischer wird oder internationaler. Denn in der Diskussion um „Vatileaks“ spielen Einfluss und Wirken der Italiener eine nicht unwesentliche Rolle.

Bereits am Wochenende nahm Benedikt XVI. den Rücktritt des Bibliothekars und Archivars der „Heiligen Römischen Kirche“, Kardinal Raffaele Farina (78), an. Dass nicht zugleich ein Nachfolger ernannt wurde, ist ungewöhnlich und ließ auf Komplikationen schließen. Für das Amt, das meist an verdiente ältere Kuriale ging, habe es bereits Absagen gegeben, hört man.

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Im Mittelpunkt des Interesses steht freilich die Glaubenskongregation, deren Präfekt William Levada an diesem Freitag 76 Jahre alt wurde und der als amtsmüde gilt. Unklar ist freilich, ob Benedikt XVI. den Amtswechsel vor einer Entscheidung in Sachen Piusbrüder vornimmt, der sie könnte sich hinziehen. Als Kandidat für die Levada-Nachfolge wird der kanadische Präfekt der Bischofskongregation, Marc Ouellet (68), genannt, oder der Italo-Amerikaner Joseph Augustine Di Noia (68), derzeit Sekretär der Sakramentenkongregation. Mit einer Verlängerung der Amtszeit kann der Präsident des Familienrates, Kardinal Ennio Antonelli (75), rechnen, der soeben mit viel Bravour den Mailänder Weltfamilientag organisiert hat.

Dagegen dürfte Erzbischof Pier Luigi Celata, der Sekretär des Dialogrates, der im Januar 75 wurde, bald in Pension gehen. Das gleiche gilt für seinen Landsmann und beigeordneten Sekretär der Missionskongregation, Pierluigi Vacchelli. Der vakante Posten des „dritten Manns“ der Missionskongregation war am Dienstag wieder besetzt worden. An die Stelle des plötzlich verstorbenen Massimo Cenci berief der Papst den aus Sri Lanka stammenden Theologen Indunil Janakaratne Kodithuwakku Kankanamalage.

Seit längerem unbesetzt ist die Stelle des Untersekretärs im Einheitsrat. Auch in der Führungsetage der Kirchengerichte stehen mittelfristig Personalwechsel an. Der aus Polen stammende Rota-Dekan Antoni Stankiewicz hat bereits im Oktober 2010 das 75. Lebensjahr vollendet. Gianfranco Girotti, „Reggente“ der Apostolischen Pönitentiarie, erreichte die Altersgrenze im April.

Bleibt die Frage, wie anstehende Neubesetzungen die Präsenz der Italiener in der Kurie verändern werden. In den „kleinen Ministerien“, den Päpstlichen Räten, stellen sie heute die Hälfte der Präsidenten (sechs von zwölf), in den Kongregationen ein Drittel (drei von neun) – das sind mehr als beim Pontifikatsbeginn Benedikts XVI. 2005. Im Kardinalskollegium sind 30 der 124 potenziellen Konklave-Teilnehmer Italiener.

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Der deutschsprachige Raum ist unter dem bayerischen Papst an der Kurienspitze derzeit mit nur einem Behördenchef (dem Schweizer Kardinal Kurt Koch, Ökumene), einem Sekretär (dem Deutschen Bischof Josef Clemens, Laienrat) und einem Untersekretär (Prälat Udo Breitbach, Bischofskongregation) vertreten. Daher halten sich die Spekulationen um einen Rom-Wechsel des Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller (64) besonders hartnäckig. Vatikanisten sahen ihn bereits in einem halben Dutzend verschiedener Leitungsämter, von der Bischofs- oder der Bildungskongregation über den Ökumene-Rat bis hin zum Archiv. Der Vatikanexperte der Zeitschrift „L’Espresso“ Sandro Magister wähnt den sprachkundigen Theologen gar in „Pole Position“ für die Glaubenskongregation.

Rätselraten löste unterdessen Müllers jüngste Berufung zum Mitglied in zwei weiteren Vatikanbehörden aus. Er hat damit vier römischen Aufgaben – und ist am Vatikan fester engagiert als mancher Kardinal. Bleibt die Frage, ob dies einen baldigen Wechsel in die Ewige Stadt signalisiert – oder ob der Papst ihn enger an Rom binden möchte, weil er (zunächst) in seiner deutschen Diözese bleibt. (KNA)