BP kann die Ölpest nicht stoppen

Nach dem Misserfolg der Methode "Top Kill" strömen weiter täglich drei Millionen Liter Rohöl ungehindert in das Meer

Washington. Nach dem Scheitern von BPs "Top Kill"-Experiment ist für die Amerikaner und ihre Regierung die letzte Hoffnung erloschen, das Leck im Grund des Golfs von Mexiko bald zu verschließen. Drei volle Tage lang hatten Ingenieure des Konzerns versucht, schweren Ölschlamm und Gummiabfall in das Bohrloch in 1500 Meter Tiefe zu pumpen. Wegen des enormen Drucks in dieser Tiefe entwich aber offenbar der größte Teil des Bohrschlamms. BP-Chef Tony Hayward äußerte sich "enttäuscht" über das Scheitern der Operation; der Konzern hat nach eigenen Angaben seit der Havarie des Bohrschiffs "Deepwater Horizon" am 20. April annähernd eine Milliarde Dollar im Kampf gegen das Leck aufgewandt.

US-Präsident Barack Obama ließ an seinem Urlaubsort in Chicago - heute ist Memorial Day, der Volkstrauertag der USA - ein Statement veröffentlichen, indem er die Admiralin der Küstenwache, Mary Landry, anweist, BP weitere Anstrengungen zu befehlen. Doch seien auch diese unerprobt in dieser Tiefe und mit dem Risiko verbunden, dass alles noch schlimmer werde. Am Freitag war der Präsident zum zweiten Mal in fünf Wochen an die Golfküste von Louisiana geflogen und hatte sich über die kaum zu ermessenden Schäden für die fischreichsten Gewässer des Landes informiert. Die Situation sei "herzzerreißend". Niemand weiß, was die gigantischen Wolken verdünnten Öls, die im Golf auf einer Fläche von etwa 120 000 Quadratkilometern unter der Wasseroberfläche treiben, für die Nahrungskette und für die Küsten von fünf Bundesstaaten bedeuten werden.

Nach jüngsten Schätzungen der US-Behörden strömen täglich bis zu drei Millionen Liter Rohöl aus der geborstenen Quelle. Wenn die neuste Abdichtungsmethode BPs keinen Erfolg hat, richten sich die Hoffnungen nur noch auf zwei Entlastungsbohrungen, die frühestens im August ihr Ziel erreichen und, so sagen Experten, nicht vor November ihre Funktion übernehmen könnten. Ingenieuren muss dazu das Kunststück gelingen, ein kaum 20 Zentimeter großes Ziel in der Tiefe zweimal exakt zu treffen. Bis dahin würden die Betroffenen, die US-Behörden und die Medien nach immer neuen Steigerungsformen von "ökologischer und ökonomischer Katastrophe" suchen. Schon jetzt übertrifft die BP-Ölpest um das Doppelte die ausgetretene Rohölmenge nach der Havarie des Tankers "Exxon Valdez" 1989 vor der Küste Alaskas. Dort sind die Langzeitfolgen für das Ökosystem wie für die Menschen, die bei den Aufräumungsarbeiten Öldämpfen und Chemikalien ausgesetzt waren, niederschmetternd. Zu den medizinischen Folgen zählen vor allem neurologische Erkrankungen.

Auch in Louisiana klagten bereits zehn Mitglieder von Räum-Crews über Schwindel, Übelkeit und Orientierungslosigkeit. Die US-Küstenwache rief nach solchen Krankmeldungen alle 125 Schiffe, die am Mittwoch im Breton Sound gearbeitet hatten, in die Häfen zurück. In einem streng formulierten Brief verlangte US-Gesundheitsministerin Kathleen Sibelius von dem Konzern, "die Verantwortung für gesundheitliche Konsequenzen zu übernehmen". Ihr Ministerium sei "sehr besorgt". Hugh Kaufman von der Umweltschutzbehörde EPA hält Nebenwirkungen für unvermeidlich: "Es ist nicht möglich, in einer solchen giftigen Suppe zu arbeiten, ohne ihrem Gift ausgesetzt zu sein." Kaufman vergleicht die derzeit laufenden Reinigungsbemühungen mit der Situation nach dem 11. September 2001 auf dem dampfenden, staubigen Trümmerfeld von "Ground Zero". Nach wenigen Monaten häuften sich schwere Lungenerkrankungen. Die Arbeiter prozessieren bis heute.

Der neuste Versuch, das Leck zu stopfen, wird laut BP vier Tage Vorbereitungszeit benötigen. Dann werden Ingenieure versuchen, das Steigrohr zu kappen und mit einem Ventil zu verschließen, um wenigstens einen Teil des Öls auf Tanker zu pumpen. Die neue Methode hört auf den illustren Namen "Lower Marine Riser Package Cap (LMRP)". Nach den Worten von Doug Suttle, Top-Manager BPs in den USA, könnte mit dieser Technik "der größte Teil" des ausströmenden Öls aufgefangen werden. "Von 100 Prozent will ich nicht sprechen." Wiederum birgt dieses Verfahren wie alle Vorgänger das Risiko, dass bei nur geringen Fehlern sich die Situation dramatisch verschlimmern kann. LMRP war offenkundig nicht BPs erste Wahl, was seine Erfolgaussichten und sein Risiko betrifft.