Briten-Premier Brown sieht sich in der Rolle des Außenseiters

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Sylvia Wania

Bei der Wahl könnten die Liberalen zum Königsmacher werden

Hamburg. Das Gerüst für seine erste Rede an die Nation steht. Seine Regierung werde "die Ärmel aufkrempeln", die Bekämpfung der Wirtschaftskrise anpacken und die Kampftruppen keinesfalls reduzieren, sagte David Cameron der britischen "Times". Das Problem: Der Chef der oppositionellen konservativen Tories hat die Wahlen noch gar nicht gewonnen. Erst am Donnerstag werden die Wähler entscheiden, ob die Tories die Chance bekommen, Großbritannien umzukrempeln.

Nach Umfragen ist völlig offen, wer als Sieger aus der Abstimmung hervorgehen wird. Im "Guardian" kamen die Konservativen auf 33 Prozent. Sie erhielten damit fünf Punkte mehr als die Regierungspartei Labour unter Gordon Brown, die wiederum gleichauf lag mit den Liberaldemokraten. Die Erhebung der "Sun" sah die Konservativen bei 34 Prozent, die Liberaldemokraten bei 29 Prozent und Labour bei 28 Prozent. Aufgrund der Besonderheit des britischen Mehrheitswahlrechts würde Labour dennoch stärkste Kraft im Unterhaus, in der "Guardian"-Umfrage wären dies die Konservativen.

Damit wird immer wahrscheinlicher, dass die künftige Regierungspartei auf die Unterstützung einer weiteren Partei angewiesen ist - in Großbritannien ist dies in der Nachkriegsgeschichte erst einmal, 1974, passiert. Hier kommt der dritte Mann ins Spiel: Die Liberaldemokraten unter ihrem Parteichef Nick Clegg könnten zum Königsmacher werden. Der neue Star am politischen Firmament hat sich vor allem in den TV-Debatten etablieren können, in denen er Tories und Labour als "abgetakelt und müde" kritisierte und so vom Verdruss der Briten über beide großen Parteien profitierte, die in den vergangenen Jahrzehnten abwechselnd die Regierung stellten. "Je mehr sich die beiden angreifen, desto ähnlicher wirken sie", sagte Clegg über seine Kontrahenten. Und: Nur seine Partei stehe für einen wirklichen Neuanfang.

Premier Gordon Brown räumt inzwischen offen ein, dass seine Labour-Partei, die Großbritannien in den vergangenen 13 Jahren regierte, auf dem Posten des Außenseiters rangiere. "Wir sind die Underdogs", sagte Brown dem "Observer", "aber wir kämpfen mit allem, was wir haben." Brown wirkt mehr und mehr wie ein angeschlagener Boxer. Die Briten geben vor allem ihm, dem ehemaligen Schatzkanzler, die Schuld an der Wirtschaftskrise. Und in den letzten TV-Debatten kam er so hölzern rüber, dass ein Parteifreund anmerkte, Brown habe eben mehr ein Gesicht fürs Radio als fürs Fernsehen. Außerdem kämpft der Premier mit einem schweren Patzer. Er hatte im Wahlkampf über eine Wählerin gelästert und diese als "bornierte Frau" beschimpft - und nicht bemerkt, dass das Mikrofon eines Fernsehsenders noch an seinem Hemd steckte. Ein schwerer Fehler, den Brown umgehend eingestand.

Ausgeschwiegen hingegen haben sich Brown, Cameron und Clegg, wie sie die Probleme des Landes bekämpfen wollen. Die Neuverschuldung Großbritanniens ist mit 164 Milliarden Pfund (187 Milliarden Euro) fast so hoch wie die in Griechenland. Aber keiner der drei rückt mit konkreten Sparplänen heraus. Zumal die Briten Politiker nicht belohnen, die ihnen unbequeme Wahrheiten zumuten. So warnte bereits Mervyn King, Präsident der Bank von England, dass die nächste Regierungspartei, die grausame Sparmaßnahmen beschließen müsse, sich darauf gefasst machen könne, 30 Jahre lang nicht wiedergewählt zu werden.