"Unverzeihlich"

Ukraine-Krieg: Israel entsetzt über Nazi-Aussage Lawrows

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Maria Sterkl und Christian Unger
Weitere Evakuierungen aus Stahlwerk in Mariupol geplant

Weitere Evakuierungen aus Stahlwerk in Mariupol geplant

Weitere Zivilisten sollen aus dem seit Wochen umkämpften Asow-Stahlwerk in Mariupol im Süden der Ukraine in Sicherheit gebracht werden. Am Wochenende gelangten nach ukrainischen Angaben mehr als hundert Menschen nach Saporischschja.

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Russlands Außenminister Lawrow sorgt in Israel mit einem Nazivergleich für Empörung. Der russische Botschafter wurde einbestellt.

Jerusalem/Berlin. 
  • Russlands Außenminister sorgt mit verdrehten Nazi-Vergleichen für Entrüstung
  • Israels Außenminister Lapid spricht von "unverzeihlichen" Äußerungen
  • Bundesinnenministerin Faeser nennt Lawrows Worte einen "Schlag ins Gesicht" aller Juden in Deutschland

Zum ersten Mal seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine hat Israels Außenminister Jair Lapid den russischen Botschafter zu einem "klärenden Gespräch" eingeladen. Und es werde bestimmt "kein einfaches Gespräch" werden, sagt Lapid. Der Anlass für den Ärger des Ministers ist eine Äußerung, die sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow im Interview mit dem italienischen Sender Rete 4 getätigt hatte.

Russlands Kriegsverbrechen seien nur der Versuch einer "Entnazifizierung" der Ukraine, behauptete Lawrow dort einmal mehr. Dem Argument, dass doch der ukrainische Präsident Wolodymir Selenskyj selbst Jude ist, entgegnete Lawrow mit einer historischen Lüge: "Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind."

Israels Außenminister nennt Lawrows Geschichtsverdrehung "unverzeihlich"

Als "unverzeihlich" und "skandalös" bezeichnete Lapid die Geschichtsklitterung aus dem Munde Lawrows. Der Minister müsse sich für seine Aussage entschuldigen, fordert Lapid, der das Gespräch mit dem russischen Botschafter nicht selbst führen wird, sondern diese Aufgabe an einen hohen Beamten seines Ministeriums delegiert hat.

Der russische Diplolmat solle seinem Chef in Moskau ausrichten, dass dieser "ein Geschichtsbuch öffnen" möge, sagte Lapid Montagvormittag gegenüber Ynet News.

Lapids Großvater in Mauthausen von Nazis ermordet

Lapid ist nicht nur Außenminister Israels, sondern auch Sohn eines ungarischen Juden, der die Shoa im Budapester Ghetto überlebt hatte. Lapids Großvater Bela Lampel wurde von den Nazis im österreichischen Konzentrationslager Mauthausen ermordet, nur wenige Wochen vor der Befreiung durch die US-Armee.

"Zu sagen, dass Hitler ein Jude war, ist so, als würde man sagen, die Juden hätten sich selbst umgebracht", meint Lapid. "Mein Großvater wurde aber nicht von Juden umgebracht, sondern von den Nazis."

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Premierminister Bennett: "Kein Krieg mit Holocaust vergleichbar"

Israels Premierminister Naftali Bennett nahm schriftlich zur Causa Stellung, allerdings ohne Lawrow direkt anzugreifen. "Kein Krieg ist mit dem Holocaust vergleichbar", sagte Bennett. "Der Missbrauch des Holocaust am jüdischen Volk für politische Zwecke muss sofort aufhören."

Die Stellungnahme lässt sich auch als Kritik an Selenskyj lesen, der zuvor Parallelen der russischen Invasion zum Holocaust gezogen hatte. Israel übt sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine in einem diplomatischen Spagat. Das Land unterhält historisch gute Beziehungen zu den Kriegsparteien, will sich mit der Ukraine solidarisch zeigen, aber zugleich Moskau nicht vergrämen. An umfangreichen Sanktionen gegen Russland beteiligt sich Israel nicht.

Innenministerin Faeser: "Schlag ins Gesicht aller Jüdinnen und Juden"

In Deutschland verurteilte unterdessen Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) Lawrows Worte scharf. "Die unerträgliche Äußerung von Herrn Lawrow zeigt, dass die russische Kriegspropaganda vor nichts Halt macht. Lawrows Worte sind auch ein Schlag ins Gesicht aller Jüdinnen und Juden in Deutschland“, sagte Faeser unserer Redaktion. Solche gefährlichen Aussagen schürten nichts als Hass, so die SPD-Politikerin.

"Wir achten in Deutschland sehr genau darauf, dass die russische Kriegspropaganda nicht durchdringt und wir den inneren Frieden in unserem Land schützen", sagte Faeser weiter. Sie bekräftigte: "Wir stellen uns der russischen Kriegspropaganda, den infamen Lügen und den Versuchen, die Geschichte zu verdrehen, mit aller Macht entgegen."

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Antisemitismusbeauftragter Klein: "Lawrow verdreht zynisch Täter und Opfer"

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat den Nazi-Vergleich ebenfalls scharf verurteilt. "Lawrow verdreht zynisch Opfer und Täter der Geschichte und der Gegenwart", sagte Klein unserer Redaktion. "Diese Verkehrung wird besonders deutlich angesichts dessen, dass zu den unzähligen Leidtragenden des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine auch jüdische Familien und Holocaust-Überlebende zählen."

Klein sagte weiter, die Äußerungen des russischen Außenministers "verhöhnen die Opfer des Nationalsozialismus auf nicht hinnehmbare Weise und konfrontieren nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern die gesamte internationale Öffentlichkeit schamlos mit offenem Antisemitismus".

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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