Saarland-Wahl

Anke Rehlinger: Vor dieser Frau fürchtet sich die CDU

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Jan Dörner
Landtagswahl im Saarland: Umfragen sehen SPD vorn

Landtagswahl im Saarland- Umfragen sehen SPD vorn

Rund 800.000 Menschen sind im Saarland am kommenden Sonntag zur Landtagswahl aufgerufen. Jüngste Umfragen sagen einen deutlichen Wahlsieg der SPD um Herausforderin und Landeswirtschaftsministerin Anke Rehlinger voraus.

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Im Saarland gewählt: Anke Rehlinger ist SPD-Spitzenkandidatin. Ihr ist schon einmal ein großer Wurf gelungen – folgt am Sonntag der nächste?

Berlin. 
  • Am Sonntag wird im Saarland ein neuer Landtag gewählt
  • Für CDU-Ministerpräsident Tobias Hans könnte die Wahl eine große Schlappe werden
  • Umfragen zufolge hat SPD-Herausforderin Anke Rehlinger gute Chancen, die neue Regierung anzuführen
  • Wer ist diese Frau?

Tausende Male hat sich Anke Rehlinger mit der rechten Hand eine schwere Eisenkugel seitlich an den Hals gelegt. Sie hat konzentriert die Augen geschlossen und ihre ganze Kraft gesammelt, um die Kugel dann nach einer eingeübten Schrittfolge und einer explosiven Körperdrehung mit ausgestrecktem Arm von sich zu stoßen. Am 17. August 1996 flog die Kugel 16,03 Meter weit. Das ist bis heute saarländischer Rekord im Kugelstoßen. Ihren nächsten großen Wurf will die 45-Jährige am Sonntag machen.

Rehlinger ist stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin im Saarland. Bei der Landtagswahl am 27. März fordert die frühere Leichtathletin als Spitzenkandidatin der SPD den Regierungschef Tobias Hans heraus. Rehlingers Chancen stehen gut, den Christdemokraten abzulösen: In Umfragen kommt die CDU auf 30 bis 31 Prozent, die SPD auf 37 bis 39 Prozent.

Auch im persönlichen Vergleich liegt die Sozialdemokratin vorne: Die Hälfte der Saarländer würde ihre Stimme Rehlinger geben, wenn es eine Direktwahl gäbe. Nur ein Drittel zieht den ein Jahr jüngeren Amtsinhaber vor. Der galt lange als einer der jungen Hoffnungsträger der CDU, durch Auftritte in Talkshows ist Hans auch bundesweit bekannt.

Im Saarland regiert eine große Koalition aus CDU und SPD

Anruf bei Anke Rehlinger im Saarland, sie ist gerade im Auto unterwegs. Gefragt nach ihren Beliebtheitswerten sagt sie selbstbewusst: „Die Leute haben gesehen, wer in den letzten Jahren dafür gesorgt hat, dass die Dinge funktionieren.“ Als Wirtschaftsministerin habe sie erfolgreich für die Ansiedlung von Unternehmen, für große Investitionen und die Rettung von Firmen gekämpft. „Es muss halt jemand dafür sorgen, dass der Spatenstich stattfindet, nicht nur zum Fototermin kommen.“ Ein Seitenhieb auf den Ministerpräsidenten.

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Rehlinger und Hans regieren gemeinsam in einer großen Koalition. Die Verbindung von SPD und CDU muss sich nicht mit der Wahl enden, wenn es nach der SPD-Kandidatin geht. „Ich habe Sympathien für die große Koalition, immerhin bin ich seit zehn Jahren Ministerin in einer“, sagt sie. Ein Bündnis mit der im Saarland besonders chaotischen Linken hat Rehlinger ausgeschlossen, FDP und Grüne sitzen derzeit nicht im Landtag und müssen den Umfragen zufolge um ihren Einzug ins Parlament zittern. „Ich werde nur eine Regierung anführen, die stabil und verlässlich ist“, verspricht Rehlinger.

Eine rot-schwarze Koalition unter Rehlingers Führung wünscht sich auch knapp die Hälfte der Saarländerinnen und Saarländer. Weniger als eine Million Menschen leben in dem kleinsten deutschen Flächenland, wo die CDU seit 1999 den Regierungschef stellt. Die Landtagswahl ist allerdings die erste nach dem Sieg der SPD bei der Bundestagswahl und der Auftakt in ein Superwahljahr. „Insofern hat die Wahl im Saarland eine gewisse Bedeutung auch für den Rest der Republik“, räumt Rehlinger ein. „Aber eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl, das sollte man nicht bundespolitisch überhöhen.“

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Landtagswahl ist auch wichtig für CDU-Chef Friedrich Merz

Wie die Saarländer am Sonntag abstimmen, ist aber über das Saarland hinaus von Interesse. Im Mai folgen die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, im Oktober wählt Niedersachsen. Von besonderer Bedeutung ist für SPD und CDU die NRW-Wahl: Dort könnte es der SPD mit Spitzenkandidat Thomas Kutschaty gelingen, den CDU-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst zu verdrängen.

Für den neuen CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz wäre es eine herbe Schlappe, sollte seine Partei die erste Landtagswahl unter seiner Führung im Saarland und danach möglicherweise auch in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen verlieren.

Der deutliche Umfrage-Vorsprung von Rehlinger ist beunruhigend für Merz. Schon vor fünf Jahren hatte die Landtagswahl im Saarland eine Signalwirkung: Damals stoppte der Sieg von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) den Hype um den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Es folgten CDU-Erfolge in NRW, Schleswig-Holstein und schließlich bei der Bundestagswahl. Als Kramp-Karrenbauers Herausforderin damals unterlegen: Anke Rehlinger. Nun unternimmt sie den zweiten Versuch.

Hohe Energiepreise sind Wahlkampfthema

Rehlinger wuchs in Nunkirchen am Fuß des Schwarzwälder Hochwalds auf, sie nennt sich selbst einen „Dorfmenschen“. Begeistert trieb sie Sport, spielte Tischtennis, kam zur Leichtathletik. Rehlinger trat zunächst im Mehrkampf an, spezialisierte sich dann neben dem Kugelstoßen aufs Diskuswerfen. In der Disziplin hält Rehlinger noch immer den saarländischen Jugendrekord. Nach dem Abitur studierte Rehlinger Jura, zog 2004 für die SPD in den Landtag ein. Acht Jahre später wurde sie zunächst Justiz- und 2014 schließlich Wirtschaftsministerin und Vize-Regierungschefin. Mit ihrem Mann Thomas hat Rehlinger einen Sohn, Anfang des Jahres gab das Paar seine Trennung bekannt.

Während des Gesprächs mit unserer Redaktion fährt Rehlingers Dienstwagen an der Saar entlang, sie kommt an den Werken der saarländischen Auto- und Stahlindustrie vorbei. Der Umbau dieser Branchen zu klimafreundlichen Industrien sei „die große Zukunftsfrage für das Saarland“, sagt die Sozialdemokratin. Sie sieht in dem wirtschaftlichen Wandel eine Chance. Aber: „Wir dürfen nicht vergessen, dass Menschen auch Angst vor diesem Umbau haben, weil sie befürchten, dass sie in dieser Zukunft gar nicht vorkommen.“ Rehlinger tritt mit dem Versprechen an, als Regierungschefin Jobs zu erhalten und neue zu schaffen.

Ein weiteres Wahlkampfthema sind die hohen Energiepreise. Schon vor Beginn des Krieges in der Ukraine setzte sich Rehlinger für Entlastungen ein, dann griff Russland das Nachbarland an und die Kosten für Sprit und Gas schossen weiter in die Höhe. Hans veröffentlicht daraufhin ein skurriles Handyvideo, in dem er vor einer Tankstelle gegen die hohen Benzinpreise wettert. „Das trifft jetzt nicht nur Geringverdiener“, schimpft der Ministerpräsident, sondern auch die „die vielen fleißigen Leute, die tanken müssen“.

Rehlinger will Ministerpräsidentin werden

Rehlinger kommentiert spitz, in diesen Zeiten sei gutes Regieren gefragt, „am Schreibtisch und in Verhandlungen, nicht als Wutbürger vor der Tankstelle“. Als Vizevorsitzende der SPD ist Rehlinger an einer Arbeitsgruppe der Ampel-Koalition beteiligt, die Entlastungen für die Verbraucher auf den Weg bringen soll. Das Handy-Video des Ministerpräsidenten wird von der politischen Konkurrenz als Panikreaktion auf seine Umfragewerte interpretiert.

Rehlinger hingegen wirkt in den letzten Wochen ruhig. Profitiert sie im Wahlkampf von ihrer Erfahrung als Sportlerin? „Beim Kugelstoßen und beim Diskuswerfen kommt es auf die Fokussierung an, um seine Leistung in genau diesen Moment abzurufen. Dabei darf man nicht nervös sein, muss aber die notwendige Grundspannung haben“, sagt sie. „Diese Erfahrungen helfen mir auch heute noch: Das Wissen, dass man keine Angst haben muss, sondern auf sich und seine eigenen Stärken vertrauen kann.“ Ob die Wähler ihr den großen Wurf zutrauen, erfährt Anke Rehlinger am Sonntag.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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