Ruhestand

Mit 70 in Rente? Robert Habeck mit überraschendem Vorschlag

| Lesedauer: 5 Minuten
Jan Scharpenberg
In vier Schritten die eigene Rente berechnen

Vier Schritte um die eigene Rente zu berechnen

Der Rentenbescheid der Rentenversicherung gibt an, wie hoch die eigene Rente ausfallen könnte. Wer auf den Bescheid nicht warten möchte, kann sich den Betrag selbst errechnen.

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Das Renteneintrittsalter ist umstritten. Nun hat Robert Habeck einen Vorschlag zur Rente mit 70 gemacht. Das steckt hinter der Idee.

Berlin. 
  • Immer wieder wird in Deutschland über das Renteneintrittsalter diskutiert
  • Wirtschaftsminister Habeck hat nun einen überraschenden Vorschlag gemacht
  • Kommt bald die Rente mit 70?

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat in einem Interview mit dem "Handelsblatt" ein höheres freiwilliges Renteneintrittsalter ins Spiel gebracht. Allerdings will Habeck eine Debatte ohne fixe Grenze anstoßen. Rente mit 63, mit 65 oder 67? Dem Minister schwebt "ein Renteneintrittsfenster, kein fixes Alter" vor, wie er dem "Handelsblatt" sagte.

Hintergrund dieser Aussagen ist der anhaltend hohe Fachkräftemangel in Deutschland, der auch in einem Gespräch Habecks mit Vorstandschefs von 17 großen Unternehmen in den vergangenen Tagen auf den Tisch gekommen sein soll. Denn: Vom Handwerk über IT bis zum Lehrer. Deutschland fehlt es an vielen Ecken an gut ausgebildeten Kräften, um die bevorstehende und dringend nötigen Aufgaben zu bewältigen. Sei das die Digitalisierung, eine klimafreundlichere Industrie oder auch nur die Sicherung des Wissenschaftsstandorts Deutschland.

Babyboomer in Rente: Fachkräftemangel dürfte enorm zunehmen

Was das mit Rentnern und Rentnerinnen zu tun hat? In den kommenden Jahren gehen Millionen Menschen aus den geburtenstarken 1960er Jahren in Rente. Und wenn die sogenannten Babyboomer der Arbeit Lebewohl sagen, dann wird der Fachkräftemangel aller Voraussicht nach Ausmaße von enorm schädlicher Größe annehmen. Nach den Berechnungen des Arbeitsmarktökonomen Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft könnten schon ab 2025 eine halbe Million Fachkräfte fehlen – jedes Jahr und mit steigender Tendenz.

Laut einem Papier aus dem Wirtschaftsministerium soll nun ein Rahmen geschaffen werden, damit Beschäftigte mindestens bis zur Regelaltersgrenze arbeiten und gegebenenfalls freiwillig auch darüber hinaus – zum Beispiel durch eine Flexibilisierung des Renteneintritts, verbunden mit finanziellen Anreizen länger zu arbeiten für jene, die das möchten.

Freiwillig später in Rente: Angebot gibt es bereits seit 2017

Seltsam, denn: Solch einen Rahmen gibt es im Prinzip schon seit 2017 mit der sogenannten Flexi-Rente. Die Bundesregierung versucht darüber bereits mit lukrativen Anreizen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen dazu zu bringen, länger zu arbeiten und vorerst freiwillig auf den Eintritt in die Rente zu verzichten. Satte 0,5 Prozent mehr Rente gibt es für jeden Monat, den Menschen über die Regelaltersgrenze hinaus arbeiten.

Monatsgehalt brutto

Rentenplus nach 1. Jahr

Mehrarbeit

Rentenplus nach 2. Jahr

Mehrarbeit

1500 109 Euro pro Monat 220 Euro pro Monat
2000 115 Euro pro Monat 232 Euro pro Monat
2500 120 Euro pro Monat 244 Euro pro Monat
3000 126 Euro pro Monat 256 Euro pro Monat
3500 131 Euro pro Monat 267 Euro pro Monat
4000 137 Euro pro Monat 279 Euro pro Monat

(Für diese Berechnung wurden die aktuellen Werte aus dem Jahr 2022 für die alten Bundesländer und die Eckrente von 1538,55 Euro benutzt)

Minijob in der Rente viel beliebter als Fachkräfte-Job

Das Problem: Ein Großteil der arbeitenden Rentner und Rentnerinnen nehmen dieses Angebot nicht an. Rund 80 Prozent derjenigen, die nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze noch arbeiten, tun das in einem Minijob. Das belegen Daten der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2021 belegen. Und Minijobs sind nicht gerade dafür bekannt, dass es dort unbedingt ein hohes Maß an Fachwissen braucht.

20 Prozent der geringfügig Beschäftigen seien schon jetzt für ihren Job überqualifiziert, sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell jüngst der "Deutschen Handwerkszeitung". Das dürfte umso mehr auf Rentner und Rentnerinnen zutreffen, die trotz jahrelanger Berufserfahrung in einem Minijob arbeiten.

Ob Habeck mit der Idee eines freiwilligen höheren Renteneintrittsalters etwas gegen den Fachkräftemangel ausrichten kann, bleibt also abzuwarten. Denn de Facto gibt es dieses Modell mit der Flexi-Rente eben schon. Länger arbeiten will ein Großteil der Rentner und Rentnerinnen aus freien Stücken aber trotzdem nicht.

DGB zu Rentenvorschlag von Habeck: "Schweigen, wenn es nichts kluges zu sagen gibt"

Wie es aus dem Ministerium hieß, geht es Habeck mit seinem Vorstoß auch darum, noch einmal darüber zu diskutieren, ob diese Anreize ausreichen. In dem Papier des Ministeriums wird als eine Aufgabe im Kampf gegen den Fachkräftemangel genannt, das Arbeitsvolumen zu erhöhen: "Insbesondere bei Frauen und Älteren gibt es noch ungenutzte Potenziale."

DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sagte der Deutschen Presse-Agentur am Montag: „Wer kennt ihn nicht aus seiner Kinderzeit: Den Ratschlag, einfach zu schweigen, wenn es nichts Kluges zu sagen gibt. Vizekanzler Habecks Vorschlag, das Renteneintrittsalter freiwillig zu flexibilisieren, fällt unter diesen Vorbehalt.

Die wahren Probleme lägen nicht im Rentenrecht, sondern in dem für viele ältere Beschäftigte "zugemauerten" Arbeitsmarkt und in raren altersgerechten Arbeitsplätzen, so Piel. "Die braucht es nämlich dringend, damit Beschäftigte überhaupt bis zur Regelaltersgrenze arbeiten können. Hier wäre der Bundeswirtschaftsminister Habeck gefragt, an die Arbeitgeber harte Forderungen zu stellen, damit ältere Beschäftigte noch eingestellt werden und dann auch gesund und unter guten Bedingungen bis zum Renteneintritt arbeiten können." (mit dpa)

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de.

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