Bundestagswahl

Klingbeil und Esken – werden sie die neue SPD-Spitze?

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Miguel Sanches
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil gilt als Favorit auf den Parteivorsitz.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil gilt als Favorit auf den Parteivorsitz.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Saskia Esken will Chefin der Sozialdemokraten bleiben. Mit Lars Klingbeil als Co-Vorsitzendem zeichnet sich das Führungsduo ab.

Berlin. Wenn er will, wird Lars Klingbeil SPD-Chef. Der Generalsekretär ist zum Liebling der Partei geworden. Da die bisherige Vorsitzende Saskia Esken erneut kandidiert, würden sie eine Doppelspitze bilden. „Die SPD ist geeint, erfolgreich und stark wie seit Jahren nicht mehr. Diesen Weg möchte ich gerne fortsetzen“, kündigte sie am Donnerstag an.

„Das Team muss am Ende stimmen“, erklärte die Juso-Vorsitzende Jessica Rosenthal unserer Redaktion. Klingbeil ist erst 43 Jahre alt, Esken spricht mit 60 eher die ältere Generation an. Er gehört dem konservativen Seeheimer Kreis an, sie wird zum linken Flügel gezählt. Beide haben schon in den vergangenen zwei Jahren zusammengearbeitet. Lesen Sie dazu: Umfrage: Wer soll die Sozialdemokraten jetzt führen?

SPD-Führung – wird es eine Doppelspitze?

Eine Doppelspitze stellt überdies sicher, was nicht nur Rosenthal wichtig ist: „Dass die SPD nicht länger eine Männerpartei ist, sondern Frauen in der Partei der Gleichstellung auch ganz vorn Verantwortung übernehmen“.

Für das Spitzenduo würde es den Verzicht auf ein Regierungsamt bedeuten. Das Gebot der Trennung zwischen einem Partei- und Regierungsamt ist bei den Sozialdemokraten gerade das Gebot der Stunde und der Grund, warum Wahlsieger und Kanzlerkandidat Olaf Scholz als SPD-Chef nicht infrage kommt.

Saskia Esken droht ein schlechtes Parteitagsergebnis

Esken ist umstritten. Das Murren setzte gleich am Donnerstag ein. Der Ruhrgebietsabgeordnete Axel Schäfer, Parteitagsdelegierter seit 1997, sagte unserer Redaktion: „Ich hätte mir gewünscht, dass jemand kandidiert, der erstens schon Wahlen auf kommunaler oder Landesebene gewonnen hat, zweitens hohe Sympathiewerte in der Bevölkerung hat und drittens ein neues Duo ermöglicht.“

Esken muss ein schlechtes Wahlergebnis auf dem Parteitag am 10. bis 12. Dezember fürchten. Aber eine Gegenkandidatur passt nicht zur Stimmung; fast so, als wäre die traditionell streitbare Partei dem diskreten Charme der Geschlossenheit erlegen.

SPD-Vorsitz: Manuela Schwesig wäre eine Alternative

Die Alternative zu Esken hieße Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, wie Klingbeil jünger als 50 Jahre und Garant eines Generationenwechsels – und auch ein Siegertyp. Sie hat mit 39,6 Prozent die Landtagswahl gewonnen – Klingbeil holte in seinem niedersächsischen Wahlkreis 47,6 Prozent der Stimmen und war für den insgesamt erfolgreichen Wahlkampf zuständig.

Viele Genossen haben schon klargemacht, dass sie ihm den Spitzenjob zutrauen oder ihn für die Idealbesetzung halten, darunter Fraktionschef Rolf Mützenich, der scheidende SPD-Chef Norbert Walter-Borjans, Arbeitsminister Hubertus Heil oder Parteivize Serpil Midyatli.

Um Scholz herum entsteht ein neues Machtzentrum

Esken und Walter-Borjans waren untypische Vorsitzende. Meist wurden die Vorsitzenden aus der engeren Führungsriege rekrutiert. Nicht selten hatten sie zuvor schon unter Beweis gestellt, dass sie auf Landesebene Wahlen gewinnen können. Das gilt beispielsweise für Willy Brandt, Björn Engholm, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder, Matthias Platzeck oder Kurt Beck.

Zu dieser Riege hätte Schwesig gut gepasst. Im Frühsommer, als der SPD kaum Siegeschancen eingeräumt wurden, sahen viele in Schwesig schon die Trümmerfrau. Sie sollte sich mit dem Vorsitz für eine Kanzlerkandidatur 2025 warmlaufen. Nun dürfte die Position leicht an Reiz verloren haben. Mit dem Kanzleramt wird um Scholz ein neues Machtzentrum entstehen, und wer wie Schwesig nicht in Berlin sitzt, läuft schnell Gefahr, im Koalitionsalltag den Anschluss zu verlieren. Lesen Sie auch:Schwesig und Giffey: Zwei starke Frauen für Scholz

Auch Lauterbach macht Klingbeil das Amt nicht streitig

Ist die Frage der Doppelspitze einmal entschieden, fügt sich das Gesamtpuzzle wie von selbst zusammen. Arbeitsminister Heil will nicht Parteichef werden, sondern im Kabinett bleiben. Es ist weit und breit kein Mann in Sicht, der Klingbeil das Amt streitig machen würde.

Auch nicht der umtriebige Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Der hofft zwar weiter auf einen Kabinettsposten, es muss nicht mal der des Gesundheitsministers sein. Aber viele in der SPD halten ihn weder für teamfähig noch linientreu und wollen ihn stoppen. Lesen Sie mehr:Lauterbach: „Pandemie wird im späten Frühjahr vorbei sein“

Ampel-Regierung: Die SPD soll kein Kanzlerwahlverein werden

Heil kandidiert als Vizechef, Kevin Kühnert wird es bleiben mit dem Rückhalt der Jusos. „Die SPD hat jetzt die einmalige Chance, junge Menschen mit starkem inhaltlichen Profil nach vorn zu stellen, in der Fraktion, aber natürlich auch im Parteivorstand“, sagte Rosenthal.

Sie erwartet von der künftigen SPD-Führung, „die Partei programmatisch auch abseits vom Regierungshandeln“ zu entwickeln. Anders gesagt: Die Sozialdemokraten sollen kein Kanzlerwahlverein werden.

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