Putin-Kritiker

Charité holt Kreml-Kritiker Nawalny aus künstlichem Koma

Charité: Befunde weisen auf Vergiftung von Nawalny hin

Am Samstag wurde der schwer kranke Alexej Nawalny in die Berliner Charité eingeliefert, jetzt gibt es eine erste Diagnose: Klinische Befunde weisen nach Angaben des Universitätskrankenhauses auf eine Vergiftung des Kreml-Kritikers hin.

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Putin-Kritiker Nawalny ist aus dem Koma erwacht. Ärzte der Berliner Charité gehen davon aus, dass er vergiftet wurde.

Berlin/Moskau. 
  • Der Zustand von Alexej Nawalny ist „unverändert ernst“
  • Deutsche Ärzte gehen davon aus, dass der Putin-Kritiker vergiftet wurde
  • Der Kreml hat der Charité eine voreilige Diagnose vorgeworfen
  • Nawalny hatte in einem Flugzeug das Bewusstsein verloren und liegt seitdem im Koma
  • Russische Ärzte sprachen vor seinem Transport nach Deutschland lediglich von einer Stoffwechselstörung
  • In Moskau ist der kremlkritische Journalist Jegor Schukow zusammengeschlagen und schwer verletzt worden. Er hatte auch Nawalny interviewt

Das künstliche Koma des vergifteten russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny ist beendet worden. Sein Gesundheitszustand habe sich verbessert, und er werde schrittweise von der maschinellen Beatmung entwöhnt, erklärte die Berliner Universitätsklinik Charité am Montag. Er reagiere auf Ansprache, Langzeitfolgen der schweren Vergiftung seien jedoch weiterhin nicht auszuschließen. Aktualisierung vom 7. September: Alexej Nawalny ist aus dem künstlichen Koma geholt worden.

Lesen Sie hier die Aktualisierung vom 2. September: Nach Ansicht der Bundesregierung wurde Nawalny mit einem Nervenkampfstoff vergiftet.

Allerdings sei die Symptomatik der durch die Vergiftung ausgelösten Krise „rückläufig“. Insgesamt sei der Zustand Nawalnys „stabil“, hieß es weiter in der Erklärung. Der Putin-Kritiker war auf einem Inlandsflug in Russland zusammengebrochen. Nawalnys Umfeld glaubt, dass er durch einen Tee vergiftet wurde, den er kurz vor dem Abflug getrunken hatte.

Auch die Ärzte der Charité gehen davon aus, dass Alexey Nawalny vergiftet wurde. Darauf wiesen klinische Befunde hin, teilte die Klinik am Montag der vergangenen Woche in Berlin mit. Die Befunde deuteten „auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ hin, wobei die konkrete Substanz bislang nicht bekannt sei, hieß es seitens der Charité, die Nawalny unter Schutz des Bundeskriminalamts (BKA) behandelt.

Kreml-Kritik: Gleiche Analyse, unterschiedliche Diagnose

Aus Russland kam am Dienstag vergangener Woche Kritik an der schnellen Diagnose der deutschen Ärzte. „Die medizinische Analyse unserer Mediziner und die der Deutschen stimmt komplett überein. Aber ihre Schlussfolgerungen sind unterschiedlich“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. „Wir verstehen diese Eile der deutschen Kollegen nicht.“

Der 44 Jahre alte Nawalny, einer der härtesten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin, hatte auf einem Flug zwischen Sibirien und Moskau heftige Krämpfe bekommen, das Bewusstsein verloren und war anschließend im sibirischen Omsk ins künstliche Koma versetzt worden. Die behandelnden Ärzte erklärten, dass sie kein Gift im Körper des Patienten gefunden hätten. Wahrscheinlicher sei „eine Stoffwechselstörung“, möglicherweise verursacht durch einen „starken Abfall des Blutzuckerspiegels“.

Zugleich bekräftigten sie, dass sie bei ihrer Diagnose „keinerlei Druck“ von außen ausgesetzt gewesen seien. „Wir haben mit niemandem eine Diagnose vereinbart“, sagte Chefarzt Alexander Murachowski bei einer Online-Pressekonferenz am Montag in Omsk. „Auf uns wurde keinerlei Druck von außen, von Medizinern oder anderen Kräften ausgeübt.“

Gift-Anschläge auf Kreml-Kritiker
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Bundesregierung fordert Russland zu Transparenz auf

In einer gemeinsamen Erklärung riefen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Heiko Maas die russischen Behörden auf, den Fall aufzuklären – „und das in voller Transparenz“. Die Verantwortlichen müssten ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden, hieß es in der Mitteilung.

Für Verwirrung sorgten unterdessen Aussagen des Filmproduzenten Jaka Bizilj, der den Flug nach Berlin organisiert hatte. Im Politik-Talk „Die richtigen Fragen“ auf „Bild live“ sagte er am vorvergangenen Sonntag, dass Nawalny überleben werde: „Aus meiner Sicht ist die entscheidende Frage, ob er das unbeschadet übersteht und seine Rolle weiter einnehmen kann.“ Nawalny sei in diesem Fall sicherlich mindestens ein, zwei Monate politisch außer Gefecht gesetzt.

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Nawalny-Sprecherin: Autorisierte Informationen nur von Ärzten oder ihr selbst

Über die Mitteilung zeigte sich die Sprecherin des Kremlgegners, Kira Jarmysch, erstaunt. Momentan habe niemand Zugang zu Informationen über den Zustand Nawalnys – schon gar nicht jemand, der nicht zur Familie gehöre. „Die Familie Alexejs hat niemanden beauftragt, der Presse etwas mitzuteilen über seine Gesundheit“, schrieb sie im Nachrichtenkanal Telegram.

„Im Moment gibt es keine neuen Einzelheiten zu Alexejs Gesundheit. Wir bitten alle darum, Geduld zu bewahren und nicht auf unwahre Mitteilungen zu reagieren“, erklärte sie. Autorisierte Informationen gebe es nur von den Ärzten oder von ihr selbst.

Die Öffentlichkeit verfolgt den Fall durch den im Raum stehenden Vorwurf der Vergiftung genau, nicht nur in Russland und Deutschland, sondern auch international. Nawalnys Team zeigt sich davon überzeugt, dass jemand dem Kreml-Kritiker schaden wollte.

Berliner Charité behandelte schon öfter politische Patienten
Berliner Charité behandelte schon öfter politische Patienten

Nawalny sollte erst nicht ausreisen dürfen

Schon dass Nawalny zur Behandlung nach Deutschland gebracht werden konnte, ist für seine Unterstützer ein Erfolg. Lange war nicht klar, ob der Oppositionelle Russland überhaupt würde verlassen dürfen. Zunächst hatten die russischen Mediziner einen Transport abgelehnt, weil der Zustand des Patienten keinen Flug erlaube.

Dann hatte das Krankenhaus die Erlaubnis doch erteilt, ein deutsche Spezialflugzeug landete mit dem Patienten auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel. Seine Ehefrau Julia Nawalny durfte ihn gemeinsam mit einem Mitarbeiter in der Klinik besuchen.

Fall Nawalny: Der finnische Präsident als Vermittler

Eine wichtige Rolle bei der Ausreise spielte offenbar der finnische Präsident Sauli Niinistö. Der hatte mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert und danach mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Die Bundesregierung hatte zuvor mehrmals angeboten, Nawalny in Deutschland behandeln zu lassen.

Den Flug von Omsk nach Berlin organisierte die Initiative „Cinema for Peace“ um den Filmproduzenten Bizilj. Für die Kosten kam der russische Unternehmer und Mäzen Boris Simin auf, wie Nawalnys enger Vertrauter und Mitarbeiter Leonid Wolkow auf Facebook schrieb.

Kreml-Kritiker Nawalny: Wurde er schon im Wahlkampf beobachtet?

Am Sonntag wurde bekannt, dass der Kreml-Kritiker offenbar schon vor der plötzlichen Verschlechterung seines Zustands aufmerksam beobachtet wurde – das legt ein russischer Zeitungsbericht nahe. Der Artikel in der Boulevardzeitung „Moskowski Komsomolez“ beschreibt, wo sich Nawalny zu jedem Zeitpunkt seiner Sibirien-Reise aufhielt, mit wem er sprach und wo er übernachtete.

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Sein Team soll mehrere Hotelzimmer angemietet haben, Nawalny sei aber in eine „konspirative“ Wohnung gebracht worden. Jemand aus seinem Team soll Sushi bestellt haben. Dabei sollen die Behörden ihn die ganze Zeit beschattet haben, heißt es in dem Beitrag weiter. Als Quellen in dem Bericht werden „Sicherheitskreise“ angegeben.

Nawalnys Umfeld ist über die Beschattung nicht verwundert

Wenn es überhaupt eine Vergiftung gegeben haben soll, könne das nur am Flughafen oder im Flugzeug passiert sein, hieß es in der Zeitung als Schlussfolgerung. „Alle Bewegungen und Kontakte in der Stadt wurden akribisch untersucht.“

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Nawalnys Umfeld ist über die Beschattung nicht verwundert. „Das Ausmaß der Überwachung überrascht mich überhaupt nicht, wir waren uns dessen bereits bewusst“, schrieb Sprecherin Kira Jarmysch auf Twitter. „Aber es ist erstaunlich, dass sie nicht gezögert haben, allen davon zu erzählen.“

Der Oppositionelle Ilja Jaschin kündigte an, eine offizielle Anfrage an den Inlandsgeheimdienst FSB stellen zu wollen. Es sei ungeheuerlich, dass Geheimdienstmitarbeiter einen Oppositionspolitiker bespitzelten, schrieb Jaschin auf Facebook.

Neuer Fall von Gewalt gegen einen Kremlkritiker

Immer wieder werden Kremlkritiker Opfer von zum Teil tödlicher Gewalt. Der jüngste Fall betrifft den Aktivisten und Journalisten Jegor Schukow: Der 22-Jährige wurde in Moskau bei einem Angriff schwer verletzt und musste wegen Platzwunden im Gesicht und wegen Verdachts auf ein Schädel-Hirn-Trauma in ein Krankenhaus. Das meldete der Radiosender Echo Moskwy am Montag.

Schukow, der in Russland ein bekannter Blogger ist, arbeitet für den Sender, nachdem ihm der Staat verboten hatte, selbst weiter einen Videokanal im Internet zu betreiben. Seine Sendungen haben hohe Einschaltquoten. So interviewte Schukow auch Nawalny.

Zwei unbekannte Männer sollen dem Aktivisten am Sonntag nach einer Sendung vor seiner Wohnung aufgelauert und ihn dann zusammengeschlagen haben. Schukow ist ein scharfer Kritiker von Kremlchef Wladimir Putin und steht beispielhaft für eine Politisierung der Jugend in Russland.

Nawalny ist nicht der erste Kreml-Kritiker, der in Berlin behandelt wird

Viele Beobachter sehen den Fall Nawalny in einer Reihe mit anderen Fällen, bei denen Oppositionelle und Kreml-Gegner betroffen waren. So wurde vor zwei Jahren Pjotr Wersilow, Mitglied der Post-Punk-Band „Pussy Riot“, in einem Ambulanz-Jet mit schweren Vergiftungserscheinungen aus Moskau nach Berlin geflogen. Auch er wurde in der Charité behandelt, „Cinema for Peace“ hatte auch in seinem Fall den Transport nach Deutschland organisiert.

Damals hatte das Krankenhaus nach Untersuchungen mitgeteilt, dass es eine hohe Plausibilität für eine Vergiftung gebe. Anders sei die Entwicklung der Symptome innerhalb des kurzen Zeitraums nicht zu erklären. Welches Gift es war, bekamen wohl auch die Klinik-Wissenschaftler nicht heraus. Wersilow selbst vermutete auch deshalb den russischen Geheimdienst hinter dem Giftanschlag.

Der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia überlebten 2018 in London einen Giftanschlag nur sehr knapp. Der britische Geheimdienst sieht auch hier Moskau in der Verantwortung, der Kreml bestreitet das vehement.

Nawalny: Außenexperte Röttgen sieht „ein gewisses Muster“

„Ein gewisses Muster“ sieht deshalb CDU-Außenexperte Norbert Röttgen auch im Fall Nawalny – es gebe einen starken Verdacht, dass es sich um einen Anschlag auf einen russischen Oppositionellen handele. Dass Nawalny die Kreise von Wladimir Putin stört, ist unbestritten.

Kommentar: Nawalny kritisiert, was Putin wehtut

Nachdem der angesehene Regierungskritiker Boris Nemzow 2015 erschossen wurde, hatte Nawalny die Opposition in Russland aus ihrer Schockstarre geholt. Mit detaillierten Recherchen zum Machtmissbrauch brachte er den Kreml, den Geheimdienst und auch einflussreiche Oligarchen gegen sich auf. 2017 warf Nawalny dem damaligen Regierungschef Dmitri Medwedew Korruption im großen Umfang vor und löste eine Welle des Protests aus. Immer wieder gab es Festnahmen des 44-Jährigen.

Demonstranten in Minsk fordern Ende der Zensur durch Staatsmedien
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Russlandbeauftragte fordert Aufklärung

Der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Dirk Wiese (SPD), forderte Aufklärung. „Der Vorwurf der Vergiftung steht im Raum“, sagte Wiese den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. „Die rapide Verschlechterung von Nawalnys Gesundheitszustand muss glaubwürdig, transparent und kooperativ mit den russischen Behörden aufgeklärt werden.“ Zunächst müsse man abwarten, was die Untersuchungen in der Charité ergäben.

Die Bundesregierung hat unterdessen klargestellt, dass es sich bei Nawalny um keinen Gast der Regierung handelt. Regierungssprecher Steffen Seibert betonte am Montag in Berlin, es gebe „keine förmliche Einladung“. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe lediglich ihre Bereitschaft erklärt, dem möglicherweise vergifteten Patienten auf Wunsch der Familie die Einreise aus humanitären Gründen zu ermöglichen. Transport und Behandlung seien jedoch privat organisiert worden.

Nawalny steht in Berlin unter dem Schutz des Bundeskriminalamts (BKA). Das Bundeskriminalamt ist laut Gesetz unter anderem zuständig für den Personenschutz von Mitgliedern der Bundesregierung, aber auch von ausländischen Gästen, beispielsweise bei Staatsbesuchen. In Regierungskreisen hieß es, über diese Regelung im BKA-Gesetz sei es möglich, in dem Fall zu helfen.

(yah/tma/dpa/afp/raer)