Kommentar

Feiern und Reisen: toxische Corona-Kombination

Merkel: Keine weiteren Corona-Lockerungen in Sicht

Bei einem Besuch in Nordrhein-Westfalen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an die Bürger appelliert, die Corona-Regeln einzuhalten. Weitere Lockerungen könne es derzeit nicht geben, erklärte Merkel.

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Corona nimmt der Jugend derzeit so ziemlich alles, was Spaß macht. Klar ist aber auch: Es ist Krise. Was für ein Stimmungskiller.

Berlin. Endlich Abi, endlich Sommer, endlich frei: Die erste Reise nach der Schule, zusammen mit den besten Freunden, ist traditionell eine große Sause. Novalja auf der kroatischen Insel Pag ist bei 18-Jährigen besonders beliebt. Und der Goldstrand in Bulgarien. Oder Spanien, Lloret de Mar an der Costa Brava: Da feierten schon die Eltern der Abiturienten.

Berühmt-berüchtigt sind diese Orte für alkoholreiche Teenager-Partys – und neuerdings als Corona-Hotspots. Als Orte, wo das Virus auf die internationale Jugend trifft – und sich von dort aus quer durch Europa verbreitet. Zumal auch zu Hause in Sommerlaune mitunter kräftig gefeiert wird, als hätte es das Virus, das im Frühjahr das Wirtschafts- und Bildungssystem komplett lahmgelegt hat, nie gegeben.

Vom Goldstrand direkt in den Club in Hamburg

In Berlin, in Köln, in München trifft sich die Clubszene in Parks und am Stadtrand, Polizei und Ordnungsämter lösen illegale Partys auf und schließen Bars. Im schlimmsten Fall geht es vom Goldstrand dann gleich in den nächsten Club in Hamburg – wenn es mit dem Testergebnis zu lange dauert, auch mit dem Virus im Körper.

Es ist wohl unbestritten: Die Kombination aus Reisen und Feiern ist derzeit toxisch. Urlaubsrückkehrer treiben die Infektionszahlen in die Höhe. Und das durchschnittliche Alter sinkt: Anders als zu Beginn der Pandemie sind vor allem jüngere Menschen betroffen, bei denen die Symptome der Krankheit nicht so heftig sind.

Aber das ist alles andere als eine Entwarnung: Auch jüngere Menschen treffen Eltern, Großeltern, ältere Arbeitskollegen. Sie arbeiten als Pfleger und Pflegerinnen in Altenheimen und Krankenhäusern. Sind sie infiziert, droht eine Wiederholung der dramatischen Situation von Senioren in Heimen im Frühjahr.

Wandern in der Uckermark statt tanzen an der Costa Brava – wie uncool

Trotzdem fällt es schwer, den jungen Leuten zuzurufen: Reißt euch zusammen. Geht wandern in der Uckermark statt tanzen an der Costa Brava. Denn leider treffen wir mit den Einschränkungen gerade diejenigen, die ohnehin am meisten unter der Krise zu leiden haben: die jungen Erwachsenen.

Vorlesungen an den Unis laufen immer noch online, die Nebenjobs in der Gas­tronomie und im Verkauf sind weggebrochen, das Auslandsjahr fällt aus. Die Karriere für junge Sportler oder Musiker liegt brach, Praktika, Erasmus-Programme, Sprachkurse, das trubelige Studentenleben – alles fällt flach.

Corona bremst die Jugend aus und macht sie einsam

Die Jugend, die gerade jetzt loslegen will mit dem Start ins Erwachsenenleben, ist einsam und ausgebremst. Das ist schlimm. Und doch haben wir keine Wahl, wollen wir die Wirtschaft in Europa retten, die Schulen offen halten, das Gesundheitssystem nicht überlasten.

Auf Partys verzichten, auf Publikum beim Fußball, auf Karneval, auf Großveranstaltungen wie Popkonzerte in Stadien: All dies ist das kleinere Übel verglichen mit dauerhaften Schulschließungen und den Folgen für arbeitende Eltern, einer Pleitewelle im Einzelhandel und Kleingewerbe durch einen erneuten Lockdown.

Jens Spahn hat recht: Es ist jetzt nicht die Zeit für Partys

Wir wissen inzwischen: Viele Menschen in geschlossenen Räumen sind die beste Corona-Brutstätte. Also müssen wir verhindern, dass viele Menschen zusammenkommen. Mehr als Abstand und Masken haben wir nicht, was wir dem Virus entgegensetzen können. Im Herbst werden wir uns wohl weiter einschränken müssen. Deshalb sind die Debatten über Karneval oder Popkonzerte in Fußballstadien so absurd.

Jens Spahn mag gönnerhaft daherkommen, wenn er mahnt: Es ist jetzt nicht die Zeit für Partys. Das tut weh, wenn die Hochzeitsfeier ausfällt und Beerdigungen nur im kleinen Kreis begangen werden. Aber machen wir uns nichts vor: Es ist Krise. Sehen wir zu, dass wir glimpflich durchkommen.

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