US-Wahl

Biden und Harris im Angriffsmodus – Trump „jammert“

Joe Biden geht mit Senatorin Kamala Harris ins US-Präsidentschaftsrennen

Sie könnte die erste Vizepräsidentin der USA werden - und die erste schwarze Frau als Nummer zwei an der Staatsspitze: Die kalifornische Senatorin Kamala Harris zieht an der Seite von Präsidentschaftskandidat Joe Biden ins Rennen um das Weiße Haus.

Beschreibung anzeigen

Joe Biden und Kamala Harris zeigen bei ihrem ersten Wahlkampfauftritt, dass Chemie und Nähe stimmen – und die Kampfeslust.

Washington. Wenn funktioniert, was Joe Biden und Kamala Harris sich da vorgenommen haben, kommt die Alexis Dupont High School in der Nähe von Bidens Heimatort Wilmington im Bundesstaat Delaware in die Geschichtsbücher.

Hier, in der schmucklosen, wegen Corona nur sehr spartanisch mit Zuhörern besetzten Turnhalle der Lehranstalt haben die designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in Amerika, er für den Top-Job, sie für die Vize-Position, am Mittwochabend offiziell ein Rennen gestartet, das sie nach der Wahl am 3. November ins Weiße Haus führen soll.

Biden und Harris: „Lebensverändernde Wahl“ steht in Amerika bevor

Erster Eindruck: Da ist viel Chemie, Nähe und gleiche Augenhöhe zwischen dem 77 Jahre alten Polit-Urgestein, das vom Notnagel zum Hoffnungsträger seiner nach Ablösung Donald Trumps lechzenden Partei wurde, und der 55 Jahre alten Ex-Staatsanwältin, die als erste Schwarze in der Geschichte der USA aufs Ticket um die Macht genommen wurde.

Kamala Harris könnte Geschichte schreiben
Kamala Harris könnte Geschichte schreiben

Biden machte staatsmännisch und konzentriert den Anfang, sprach von einer „lebensverändernden Wahl”, die Amerika bevorstehe und nannte die vielen Krisen (Corona, Ökonomie, Rassismus etc.) einen Grund, um sich um die „Seele der Nation” zu sorgen. „Was für ein Land sind wir? Wofür stehen wir? Was wollen wir sein?” Bald vier Jahre Trump erforderten einen „Neuaufbau”.

Biden will sich mit „ernstem Verstand” dieser Aufgabe widmen. Und er hat „keinen Zweifel“, mit Kamala Harris die Person an seiner Seite zu haben, mit der das Schiff am besten zu steuern ist. „Sie ist bereit, vom ersten Tag an diesen Job zu machen.”

Dass die sich der afro-amerikanischen Identität zugehörig fühlende Harris das Kind indisch-jamaikanischer Eltern ist und mit ihrer Nominierung stilbildend Geschichte schreibt, kleidete Biden in fast weihevolle Worte: „An diesem Morgen wachten kleine Mädchen in der ganzen Nation auf – vor allem kleine schwarze und braune Mädchen, die so oft übersehen und in ihren Gemeinden unterschätzt werden. Aber heute sehen sie sich selbst vielleicht zum ersten Mal auf eine neue Weise.”

Biden: Harris soll „letzte Stimme im Raum“ sein

Dass Biden eine Koexistenz anpeilt und seine Stellvertreterin nicht als Anhängsel fürs Repräsentative sieht, wie es die Verfassung eigentlich vorgibt, wird an Sätzen mit eingebautem Vertrauensvorschuss deutlich: „Ich habe sie gebeten, die letzte Stimme im Raum zu sein, bevor wichtige Entscheidungen getroffen werden”, sagte Biden über Harris. Genau so habe es Barack Obama mit ihm gehalten, als er von 2008 bis 2016 dessen Stellvertreter war.

Bidens Rede, weitgehend vom Teleprompter abgelesen, kam schlüssig, frisch und unfallfrei daher. Sie war ganz auf das „Versagen” des Amtsinhabers gerichtet, der im Zweifelsfall „nie an etwas die Schuld trägt” oder Golf spiele.

Harris, ebenfalls in Blau gewandet, setzte in ihrer ersten Amerika-hier-bin-ich-Rede in neuer Funktion selbstbewusst eigene Akzente. Das Land dürste förmlich nach Führung, nachdem Trump restlos alle guten Startvoraussetzungen aus der Obama-Ära spätestens durch sein Missmanagement in der Coronavirus-Krise versemmelt habe.

Trump wird persönlich – Biden kontert

Dass nach den jüngsten Fällen von tödlicher Polizeibrutalität eine wirkungsmächtige „Koalition des Gewissens” auf den Straßen Amerikas „Wandel” einfordere und „systemische Ungerechtigkeiten” nicht länger toleriere, habe sich vor allem Trump zuzuschreiben. „Wir haben einen Präsidenten, der sich mehr um sich selbst kümmert, als um die Menschen, die ihn gewählt haben – einen Präsidenten, der jede Herausforderung, der wir gegenüberstehen, noch schwieriger zu lösen macht.”

Der Stil, in dem Harris mit strahlendem Zahnpasta-Lächeln den Amtsinhaber in der Sache filetiert, ohne jemals beleidigend zu werden, steht in scharfem Kontrast zu Trumps auf die Person zielenden Attacken. Er nannte die Frau, deren Wahlkämpfe als Justizministerin in Kalifornien er im Jahr 2011 und 2013 noch mit Tausenden Dollar unterstützt hatte, abermals „bösartig”, „heuchlerisch“ und „gemein”.

Joe Biden nahm seine Sozia, die wie er selbst beim virtuellen Parteitag der Demokraten nächste Woche offiziell gekürt wird, vor den anschwellenden Attacken des gegnerischen Lagers in Schutz. „Ist irgendjemand überrascht darüber, dass Donald Trump ein Problem mit einer starken Frau hat?”, fragte Biden rhetorisch und attestierte dem Amtsinhaber eine Fähigkeit, die im Weißen Haus vollkommen deplatziert sei: „Jammern kann Donald Trump am besten.”

Mehr zum Thema: Nicht vom US-Präsidenten: Trump hat ein Problem mit starken Frauen