Veruntreuung

New Yorker Justiz will US-Waffen-Lobby NRA zerschlagen

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Dirk Hautkapp
Wayne LaPierre, Vizepräsident und Vorstandsvorsitzender der National Rifle Association (NRA) steht unter Beschuss.

Wayne LaPierre, Vizepräsident und Vorstandsvorsitzender der National Rifle Association (NRA) steht unter Beschuss.

Foto: Jose Luis Magana / dpa

Die Führung der NRA soll über Jahre Millionen für private Zwecke veruntreut haben. Trump stellt sich hinter die Organisation.

Washington. Geht es nach Letitia James, hat das letzte Stündchen einer der einflussreichsten Lobby-Organisationen Amerikas geschlagen. Die Führung der fünf Millionen Mitglieder zählenden „National Rifle Association” (NRA), eine politische Schutzmacht der Republikaner und von Präsident Donald Trump, soll nach Angaben der Generalstaatsanwältin des Bundesstaats New York über Jahrzehnte Gelder in Höhe von rund 65 Millionen Dollar veruntreut haben.

Vier Führungskader der Organisation, die als größter Hemmschuh einer Reform der laxen Waffengesetze gilt, die Jahr für Jahr in Amerika den Tod Zehntausender Menschen begünstigen, haben laut Ermittlungen mit den Mitglieder- und Sponsorenbeiträgen luxuriöse Reisen mit Privatjets (Bahamas) finanziert und Familienangehörigen und Freunden lukrative Aufträge zugeschanzt.

Zum Verständnis: Die NRA konnte in den vergangenen Jahren auf Jahresbudgets um 450 Millionen Dollar zurückgreifen. Sie fördert ganz gezielt Politiker, die sich jeder Beschränkung des Rechts auf Waffenbesitz verwehren. Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 spendete die NRA rund 30 Millionen Dollar an Donald Trump.

NRA-Führungsperson Wayne LaPierre: Selbstbereicherung in großem Stil?

Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht der fürs laufende Geschäft und die Öffentlichkeitsarbeit verantwortliche Wayne LaPierre. Dem kleinen Mann mit der markanten Brille wird Selbstbereicherung in großem Stil vorgeworfen. So soll er sich vertraglich bei seinem Ausscheiden einen goldenen Handschlag im Volumen von rund 17 Millionen Dollar gesichert haben. Die anderen Hauptbeschuldigten sind John Frazer, Josh Powell und Woody Phillips.

Letitia James erhebt Klage und will damit nicht weniger als die Auflösung der NRA erreichen, die sich dank ihrer politischen Verbindungen über Jahrzehnte jeder Kontrolle entzogen habe, während die Bosse Millionen-Summen in ihre eigenen Taschen umgeleitet hätten, erklärte sie am Donnerstag und schlussfolgerte: „Wir ersuchen eine Auflösung der NRA, weil keine Organisation über dem Gesetz steht.“

Dabei konzentriert sich der zivilrechtliche Ansatz der Juristin auf den steuerlich günstigen Status der NRA, die in Fairfax vor den Toren Washingtons ihren Hauptsitz hat, als gemeinnütziger, wohltätiger Organisation. Hier sei es eindeutig zu fortgesetztem Missbrauch gekommen, betonte die Chef-Anklägerin.

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Streit um NRA könnte Trump zu Gute kommen

Weil James den Demokraten verbunden ist, ist wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen ein heftiger politischer Streit programmiert, der womöglich Trump nutzen könnte, der seit Beginn seiner Amtszeit die Nähe der NRA sucht und sich dort als Lordsiegelbewahrer des zweiten Zusatzes der US-Verfassung aufführt, der den privaten Waffenbesitz regelt.

Trumps Mantra bei jeder Wahlkampfkundgebung: „Die Demokraten wollen euch die Waffen abnehmen – nicht mit mir.” Trump hatte Letitia James bereits im Frühjahr öffentlich angegriffen, als über die seit 18 Monaten laufenden Ermittlungen berichtet wurde. Danach, so der Präsident, wolle die Demokratin die NRA zu Fall bringen und „zerstören”.

Die NRA ist fast 150 Jahre alt. Veteranen des Bürgerkrieges riefen den Verein ins Leben. Ziel war es damals, das Schützenwesen zu verbreiten und Amerikaner im Umgang mit Waffen zu schulen. Politisch einflussreich, und zwar ausschließlich für republikanische, konservative Anliegen, wurde die NRA erst vor wenigen Jahrzehnten.

In den USA sind mehr als 350 Millionen Waffen in privater Hand

Seither wird sie vor allem nach Massakern und Amokläufen in den USA immer wieder mit einem Ritual in Verbindung gebracht: Nicht Waffen töten, erklären dann Funktionäre wie Wayne LaPierre, sondern jene, die den Abzug betätigen. Die NRA ist der unverrückbaren Ansicht, dass das Selbstverteidigungsrecht der Amerikaner nur mit mehr Waffen in Privathand (heute bereits über 350 Millionen) gesichert werden könne.

In den vergangenen Jahren gab es innerhalb der NRA-Führung mehrere Palast-Revolten. Etliche Spitzenleute gingen oder wurden gegangen, darunter auch der ehemalige Präsident der Organisation, Oliver North, der lange mit LaPierre im Clinch lag. North war in den 80er Jahren einer der Drahtzieher in der Iran-Contra-Affäre.

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Damals wurde unter US-Präsident Ronald Reagan Geld aus geheimen Waffenverkäufen an den Iran an Guerillas in Nicaragua weitergeleitet. Der amtierende Präsident Donald Trump nannte die Aktion der New Yorker Justiz eine „wirklich schreckliche Sache”. Auf Twitter schrieb er, die NRA sollte nach Texas umziehen und dort „ein gutes und schönes Leben führen”.