Reisewarnung

Urlaub in der Türkei: Zweifel an günstigen Corona-Zahlen

Bundesregierung hebt Reisewarnung für Teile der Türkei auf

Die Bundesregierung hat die Reisewarnung für die vier türkischen Küstenprovinzen Antalya, Izmir, Aydin und Mugla aufgehoben. Reisende müssen bei der Rückkehr allerdings einen aktuellen negativen Coronatest am Flughafen vorweisen.

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Deutschland hat die Reisewarnung für türkische Urlaubsregionen aufgehoben. Die Infektionsdaten seien günstig. Aber stimmen die Zahlen?

Athen/Ankara. Der türkische Tourismusminister Nuri Ersoy freut sich. Seit Wochen hat die türkische Regierung für die Aufhebung der Reisewarnung gekämpft. Ersoy kam deswegen Anfang Juli sogar gemeinsam mit Außenminister Mevlüt Cavusoglu nach Berlin. Die Reisewarnung sei politisch motiviert, klagte Cavusoglu damals.

Jetzt endlich ging die Bundesregierung auf das Drängen aus Ankara ein. Für vier Provinzen an der Ägäis und an der türkischen Südküste gilt die Reisewarnung ab sofort nicht mehr.

Corona in der Türkei: Covid-Test kostet zwischen 15 und 30 Euro

Das bedeutet, Reisen in so beliebte Orte wie Antalya, Alanya und Kemer, Cesme und Bodrum, Kusadasi und Didim können stattfinden. Urlauber müssen allerdings unmittelbar vor der Rückreise nach Deutschland noch in der Türkei einen Covid-Test machen lassen. Der kostet zwischen 15 und 30 Euro. Nur wer ein negatives Testergebnis vorweisen kann, darf heimreisen. Lesen Sie auch: Bundesregierung hebt Reisewarnung für Türkei teilweise auf

Außenminister Cavusoglu, der aus der Touristenmetropole Alanya stammt und dort seinen Wahlkreis hat, schrieb bei Twitter auf Deutsch: „Wir begrüßen die Aufhebung der Reisewarnung.“ Tourismusminister Ersoy twitterte: „Wir sind bereit, unsere deutschen Gäste im Rahmen des Zertifizierungsprogramms für gesunden Tourismus zu empfangen.“

Urlaub in Türkei: Strikte Hygienevorschriften und Abstandsregeln

Allein in Antalya besitzen bereits über 300 Hotels das begehrte Zertifikat, das unter anderem vom deutschen TÜV überprüft wird. Die betreffenden Hotels verpflichten sich damit zu strikten Hygienevorschriften und Abstandsregeln.

Dieses „spezielle Tourismus- und Hygienekonzept“ und die relativ niedrige Zahl der Neuinfektionen machten die Aufhebung der Reisewarnung möglich, erklärte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer in Berlin. Die Zahlen sind allerdings immer noch deutlich höher als in Deutschland. Die Türkei meldete seit dem 15. Juli etwa 21.000 neue Infektionen.

Türkisches Gesundheitsministerium: 1083 neue Infektionen

In Deutschland, das eine ähnliche Bevölkerungszahl hat, waren es im gleichen Zeitraum rund 13.000 Fälle. Am Dienstag meldete das türkische Gesundheitsministerium 1083 neue Infektionen. Damit stieg die Zahl der an einem Tag registrierten Ansteckungen erstmals seit Mitte Juli wieder über die Marke von 1000.

Möglicherweise ist das aber nur die Spitze des Eisbergs. Die Ärztekammer Ankara äußert jetzt Zweifel an den Zahlen des Gesundheitsministeriums. Die offiziellen Daten gäben „nicht den wahren Stand der Dinge im Land wieder“, sagt Ali Karakoc, der Generalsekretär des Verbandes.

Ärztekammer: Intensivstationen zu 100 Prozent ausgelastet

In einem Bericht der Ärztekammer heißt es, allein in der Hauptstadtprovinz Ankara gebe es in jüngster Zeit nahezu 1000 neue Infektionen pro Tag – so viele, wie das Gesundheitsministerium für das ganze Land meldet. Die Intensivstationen der Kliniken in Ankara seien zu 100 Prozent ausgelastet. Viele Intensivpatienten würden auf Tragen behandelt. Lesen Sie auch: Türkei baut Kontrolle über soziale Medien aus

Die für Covid-Fälle bestimmten Krankenhäuser könnten keine neuen Patienten mehr aufnehmen, so der Bericht. In manchen Hospitälern würden inzwischen chronisch Kranke im selben Zimmer wie Covid-Patienten untergebracht, was ein sehr hohes Ansteckungsrisiko bedeute.

Vorwurf: Zahlen des Gesundheitsministeriums geschönt

Dies ist nicht das erste Mal, dass in der Türkei Zweifel an den offiziellen Daten zur Entwicklung der Epidemie geäußert werden. Manche medizinische Experten und Oppositionspolitiker werfen der Regierung seit langem vor, die Zahlen des Gesundheitsministeriums seien geschönt.

Gesundheitsminister Fahrettin Koca, selbst Arzt, äußerte allerdings in den vergangenen Tagen ebenfalls Besorgnis über den Wiederanstieg der Infektionen. Koca kritisierte, während des viertägigen Opferfestes Anfang August hätten sich viele Menschen nicht an die Hygienevorschriften und Abstandsregeln gehalten.

Bilder von dicht bevölkerten Stränden und überfüllten Märkten bestätigen das. Offenbar habe die Pandemie für viele Menschen während der Feiertage „keine Priorität“ gehabt, kritisierte der Minister. „Wir sind BESORGT“ twitterte Koca. Fachleute fürchten, dass sich die weit verbreitete Sorglosigkeit während des Opferfestes in den kommenden Wochen in weiter steigenden Infektionsmeldungen niederschlagen wird.