Vorwahlen

Spektakuläres Comeback: Joe Biden triumphiert bei Vorwahlen

So wird in den USA gewählt

Alle vier Jahre wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten. Das Wahlsystem unterscheidet sich deutlich von unserem.

Beschreibung anzeigen

Triumph für Präsidentschaftsbewerber Biden: Der Ex-Vizepräsident gewinnt beim „Super Tuesday“ in mehreren Staaten.

Washington. Bei den Vorwahlen der Demokraten zur Präsidentschaftskandidatur in Amerika ist der prophezeite Durchmarsch des bisher führenden Bernie Sanders vor der endgültigen Auszählung der wichtigsten Bundesstaaten Kalifornien und Texas ausgeblieben.

Der Senator aus Vermont (78) lag am „Super Tuesday” mit Wahlen in 14 Bundesstaaten, dem Außenterritorium American Samoa und bei den Auslands-Amerikanern nach Hochrechnungen in seiner Heimat Vermont, in Colorado und in Utah verlässlich auf Platz eins. In Kalifornien wurde ihm ein Sieg prophezeit. Von welchem Wert, sprich: Delegiertenzahl, das ist noch offen.

Dagegen heimste der vor einer Woche als politisch bereits tot beschriebene Joe Biden eine Reihe von Siegen ein, die von vielen Experten als triumphales Comeback den Alt-Vizepräsidenten gewertet werden und Biden bis auf weiteres als einzigen echten Widersacher von Sanders erscheinen lassen. „Biden hat das Momentum von Sanders entschleunigt”, sagten Analysten im Sender MSNBC. Dass Sanders sich mit einem schwer einholbaren Vorsprung von 300 bis 400 Delegierten absetzt, sei nun nicht mehr zu erwarten.

US-Vorwahlen: Biden gewinnt in mindestens neun Bundesstaaten

Biden gewann mindestens neun Bundesstaaten: Virginia, North Carolina, Tennessee, Alabama, Oklahoma, Arkansas, Minnesota und Massachusetts – und laut Prognosen auch in Texas. Wie sich das exakt auf sein Delegierten-Konto auswirken wird, steht definitiv noch nicht fest, da diese Wahlmänner proportional verteilt werden unter denjenigen, die in einem Bundesstaat mindestens 15 Prozent der Stimmen geholt haben. Im Gros der 14 Bundesstaaten waren Sanders, Biden und Michael Bloomberg am häufigsten unter den ersten Drei.

Joe Biden war aus den ersten vier Vorwahlen mit 54 Delegierten in den Tag gestartet, Bernie Sanders hatte 60. Vergeben wurden am Dienstag rund ein Drittel aller Delegierten, die im Juli beim Parteitag in Milwaukee über den Herausforderer/die Herausforderin von Präsident Donald Trump entscheiden: 1357 von insgesamt 3979. Zum Sieg werden in Milwaukee 1991 Delegierte benötigt.

Sanders gab sich siegessicher

Während Sanders vor Anhängern in Vermont erklärte, dass er mit „absoluter Gewissheit sagen kann, dass wir die Nominierung gewinnen und Donald Trump schlagen werden”, backte Biden bei seiner ersten Rede in Los Angeles zunächst kleinere Brötchen.

Er erinnerte an die Wende in seinem bis dahin katastrophal verlaufenen Wahlkampf – der eindrucksvolle Sieg am Samstag in South Carolina – und bedankte sich für die Solidarität seiner ehemaligen Konkurrenten auf dem Flügel der moderaten Bewerber, Pete Buttigieg und Amy Klobuchar. Sie hatten ihre Kandidaturen mangels Erfolgsaussichten eingestellt und ihre Anhänger am Montag mit Emphase aufgefordert, ab sofort Biden zu unterstützen. So gewann Biden etwa Klobuchars Heimat-Staat Minnesota.

„Das ist ein guter Abend“, sagte Biden später vor Anhängern. „Und es scheint, dass es sogar noch besser wird.“ Sein Comeback kommentierte Biden mit den Worten: „Sie haben mich noch nicht beerdigt, ich bin nicht tot. Ich bin zurück.“

US-Vorwahlen: Biden gewinnt in Texas

In der Nacht waren die größten Delegierten-Lieferanten Texas und Kalifornien (zusammen rund 650) noch weit davon entfernt, amtlich ausgezählt zu sein. In Texas, wo es um 228 Delegierte ging, schien Sanders zunächst auch vorn zu liegen. Zwei Stunden lang sah es dann nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen von Biden und Sanders aus, doch um 8 Uhr MEZ gaben mehrere US-Sender die Prognose ab, dass Biden im „Lone Star State“ gewinnen würde. Auch hier ist unklar, wie viel Delegiertenstimmen das letztendlich bedeutet.

In Kalifornien wird – aufgrund von Größe, Bevölkerungszahl und Wahlsystem – aller Voraussicht nach erst in einigen Tagen das endgültige Ergebnis vorliegen, das über die Verteilung der 415 Delegiertenstimmen entscheidet. Die gesetzliche Frist für den dortigen Innenminister zur Bekanntgabe ist der 10. April. Ein Grund: Kalifornier konnten noch am Dienstag per Briefwahl abstimmen. Bislang sind rund fünf Millionen „ballots”, also Stimmzettel, eingegangen. Deren Auszählung und Überprüfung kostet Zeit.

Vorwahlen der Demokraten: Ein Graben der Generationen

Was sich generell sagen lässt: Die Hälfte der Wähler hat sich in vielen Bundesstaaten erst in den vergangenen Tagen auf eine Person festgelegt; mutmaßlich ein Vorteil für Joe Biden, der erst nach seinem Sieg in South Carolina erstmalig richtig wahrgenommen wurde. Unterdessen ist bei den Spitzen-Kandidaten der Graben zwischen den Generationen noch breiter geworden.

Bernie Sanders hat laut Meinungsforschungs-Instituten am meisten Schlag bei den 18- bis 30-Jährigen. Joe Biden genießt das Vertrauen der Altersklasse 45 bis 65 Jahre. Bei Biden machte sich nach dem Anschub-Sieg aus South Carolina gerade in den Südstaaten seine offensichtlich tadellose Reputation bei Afro-Amerikanern bemerkbar; eine zentrale Wählergruppe bei den Demokraten. Hier erzielte er Werte zwischen 60 und 70 Prozent. Bernie Sanders hat in dieser Klientel massive Andockprobleme.

Ebenfalls prägnant für den starken Abend des Alt-Vizepräsidenten: Selbst in Staaten, wo er nicht eine einzige Kundgebung abgehalten hat und nur Kleingeld für Werbung ausgab – etwa in Oklahoma – konnte er gewinnen. Sein Bekanntheitsgrad, sein Biographie gaben den Ausschlag.

„Super Tuesday“ verlief verheerend für Multimilliardär Michael Bloomberg

Unterm Strich verheerend verlief der Abend für den Außenseiter mit der dicken Brieftasche. Multimilliardär Michael Bloomberg, der die ersten vier Vorwahlen ausließ, gewann zwar im Außenterritorium American Samoa (vier Delegierte). Aber ein richtiger Kracher gelang dem 78-Jährigen nirgends. Es sieht danach aus, dass die heftigen Attacken von Senatorin Elisabeth Warren, die ebenfalls keine guten Abend hatte, in den vergangenen beiden TV-Debatten ihre Wirkung gezeigt haben. In Virginia etwa, wo Bloomberg im Wahlkampf sehr aktiv war, holte Joe Biden über 50.000 Stimmen mehr.

Beim „return of investment” sieht es für Bloomberg mau aus. Der Milliardär und Eigentümer des gleichnamigen Finanzinformationsdienstes hat bisher über 550 Millionen Dollar aus der eigenen Tasche in seinen Wahlkampf gesteckt, 224 Millionen allein in den 14 „Super Tuesday”-Staaten. Allerdings: Weil Bloomberg in mindestens fünf Staaten über der 15 Prozent-Grenze liegt, darunter gibt es keine Delegierten, könnte der New Yorker Geschäftsmann im Rennen bleiben.

Aber: Seine Kampagne ließ verlauten, dass man heute (Mittwoch) eine Bestandsaufnahme vornehmen werde. Hintergrund: Das demokratische Partei-Establishment will ihn unbedingt zur Aufgabe bewegen, da er dem erstarkten Joe Biden bei den folgenden elf Wahlen in diesem Monat wichtige Stimmen wegnehmen würde, die am Ende Sanders nutzen. Bloomberg will genau das nicht.

US-Vorwahlen: Bernie Sanders kein unangefochtener Anführer mehr

Kurz-Fazit: Joe Biden ist wieder voll da. Bernie Sanders ist kein unangefochtener Anführer mehr im Bewerberfeld. Michael Bloomberg hat trotz des teuersten Kurzwahlkampfes aller Zeiten nicht viel gerissen. Er und Elizabeth Warren, die selbst ihren Heimatbundesstaat Massachusetts verlor, sind die nächsten Kandidaten für den Ausstieg.

Schon Ende März wären die Demokraten dann beim Duell angekommen, das den zentralen Konflikt der Partei illustriert: Joe Biden für den moderat-gemäßigten Flügel, Bernie Sanders für die Linksprogressiven. Wer von beiden im Juli die Präsidentschaftskandidatur gegen Trump bekommt, ist heute noch völlig offen.