Holocaust

Josef Königsberg: „Ich verdanke einem Deutschen mein Leben!“

Josef Königsberg  ist 95 Jahre alt. Er überlebte den Holocaust. Auch weil der deutsche Helmut Kleinicke ihn vor der Deportation nach Auschwitz rettete.

Josef Königsberg ist 95 Jahre alt. Er überlebte den Holocaust. Auch weil der deutsche Helmut Kleinicke ihn vor der Deportation nach Auschwitz rettete.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Am 18. Februar 1942 rettete Helmut Kleinicke dem Juden Josef Königsberg das Leben. Der erzählt die Geschichte des stillen Helden.

Berlin. Helmut Kleinicke blieb zeit seines Lebens ein Rätsel. Er sprach nicht viel über die Vergangenheit. War ein stiller, zurückgezogener Mensch, der die Kunst liebte. Geboren wurde er 1907 in Wildemann im Harz, gestorben ist er 1979 in Koblenz. Was dazwischen war? Jahre des Schweigens. Doch warum?

Warum erzählte der Deutsche nichts von seinen Heldentaten? Und verschwieg bis zu seinem Lebensende, dass er Juden im Zweiten Weltkrieg das Leben rettete?

Das generelle Schweigen unterscheidet diesen Mann nicht so sehr von anderen Deutschen seiner Zeit. Über das, was sie im Zweiten Weltkrieg zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland getan hatten, darüber wollten nicht mehr viele sprechen.

Held im Holocaust: Helmut Kleinicke versteckte Juden, fuhr sie nachts mit dem Auto fort

Dabei ist Helmut Kleinicke ein Held, er bewahrte als Bauleiter in der polnischen Stadt Chrzanów mehrere Juden vor dem Tod. Denn er versteckte sie, fuhr sie mit einem LKW nachts fort, r ettete sie vor dem sicheren Tod in einem deutschen K onzentrationslager. Helmut Kleinicke war einer von wenigen, die mit Stolz hätten sprechen können.

Seit dieser Woche ist Helmut Klei­nicke ein „Gerechter unter den Völkern“. Dieser Titel wird von Yad Vashem in Israel, der internationalen Erinnerungsstätte für den Holocaust, vergeben. Sie ehrt diejenigen, die „in einer Welt totalen moralischen Zusammenbruchs“ menschliche Werte hochhielten. Die Mensch blieben.

Bei der posthumen Ehrung für Helmut Kleinicke in der israelischen Botschaft in Berlin war auch ein Mann anwesend, den Kleinicke retten konnte. Josef Königsberg, 95 Jahre alt. Dass Klei­nicke in dieser Woche geehrt wurde, ist auch Josef Königsberg zu verdanken, der seit Ende des Krieges versucht hatte, seinen Retter von einst zu finden. Doch Kleinicke wollte sich nicht finden lassen.

Ehrung für Helmut Kleinicke in der israelischen Botschaft

Als Jutta Scheffzek, Kleinickes Tochter, für ihren Vater die Medaille und die Urkunde entgegennimmt, steht Königsberg von seinem Stuhl in der ersten Reihe auf und fotografiert sie und den Botschafter Jeremy Issacharoff. Es ist eine sehr kleine Geste, die zeigt, wie wichtig Königsberg dieser Moment ist.

Königsberg beginnt seine Rede: „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam die ganze Welt gerettet.“ Dieser Satz aus dem Talmud ist auf die Medaillen für die „Gerechten unter den Völkern“ geprägt. Königsberg erzählt, wie er seinem Retter als Teenager erstmals begegnete. „Ich putzte seine Wohnung, und er war sehr freundlich zu mir.“

Josef Königsberg war 14 Jahre alt, als er ins Zwangsarbeiterlager kam

Königsberg und seine Familie stammten aus Katowice, 1939 wurden sie nach Chrzanów gebracht. Die Nationalsozialisten wollten dort nach dem Überfall auf Polen neue landwirtschaftliche Gebiete gewinnen. Das Land um die Weichsel herum sollte trockengelegt werden. Die jüdischen Zwangsarbeiter mussten Gräben ausheben, Sümpfe austrocknen, standen barfuß im Wasser.

Der Tiefbau-Ingenieur Kleinicke war als Bauleiter für die Arbeiten verantwortlich. Und schnell dafür bekannt, sich um die Arbeiter zu kümmern. Er gab den Frauen Gummistiefel, er besorgte Kleidung für die Kinder, steckte Essen zu.

Über das wöchentliche Putzen lernten sich Königsberg und Kleinicke besser kennen. Nebenbei verband die beiden ihre Leidenschaft für Briefmarken. Königsberg hatte eine Sammlung, die er im Haus Kleinickes aufbewahrte.

Die Mutter flehte: „Retten Sie meinen Sohn!“

Am 18. Februar 1942 trieb die SS Tausende Juden des Lagers zusammen. Königsberg war damals 17 und wusste: „Die SS wollte Chrzanów von Juden frei machen.“ Nur 20 Kilometer entfernt lag das Konzentrationslager Auschwitz, dessen Befreiung am 27. Januar 1945 jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal.

„Wir wurden aufgeteilt. Ich kam in eine Gruppe für Männer. Meine Mutter und meine Schwester in eine andere. Meine Mutter schaffte es, Kleinicke zu sprechen. Sie flehte: ‚Retten Sie meinen Sohn!‘

Der ging daraufhin zu einem SS-Mann und sagte: „Das ist mein bester Tiefbau-Arbeiter!“ Und Königsberg erinnert sich, wie der SS-Mann antwortete: „Dafür brauchen Sie eine Sondergenehmigung.“ Und Kleinicke drohte: „Wenn Sie den nicht rausgeben, beschwere ich mich in Berlin.“ Königsberg durfte bleiben, aber seine Mutter und Schwester wurden noch am selben Tag nach Auschwitz gebracht und ermordet. Kleinicke hatte auch eine Genehmigung für die Mutter bekommen, doch die wollte ihre Tochter nicht allein gehen lassen, erzählt Königsberg.

Er kam später in andere Konzentrationslager, überlebte, wurde nach dem Krieg Journalist in Breslau. Anfang der 60er-Jahre floh er nach Deutschland, weil er zu kritisch über die Kommunisten berichtet hatte. Er lebt heute mit seiner Frau und seinen Kindern in Essen.

Doch die Geschichte seines Retters ließ ihn nicht los. Bereits 1964 erschien der Artikel „Ein Mann sucht seinen Lebensretter“ in der NRZ. Der Autor beschrieb darin die Geschichte Königsbergs, der zwar anonym bleiben wollte, aber Helmut Kleinicke beim Namen nannte. Der las damals den Artikel, reagierte aber nicht.

Seine Tochter Jutta Scheffzek, 73, versucht zu erklären, warum ihr Vater stumm blieb. „Sein Leben war wie ein Mosaik, in dem Steine fehlten“, sagt sie. Heute weiß sie, dass er Repressionen fürchtete. In den 60er-Jahren arbeitete er als Beamter, genauso wie andere, die überzeugte Nationalsozialisten waren.

Kleinicke war zwar auch Mitglied in der NSDAP gewesen, doch trat er nach einem Jahr 1931 wieder aus, um 1933 wieder einzutreten, weil er arbeitslos war. In den 60er-Jahren musste er sich gegen den Vorwurf wehren, er sei bestechlich im Amt. „Dieser Vorwurf nagte schwer an ihm“, sagt Jutta Scheffzek. Schließlich blieb es nur beim Vorwurf, ein Verfahren gab es nicht.

Der schweigende Held: Warum reagierte Kleinicke nicht, als man ihn suchte?

Doch Kleinicke hatte Angst. „Er war kein mutiger Mensch, er wollte einfach seine Ruhe. Daher reagierte er auch nicht auf die Suche nach ihm.“

Nicht mutig? „Er handelte damals wahrscheinlich aus der Notwendigkeit heraus. Er tat, was nötig war“, antwortet seine Tochter heute. Helmut Kleinicke gehört jetzt zu einer sehr kleinen Zahl von Menschen, die über sich hinauswuchsen: 27.262 Menschen tragen weltweit den Titel „Gerechter unter den Völkern“, nur wenige sind Deutsche: Helmut Kleinicke hat die Nummer 628.

Scheffzek selbst begann erst nach dem Tod des Vaters zu recherchieren, auch sie hatte Angst. Sie fürchtete, Schreckliches zu erfahren. Sie reiste nach Israel, um Überlebende aus dem Lager Chrzanów zu treffen. Was sie hörte, waren die fehlenden Mosaikteile. Ihr Vater war ein Retter, sie erfuhr allein von zehn Menschen, denen er geholfen hatte.

Einen weiteren Geretteten traf sie 2016. Sie gab Josef Königsberg die Briefmarkensammlung zurück, die er damals bei ihrem Vater lassen musste.

Und Königsberg? Hat er jetzt Ruhe? „Die Ehrung für Kleinicke ist der glücklichste Tag meines Lebens gewesen“, sagt er am Freitagnachmittag am Telefon. „Aber es hat mich trotzdem noch einmal alles mitgenommen. Die Erinnerungen belasten mich, ich träume immer wieder davon.“ Die Erinnerung sei eben kein Buch, das man schließen könne.

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