Wende

30 Jahre Mauerfall: So feiert Deutschland den Jahrestag

So feiert Berlin 30 Jahre Mauerfall

Eine Nacht voller Emotionen. Am 09. November fiel die Berliner Mauer. 30 Jahre später feiern die Menschen am Brandenburger Tor. Erleben Sie die schönsten Bilder.

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Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Überall im Land wird nun der 30. Jahrestag gefeiert. Wir berichten, wie der Tag abläuft.

Berlin. Es ist kalt und es regnet – dennoch haben sich Zehntausende am Samstagabend am Brandenburger Tor in Berlin versammelt und bei einer großen Open-Air-Show den Mauerfall vor 30 Jahren gefeiert.

Die Botschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war eindeutig: Er rief unter dem Beifall der Menge dazu auf, neu entstandene Mauern in der Gesellschaft wieder einzureißen. Zeitzeugen und Bürgerrechtler kamen auf der stimmungsvoll illuminierten Bühne vor dem Brandenburger Tor zu Wort. Die Show sollte mit einem Feuerwehr enden.

Die Bühnenshow begann mit einem Klassiker der DDR-Rockmusik. Als Dirk Michaelis (58) am Berliner Wahrzeichen seine Rockballade „Als ich fortging“ präsentierte, wurde es auf dem Platz vor der Bühne still. Einige Zuhörer sangen mit. Der frühere Frontmann der Rockband Karussell hatte das Lied schon als Jugendlicher komponiert und 1987 veröffentlicht – Es wurde zur „Wendehymne“.

Über den Köpfen der Bürger an der Straße des 17. Juni rauschten 30.000 Bänder leise im Wind – darauf hatten Berliner ihre Wünsche und Hoffnungen aufgeschrieben. Die Kunstinstallation war abends beleuchtet und von weitem zu sehen, genau wie die Bühne mit mehreren Großleinwänden, auf denen die Zuschauer das Geschehen verfolgen konnten.

Eng gedrängt standen die Gäste nebeneinander, hörten der Ost-Berliner Band Die Zöllner oder dem gebürtigen Chemnitzer Sänger Trettmann zu, wiegten sich im Rhythmus der Musik und klatschten viel Beifall. Tränen gab es auch – etwa, als die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim Beethovens 5. Sinfonie spielte und auf den Videoleinwänden Szenen vom Tag des Mauerfalls vor 30 Jahren zu sehen waren.

Angela Merkel besucht Berliner Mauer-Gedenkstätte

Schon am Morgen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei acht Grad und Nieselregen die Feierlichkeiten zum Jahrestag in der Berliner Mauer-Gedenkstätte eingeläutet. Es ist ein düsterer Morgen – dabei soll es ein Tag der hellen Freude werden: Deutschland erinnert sich an den Mauerfall vor 30 Jahren, nicht nur in der Berliner Mauer-Gedenkstätte, sondern auch an vielen anderen Orten im Land. Doch das Wetter spiegelt wider, dass nicht alles Sonnenschein ist, drei Jahrzehnte nach der Wende. Das sieht auch die Kanzlerin so.

Die Wiedervereinigung nimmt in Merkels Augen viel mehr Zeit in Anspruch als ursprünglich erhofft: „Bei manchem, von dem man gedacht hat, dass es sich zwischen Ost und West angleichen würde, sieht man heute, dass es doch eher ein halbes Jahrhundert oder länger dauert“, so Merkel im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. „Nach zehn oder zwanzig Jahren hatte man die Hoffnung, dass es schneller geht. Aber dreißig Jahre haben schon etwas fast Endgültiges“, findet die 65-Jährige.

"Immer noch Gänsehaut" - Mauerfall-Zeitzeuge ist den Tränen nah
Immer noch Gänsehaut - Mauerfall-Zeitzeuge ist den Tränen nah

Mauerfall vor 30 Jahren – Gedenkstunde zwischen alten Betonteilen

Viele schlagen in diesen Tagen einen Bogen vom 9. November 1989 zum 9. November 1938. Von der friedlichen Revolution zu den Gewaltexzessen bei den Novemberpogromen gegen Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Nicht ohne Grund: Das wiedervereinigte Land des 9. November 2019 ist ein Land, in dem sich viele Juden nicht mehr sicher fühlen, in dem antisemitische Straftaten zunehmen. Auch das gehört zur Wahrheit der deutsch-deutschen Geschichte.

Der 9. November sei „ein Schicksalstag“ für die Deutschen, wird auch Merkel später in der Kapelle der Versöhnung auf dem ehemaligen Mauerstreifen sagen. Das Datum vereine die fürchterlichen und die glücklichen Seiten der deutschen Geschichte. „Es mahnt uns, Hass, Rassismus, Antisemitismus entschlossen entgegenzutreten.“

Steinmeier dankt den ostdeutschen Nachbarstaaten

Bei der Gedenkstunde zwischen den alten Betonteilen der ehemaligen Berliner Mauer sind neben Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) nicht nur Vertreter der deutschen Politik sondern auch die Staatspräsidenten und weitere Gäste aus Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei dabei. Steinmeier dankt den Bürgern der vier Staaten für ihren maßgeblichen Beitrag zur Wiedervereinigung. „Ohne den Mut und den Freiheitswillen der Polen und Ungarn, der Tschechen und Slowaken wären die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und die deutsche Einheit nicht möglich gewesen.“

Und heute? „Manchmal habe ich das Gefühl, dass es immer noch eine Mauer zwischen West- und Osteuropa gibt“, sagt ein ungarischer Jugendlicher, bevor die Gäste symbolische Rosen in die Fugen der Mauer stecken. Ein junger Pole spricht vom „schwierigen Weg“, den Europa immer noch vor sich habe. Auch das gehört zur Wahrheit.

Merkel erinnert an die Opfer des DDR-Unrechtssystems

Die Kanzlerin wärmt sich jetzt im Gedränge, das entstanden ist, weil sie ein paar hundert Meter ohne Entourage über das ehemalige Mauergelände zur Kapelle der Begegnung läuft. Sie schüttelt Hände, stellt sich Wange an Wange für Selfies auf, plaudert mit jungen Besuchern. Die Stimmung bleibt dennoch nachdenklich. In der Kapelle angekommen spricht Merkel über die Opfer des DDR-Unrechtssystems, über die Stasi, die Repressionen, die Überwachung, die Denunziationen. Und über die Herausforderung für Demokratie und Zusammenhalt im Jahr 2019. Vom Glückstaumel der ersten Stunden nach der Maueröffnung ist 30 Jahre später wenig zu spüren.

Mit einer Kerze in der Hand läuft Merkel am Ende zusammen mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller und ihren beiden Kabinettskolleginnen Franziska Giffey und Christine Lambrecht (beide SPD) den ehemaligen Postenweg am Mauerstreifen entlang. Schützend hält sie die Hand vor die Flamme. Sie weiß: Beim nächsten runden Mauergedenken wird sie nicht mehr Kanzlerin sein. Merkel will 2021 ihr Amt abgeben.

30 Jahre Mauerfall: US-Außenminister Pompeo besuchte Deutschland

US-Außenminister Mike Pompeo hatte bereits am Donnerstag mit Außenminister Heiko Maas (SPD) Orte der deutschen Teilung und der friedlichen Revolution in Ostdeutschland besucht, darunter den früheren bayerisch-thüringischen Grenzort Mödlareuth und die Nikolaikirche in Leipzig, die Pompeo als „eine der Geburtsstätten der deutschen Freiheit“ bezeichnete. Maas hatte dabei die Verdienste der USA um die Überwindung der deutsch-deutschen Teilung hervorgehoben. Am Freitag hatte Pompeo auch mit Angela Merkel gesprochen.

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Grenzer wurden von Grenzöffnung überrascht

Der Grenzöffnung am 9. November 1989 war eine Pressekonferenz von Günter Schabowski vorausgegangen. Schablowski, der erst kurz zuvor zum Informations-Sekretär des Zentralkomitees der DDR ernannt worden war, verlas neue Regelungen zur Ausreise.

Auf die Frage eines Journalisten, wann das in Kraft trete, antwortete Schabowski mit den mittlerweile berühmten Worten: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Die Pressekonferenz war im DDR-Fernsehen und -Radio übertragen worden und führte in den folgenden Stunden zu einem Ansturm an den Übergängen von Ost- nach Westberlin, wo die unvorbereiteten Grenzer schließlich die Schlagbäume öffneten.

Exakt 30 Jahre nach der legendären Pressekonferenz wird am Samstagabend am Brandenburger Tor mit einer großen Bühnen-Show der Tag des Mauerfalls gefeiert. (mit br/dpa)