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Tilman Kuban: Zum JU-Chef mit Mut zur Kontroverse

Tilman Kuban, der neue JU-Vorsitzende, am Samstag beim außerordentlichen Deutschlandtag der Jungen Union in Berlin.

Tilman Kuban, der neue JU-Vorsitzende, am Samstag beim außerordentlichen Deutschlandtag der Jungen Union in Berlin.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Die Junge Union wählt den 31-jährigen Niedersachsen zu ihrem neuen Vorsitzenden. Der Jurist teilte heftig gegen andere Politiker aus.

Berlin. Es ist kurz vor halb sechs am Samstagnachmittag im Berliner Congress Center am Alexanderplatz, als die Entscheidung verkündet wurde. 319 gültige Stimmen seien abgegeben worden, sagte der Tagungschef. „Auf Tilman Kuban entfielen zweihunde…“ Der Rest geht im Jubel unter.

Eine gute Stunde zuvor war ein wochenlanges Duell kulminiert, wie man es in der Jungen Union selten sieht und hört. Als der niedersächsische Junge-Union-Chef Kuban für seine Vorstellungsrede an das Rednerpult ging, war der Jubel ohrenbetäubend. Der halbe Saal stand, „Tilmann, Tilmann“-Sprechchöre tönten.

Kuban will kriminelle Migranten konsequenter abschieben lassen

Zwei JU-Landesvorsitzende traten gegeneinander an, der eine aus Thüringen, der andere aus Niedersachsen. Der eine ist 34 Jahre alt und Landtagsabgeordneter, der andere 31, Jurist und auf dem Weg ins Europaparlament. Eine Dreiviertelstunde dauerte der rhetorische Überbietungswettbewerb. Kuban legte laut vor.

Seine Sätze peitschten durch den Saal, immer wieder umtost von Jubel. Zum Thema Flüchtlinge: „Wer sich in unserem Land nicht an unsere Gesetze halten will, der ist in unserem Land nicht willkommen.“ Zu den Soldaten: „Wenn die Verteidigungsministerin mehr Kinder als fliegende Flugzeuge hat, dann ist das nicht die Ausrüstung, die die Bundeswehr braucht.“ Zum Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert: „Kevin mach dein Studium fertig, dann kannst du dir deine eigene Wohnung leisten.“

Der Saal tobt. Es war ein nicht ganz fairer Zug, auch der bisherige Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, schloss sein Studium nicht ab. Kühnert twitterte dann auch umgehend zurück, man könne ohne Studium zur Not ja auch noch CDU-Generalsekretär werden.

Kuban sieht sich selbst als „Macher“

Kuban gab auch den Grünen etwas mit: „Wir werden nicht zulassen, dass sie mit ihrem Verbotsfetischismus durchs Land ziehen.“ Er, rief er, habe auch Berufserfahrung außerhalb des Politikbetriebes gesammelt. „Wenn ihr einen Macher wollt, dann lasst es uns gemeinsam anpacken.“ Der Beifall dröhnte Minuten, wieder stand der halbe Saal.

Danach kam Stefan Gruhner, den das Parteistablishment gerne als neuen Vorsitzenden gehabt hätte. Seniorer im Auftreten, hielt er eine gemäßigtere Politiker-Rede, wirkte gegen den frenetischen Jubel zuvor fast gedämpft. „Die Respektrente der SPD“, rief er, „ist in Wahrheit eine Respektlosigkeit gegenüber der jüngeren Generation. „Wir dürfen uns nicht mehr bieten lassen, dass permanent nur noch Politik für die über 60-Jährigen gemacht wird.“ Die Junge Union sollte „stärker Stachel im Fleisch im Groko“ sein, sagte er. „Wir müssen selbstbewusst definieren, ob wir diesem Land diese Groko noch weiter zumuten lassen können.“

Er warb für sich als Thüringer, wo er dem linke Ministerpräsident Bodo Ramelow und dem AfD-Landeschef Björn Höcke gegenüber stehe und über „Frontlinienerfahrung“ verfüge. Koalitionen mit beiden Extremen kämen nicht infrage: „Man bekämpft Populisten nicht, in dem man sie zu Partnern macht.“

Reden von Gruhner und Kuban ähnelten sich

Die Reden von Gruhner und Kuban ähnelten sich bis in die Wortwahl, doch Kuban machte am Ende das Rennen. Der langjährige Fußballer – Innenverteidiger – stand dann doch für mehr Aufbruch und Erneuerung. Der Wunsch danach ist in der Union immer noch groß, gerade bei den Jungen.

Kuban war lange in der Kommunalpolitik tätig, zog als „A-Team“ für den ehemaligen Spitzenkandidaten Bernd Althusmann in den Wahlkampf. Er will von dort die Junge Union deutlich hörbarer machen, kündigte auch weniger Rücksicht auf die Mutterpartei an.

Die Nachwuchsorganisation der Union feierte sich in Berlin ohnehin selbst. Für den ehemaligen Vorsitzenden Paul Ziemiak gab es langen Applaus und Standing Ovations. Die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die Ziemiak noch beim Parteitag in Hamburg am Rande der Tanzfläche abgeworben hatte, wird später ihre Entscheidung für ihn als eine ihrer besten bezeichnen. Für den 33-Jährigen gab es zum Abschied all die Geschenke, die er als Vorsitzender der Jungen Union an Politiker verschenkt hatte: Krawatten, Mauerstücke, eine Regenjacke. Er nahm es mit Humor.

„AKK“ kritisiert „Fridays für Future“-Proteste

Die Chefin sprang dann am Nachmittag in Jeans auf die Bühne im Kongresshalle am Alexanderplatz. Es war ihre erste Rede als CDU-Chefin beim Parteinachwuchs. Sie hielt sie engagiert, erinnerte zunächst an das schreckliche Attentat in Neuseeland und auch an die Hetze im Netz. Es könne für keine Art von Hass, Gewalt und Terrorismus „auch nicht den Ansatz einer Entschuldigung“ geben, sagte Kramp-Karrenbauer.

Sie ermunterte ihren Parteinachwuchs, sich nie „mundtot machen und einschüchtern“ zu lassen, rechnete dann mit den sozialpolitischen Vorschlägen der SPD ab. Auch die Schülerproteste „Fridays for Future“ erwähnte sie, sehr kritisch. „Ich finde es wichtig, dass junge Leute ihr Anliegen auf die Straße bringen. Ich fände es noch überzeugender, wenn sie das auch in ihrer Freizeit tun.“

„AKK“ steht Union näher als Merkel

Der Parteinachwuchs ging pfleglich mit der neuen Chefin um, sie trifft den Ton deutlich mehr als ihre Vorgängerin Angela Merkel, die sich in den letzten Jahren vor der JU vor allem für ihre Flüchtlingspolitik rechtfertigen musste. Doch Kramp-Karrenbauer hatte auch noch eine andere Botschaft an die eigenen, etwas älteren Reihen. „Ich bin für die Werte, für die die CDU steht, in die Partei eingetreten. Dafür brauche ich keine eigene Organisation“, sagte sie an die Werteunion ihrer Partei gewandt, die vor kurzem dem Rückzug von Angela Merkel forderte.

Die Union sei immer dann stark gewesen, wenn sie ein Angebot für viele bereithalte. „Wir sind die Partei, die zusammenhält, in den eigenen Reihen, aber auch in der Gesellschaft. Und wir sind in diesem Jahr so herausgefordert sind wie selten zuvor.“

Dies ist auch Kuban bewusst. „Lasst uns schnell rausgehen“, beschwor er den Saal nach seiner Wahl. „Da ist der Gegner“.