Landtagswahl

Wird Tarek Al-Wazir der nächste grüne Ministerpräsident?

Tarek Al-Wazir hat angesichts guter Umfragewerte für die Grünen zur Landtagswahl in Hessen allen Grund zu lachen.

Tarek Al-Wazir hat angesichts guter Umfragewerte für die Grünen zur Landtagswahl in Hessen allen Grund zu lachen.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Die Grünen sind in Umfragen im Aufwand. Bleibt das so, könnte es mit Tarek Al-Wazir bald den nächsten grünen Ministerpräsidenten geben.

Gießen/Berlin.  Tarek Al-Wazir kann gar nicht so schnell reagieren, wie sich der Mann vor ihm auszieht: zack, ist das T-Shirt über den Kopf gezogen, Schultern und Rücken entblößt.

„Hier, guck!“, sagt der Mann, der eben noch im Café in Gießen an einem Tisch neben dem Grünen-Politiker saß, und dreht seine rechte Schulter zu Al-Wazir, auf der die Offenbacher Kickers mit einem Tattoo verewigt sind.

Al-Wazir – Offenbacher, Kickers-Fan, Stadion-Dauerkartenbesitzer – guckt, grinst und verzichtet auf einen Hinweis auf die Wahl am kommenden Sonntag. Ist nicht nötig, sie erkennen ihn hier.

Landtagswahl in Hessen ist wichtig für GroKo

Der 47-Jährige hat schon einige Wahlkämpfe mitgemacht. Aber dass sich dabei jemand für ihn auszieht – „das ist neu“, sagt Hessens Wirtschafts- und Verkehrsminister. Vieles ist neu für die Grünen in diesem Wahlkampf.

Die ehemaligen CDU-Anhänger, die bei den Grünen stehen bleiben, um ihnen zu sagen, dass sie dieses Mal ihr Kreuz bei ihnen machen werden. Die Spannung, mit der das ganze Land nach Wiesbaden blickt, weil sich hier das Schicksal der großen Koalition in Berlin entscheiden könnte.

Neu sind auch die Umfragewerte: Bei 22 Prozent stehen die Grünen eine Woche vor der Landtagswahl in Hessen, bei 20 Prozent im Bund. Zweitstärkste Partei, nach der CDU. Natürlich ist das nur eine Momentaufnahme.

Grüne auch in Hessen obenauf

Aber am Ende könnte Al-Wazir Ministerpräsident von Hessen werden. Zweiter Landesvater aus den Reihen der Umweltpartei nach Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zur Landtagswahl in Hessen.

Der Erfolg in Bayern, wo die Grünen vor einer guten Woche 17,5 Prozent holten, beflügelt auch den Wahlkampf in Hessen. Es könnte reichen für ein Bündnis mit SPD und FDP, oder mit SPD und Linke. Die Ampel gilt bei den Grünen – im Fall der Fälle – als realistischere Option, vor allem weil die Linke als unzuverlässig gilt.

Hessische SPD will Abwärtstrend umkehren
Hessische SPD will Abwärtstrend umkehren

Grün-Rot-Gelb wäre zudem ein Bündnis der Mitte – und damit wahrscheinlich in der Bevölkerung akzeptierter. Doch FDP-Chef Christian Lindner bremst schon, erteilt der grünen Ampel eine Absage. Begründung: Grün-Rot-Gelb wäre ein Linksruck. Linke-Chefin Katja Kipping hingegen kann sich ein grün-rot-rotes Bündnis vorstellen.

Hessens Regierung ist Schwarz-Grün

Al-Wazir äußert sich nicht zum Thema, hält den Ball flach: „Da ist so viel Bewegung drin, dass ich mir heute nicht einmal näherungsweise zutrauen würde, vorherzusagen, wie diese Wahl ausgeht.“ Alte Politiker-Regel: Sprich nie über das Amt, das du haben willst.

Seit fünf Jahren regieren die Grünen in Hessen mit der CDU. „Geräuschlos“ ist das Wort, mit dem die Arbeit des Bündnisses in Wiesbaden am häufigsten beschrieben wurde – nicht immer als Kompliment gemeint, sagt Al-Wazir.

Erst im vergangenen Jahr habe sich die Bewertung der vergleichsweise unauffälligen Zusammenarbeit der Partner geändert. Da habe sich die Meinung „angesichts des Jamaika- und vor allem des GroKo-Gewürges in Berlin völlig gedreht“.

Das „GroKo-Gewürge“ – also der Dauerkrisenmodus der großen Koalition, in der CDU, CSU und SPD seit Monaten immer wieder erbittert streiten – ist auch der Grund, warum offen ist, ob das hessische Bündnis weitergeführt werden kann. Der Koalitionspartner ist schwach, gerade mal bei 26 Prozent stand die CDU in den letzten Umfragen.

Al-Wazir betreibt deshalb seit Wochen Erwartungsmanagement

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) wirkt verbraucht im Vergleich zum jüngeren Al-Wazir. Und dem SPD-Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel haftet das Etikett des ewigen Verlierers an: TSG, wie er bei der SPD genannt wird, tritt schon zum dritten Mal als Spitzenkandidat an.

Al-Wazir betreibt deshalb seit Wochen Erwartungsmanagement: keine konkreten Aussagen zu Koalitionen nach der Wahl. Nur nicht übermütig werden. Er habe beschlossen, sagt er bei einem Auftritt später am Abend, jetzt keine Umfragen mehr zu lesen und nur noch Wahlkampf zu machen.

Es ist sein letzter Termin an diesem Tag, der mit einem frühen Interview angefangen hat und in einem Kellergewölbe in der Gießener Innenstadt endet, in dem sonst Partys und Konzerte stattfinden. Rund 80 Menschen sitzen auf Holzstühlen, das Licht ist schummrig, in den Wänden hängt der Geruch von Bier.

„Townhall“ heißt das Format, in dem an diesem Abend gesprochen wird – ein Konzept, vor allem in Amerika beliebt, bei dem Kandidaten nicht von einem Moderator befragt werden, sondern Fragen aus dem Publikum beantworten.

„Leistung muss sich lohnen“

Das sieht an diesem Abend aus, wie man sich Grünen-Anhänger in einer kleinen Universitätsstadt vorstellt: viele Turnschuhe und Kapuzenpullover, farbenfrohe Stofftücher und weite Hosen, eine Frau strickt beim Zuhören. Der Altersschnitt ist niedrig genug, um bei anderen Parteien Neid auszulösen.

Die ersten Fragesteller bedanken sich artig, dass „der Tarek“ an diesem Abend gekommen ist und sich diesem Format „stellt“, bevor sie zu Nahverkehr, zu Breitbandausbau und Sozialpolitik fragen.

Und Al-Wazir antwortet: zu Nahverkehrstickets wie dem Schülerticket, einem seiner Erfolge als Minister – rund 400.000 Schüler fahren damit durch ganz Hessen, für umgerechnet einen Euro pro Tag. Zum Fortschritt des Landes beim Glasfaserausbau.

Zum bedingungslosen Grundeinkommen. Er ist dagegen, sagt Al-Wazir, und garniert seine Erklärung mit einem Ludwig-Erhard-Zitat: „Leistung muss sich lohnen.“

Al-Wazir, Sohn einer Deutschen und eines Jemeniten, gehört zu den Realos der Partei, zum bürgerlichen Flügel. Der Vater von zwei Söhnen ist laut Umfragen der beliebteste Politiker in Hessen.

Landtagswahl in Hessen Stimmungstest für Berlin

Im Bundesrat bildete er manchmal eine Achse mit Winfried Kretschmann, etwa bei den Asylpaketen, was ihm bei den Grünen in der Bundestagsfraktion nicht nur Freunde eingebracht hat. Manche Parteifreunde bescheinigen ihm Eitelkeit und einen ausgeprägten Machtwillen.

Die Landtagswahl in Hessen wird Auswirkungen haben bis nach Berlin. Die Situation ist mehr als angespannt, sogar ein Bruch der großen Koalition gilt nach weiteren Niederlagen für Union und SPD nicht als ausgeschlossen. Al-Wazir sagt dazu nichts.

„Wir wollen so stark werden, dass am Ende keiner an uns vorbeikommt.“ Ein wenig vorsichtigen Optimismus erlaubt er sich dann aber doch noch. „Es könnte sein, dass das noch besser gelingt als gedacht.“