Konzern

Warum Bahnchef Richard Lutz nun die Notbremse zieht

Bahnchef Richard Lutz.

Bahnchef Richard Lutz.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Der Ertrag sinkt, Schulden steigen, Fernzüge sind verspätet wie seit Jahren nicht mehr – Konzernchef Lutz schrieb nun einen Brandbrief.

Berlin.  Geht es rein nach der Zahl der Passagiere, müsste sich in der Führungsetage der Deutschen Bahn wohl niemand Sorgen machen. 142 Millionen Fahrgäste stiegen im vergangenen Jahr in die ICEs und Intercitys. Der dritte Rekord in Folge. Doch die Lage in dem Konzern mit seinen 300.000 Mitarbeitern ist offenbar überaus angespannt. Der Schuldenstand des Staatskonzerns erreicht eine kritische Höhe, der Ertrag schrumpft zusehends.

In einem Brandbrief wenden sich die sechs Vorstandsmitglieder jetzt an Tausende Führungskräfte. Die Bahn befinde sich in einer „schwierigen Lage“, heißt es in dem Schreiben, aus dem unter anderem das „Handelsblatt“ zitiert. Kernaussage: Trotz zahlreicher Maßnahmen, die in den vergangenen Monaten ergriffen wurden, habe sich die Situation „nicht verbessert, sondern verschlechtert“. Bahnchef Richard Lutz forderte eine strenge Ausgabendisziplin ein.

Schon zweimal musste Lutz in diesem Jahr das Gewinnziel senken. Damit die angepeilten 2,1 Milliarden Euro Überschuss noch zu erreichen sind, müssen nun alle Ausgaben oberhalb einer bestimmten Grenze genehmigt werden. Ausdrücklich werde darauf hingewiesen, dass der Ausgabenstopp nicht befristet sei. Eine Sprecherin bestätigte, dass der Konzern gegen die steigenden Schulden ansteuere. An Maßnahmen für Qualität und Kundenzufriedenheit werde ausdrücklich nicht gespart.

Schmerzgrenze für Schulden bei 20 Milliarden Euro

Zur Jahresmitte hat der Schuldenberg der Deutschen Bahn 19,7 Milliarden Euro erreicht. Vier Jahre zuvor waren es noch 16,2 Milliarden Euro. Intern sehe der Vorstand die Schmerzgrenze bei 20 Milliarden, darüber könnten die Kosten für eine weitere Kreditaufnahme deutlich steigen. Der Bund, dem die Bahn gehört, hat bislang ein Schuldenlimit von 20,4 Milliarden Euro gesetzt.

Lutz, seit März 2017 Vorstandschef der Deutschen Bahn AG und zuvor sieben Jahre lang Finanzvorstand des Konzerns, will zudem gegen „Ressort-Egoismen“ vorgehen. Bei der Bahn dürfe Verantwortung nicht mehr hin- und hergeschoben werden. Die DB müsse sich „grundlegend verändern“, um die notwendige Leistungsfähigkeit zu erreichen.

Probleme hat der Bahn zuletzt etwa die Hitzewelle im Sommer bereitet. „Zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme gehört aber auch, dass wir unsere eigenen Themen wie z. B. die Fahrzeugverfügbarkeit schlicht nicht im Griff haben“, heißt es in dem Schreiben. Im Fernverkehr kamen im August nur 69,8 Prozent der ICEs und Intercitys mit weniger als fünf Minuten Verspätung an. Das war der schlechteste August-Wert seit dem Jahr 2015. Das selbst gesteckte Ziel liegt eigentlich bei 85 Prozent.

Lutz nennt politisches Ziel „anspruchsvoll“

Sorgen bereitet der Bahn-Führung zudem die Güterbahn DB Cargo. Trotz des Wirtschaftsbooms ist die Sparte seit Jahren ein Sanierungsfall. Nach „Handelsblatt“-Informationen könnte sie im laufenden Jahr einen Verlust von 150 bis 200 Millionen Euro einfahren. Schwarze Zahlen trug sie zum Konzernergebnis zuletzt 2014 bei.

Während die Bahn mit steigenden Schulden und sinkendem Ertrag kämpft, stehen eigentlich Milliardeninvestitionen an. Per Digitalisierung sollen mehr Züge auf dem teils stark ausgelasteten Schienennetz rollen. Gleichzeitig verlangt die Bundesregierung, dass das Unternehmen seine Passagierzahlen bis ins Jahr 2030 verdoppelt.

Lutz nannte dieses politische Ziel im Gespräch mit unserer Redaktion kürzlich „anspruchsvoll“: Für das Wachstum müssen neue Züge her und die Infrastruktur muss ausgebaut werden. Konzernkreisen zufolge besteht ein Investitionsstau von fast 32 Milliarden Euro. Mit derzeit rund 800 Baustellen sei die Belastungsgrenze jedoch fast erreicht.

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Dass der Brandbrief des Bahn-Vorstands schon in naher Zeit eine spürbare Wende bringen wird – damit rechnen Branchenkenner nicht. „Ich sehe keine großen Verbesserungen in den nächsten ein bis zwei Jahren“, sagt etwa Dirk Flege, Geschäftsführer von Allianz pro Schiene. Er sieht „echte Systemprobleme“, da die einzelnen Geschäftsfelder des Konzerns, wie auch von Bahnchef Lutz kritisiert, nicht ausreichend zusammenarbeiteten.

Flege nennt als Beispiel einen Fahrkartenautomaten, der falsch aufgestellt wurde: Der Automat selbst gehöre der Sparte DB Fernverkehr, der Bahnsteig wiederum DB Station und Service, und die Stromversorgung laufe über DB Netz und DB Energie. Jede Sparte mache ihre eigene Kostenrechnung und habe das große Ganze weniger im Blick. „So kommt es, dass der Automat in der Sonne stehen bleibt und der Fahrgast das Display nicht lesen kann“, sagt der Bahn-Experte. (mit dpa)

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