Korea-Konflikt

Warum will Kim Jong Un plötzlich Donald Trump treffen?

Historischer Gipfel: Trump und Kim Jong Un wollen sich treffen

Spektakuläre Wende im Atomkonflikt mit Nordkorea: US-Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un wollen sich zu einem historischen Gipfel treffen.

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Kim Jong Un hat den ersten Schritt zur Annäherung zwischen Nord- und Südkorea gemacht. Nun könnte noch ein weiterer Schritt folgen.

Washington/Peking.  Die Erleichterung über das vorläufige Ende der Kriegsrhetorik im Nordkorea-Konflikt ist in Washington nach Bekanntwerden des geplanten Gipfeltreffens zwischen Donald Trump und Kim Jong Un schnell gewichen. Trump-Anhänger erkennen in der Einladung Kims das Resultat des massiven Drucks, den Trump durch Wirtschaftssanktionen und Androhung maximaler Gewalt („totale Auslöschung“) auf das marode Regime ausgeübt hat. Die Trump-Anhänger schienen am Freitag allerdings in der Minderheit.

Kritiker des Präsidenten glauben hingegen, dass sich der in der internationalen Diplomatie unerfahrene Geschäftsmann von dem jungen Diktator (34) instrumentalisieren lasse. „Mit seiner Einladung demonstriert Kim, dass seine Investitionen in Atom- und Raketentechnologie die USA dazu gezwungen haben, ihn als ebenbürtig anzuerkennen und mit ihm auf Augenhöhe zu verhandeln“, sagte ein demokratischer Kongressabgeordneter aus Kalifornien unserer Redaktion.

Beide Parteien haben deutliche Forderungen

Weil die Erwartungshaltungen gegensätzlich und beide Persönlichkeiten von egomanischen Zügen nicht frei seien, könne ein frühes Entgleisen der Auftaktverhandlungen und damit die Gefahr einer militärischen Kurzschlussreaktion nicht ausgeschlossen werden, befürchten Experten. Trump werde ­gemäß seiner bisherigen Linie auf die schnelle, vollständige und nicht mehr revidierbare Aufgabe sämtlicher ­nuklearer Aktivitäten pochen.

Kim dagegen strebe etwas völlig anderes an: eine Lockerung der Sanktionen, die Nordkoreas Wirtschaft strangulieren, die Legitimierung seines Atomprogramms, eine Beendigung der Feindseligkeiten und langfristig den Abzug der US-Truppen aus Südkorea.

„Mitnichten“, sagt stellvertretend der Asien-Kenner Robert Einhorn, „hat er die Absicht, seine Atomwaffen aufzugeben.“ Der unter Präsident Bill Clinton an Nordkorea-Verhandlungen beteiligte Ex-Diplomat gehört zu einer langen Reihe von Experten in Washingtoner Denkfabriken, die ­große Zweifel an der Lauterkeit der Erklärungen aus Pjöngjang hegen und von einem überhasteten Gipfeltreffen „dringend abraten“.

Südkorea zufolge hat Kim eine Denuklearisierung angeboten

1994 wollte Nordkorea sein Plutonium-Waffen-Programm einfrieren, wurde aber später bei der Anreicherung von Uran erwischt. 2005 bekannte sich Pjöngjang zur Denuklearisierung, nur um ein Jahr danach die erste Atomwaffe zu testen. Dass der außenpolitisch nach Erfolgen suchende Trump Kim durch die bislang bedingungslose Einwilligung zu einem Treffen einen Vertrauensvorschuss gebe, sei „unnötig und bedenklich“, sagt Evan Medeiros, Asien-Berater von Präsident Obama .

Merkel: Treffen von Trump und Kim wäre "Hoffnungsschimmer"
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Zumal die Zeit zur Vorbereitung bis Mai viel zu knapp sei und weder im ­Weißen Haus noch im personell radikal ausgedünnten Außenministerium erfahrene Beamte zur Verfügung stünden. Amerika hat keinen Botschafter in Südkorea. Der dafür vorgesehene Experte Victor Cha zog sich aus Protest gegen Gedankenspiele zurück, die einen militärischen Erstschlag der USA gegen Nordkorea vorsahen.

Nord- und Südkoreas Staatschefs wollen sich bald treffen

In Südostasien war die Einschätzung gemischt. Südkoreas Präsident Moon Jae-in sagte, das Treffen zwischen Trump und Kim werde ein „historischer Meilenstein sein, um Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu schaffen“. Sein Sicherheitsberater hatte auch ein Treffen zwischen Kim und Moon eingefädelt. Diese Begegnung soll noch im April stattfinden. Eine „vollständige Denuklearisierung der Halbinsel“ rücke in Reichweite, zeigte sich Moon optimistisch.

Sollte Kim wirklich eine De­nuklearisierung angeboten haben – und ­darauf deutet derzeit vieles hin – hat er damit eine Wende vollzogen, mit der bis vor Kurzem kaum jemand gerechnet hat. Denn eine Denuklearisierung hieße nicht nur, dass Kim sämtliche bereits hergestellte Atombomben verschrotten müsste. Er müsste auch seine Raketen zerlegen lassen, den Reaktor Yongbyon herunterfahren und regelmäßig Inspektoren ins Land lassen. Südkorea zufolge hat er all dies angeboten. Was er außer Sicherheitsgarantien im Gegenzug verlangt habe, hat Südkorea nicht bekannt gegeben. Auch Nordkorea hält sich offiziell bedeckt.

Der exklusive Club der Atommächte
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Den ersten Schritt der Annäherung hatte Kim gemacht

Südkoreas Präsident Moon, der erst seit vergangenem Mai im Amt ist, hatte zwar im Umgang mit dem nördlichen Nachbarn die harte Linie seiner Vorgängerin beendet und dem Regime in Pjöngjang mehrfach Gespräche angeboten. Auch die Einladung an Nordkorea zur Teilnahme an den Olympischen Winterspielen im Februar geht auf Moon zurück. Doch der entscheidende Schritt der Annäherung beider verfeindeter Staaten ging von Kim aus. In seiner Neujahrsrede hatte der Diktator erstmals den Willen einer Annäherung geäußert. Moon ergriff die Chance und ging auf das Angebot sofort ein.

Japan, Washingtons wichtigster Verbündeter in der Region, begrüßte die Annäherung und das geplante Treffen. Er schätze den Wandel Nord­koreas sehr, Gespräche mit dem Ziel einer atomaren Abrüstung zu beginnen, sagte Japans Premierminister Shinzo Abe. Doch aus seinen Worten ist auch Skepsis ­herauszuhören. Solange Nordkorea ­keine konkreten Schritte in Richtung Abrüstung vornehme, die „überprüfbar und unumkehrbar“ seien, werde sein Land „den höchsten Druck auf das Land“ beibehalten, betonte Abe.