Berlin/Afrin

Tod einer kurdischen Kämpferin

Berlin/Afrin. Als die Munition fast verschossen war, so erzählt es der Bruder, habe Amina Omar ihre Pistole gegriffen und auf ihren Kopf gezielt. So hatten es sich die jungen Frauen geschworen, bevor sie in den Kampf gezogen waren: Gerate nicht in die Fänge der Feinde! Sie werden dich foltern und versklaven. Sie werden dich vergewaltigen, so wie sie es mit Tausenden Frauen getan haben. Und am Ende werden sie dich töten.

Also drückt Amina Omar ab, bevor die Islamisten ihre Stellung einnehmen.

Es ist der 30. Januar 2018, an der Frontlinie im kurdischen Teil Nordsyriens, fünf Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Kurz nach Omars Tod taucht ein Video im Internet auf.

Sieben Jahre dauert der Krieg in Syrien nun an. Hunderttausende fliehen, Hunderttausende sterben. Und immer wieder hat sich dieser Konflikt gehäutet. Es entstehen neue Allianzen, Fronten verschieben sich, Terrormilizen wie der „Islamische Staat“ (IS) tauchen auf, Großmächte wie Russland, die USA und die Türkei greifen ein. Selten wird verhandelt, oft gebombt. Die Lage ist von außen kaum zu durchschauen. Mittendrin seit Beginn des Krieges: die Kurden. Sie werden als Helden gefeiert, sie werden mit Waffen beliefert, sie werden zu Feinden erklärt und angegriffen.

2012 kommt dieser Krieg zur Familie von Amina Omar. Islamisten entführen den Vater, er sei ein „Abtrünniger“, sagen sie. Nur mit Lösegeld kommt er frei. Der Vater, die Mutter und die sechs Kinder fliehen aus ihrem Dorf bei Aleppo in den Nordwesten Syriens, nach Afrin. Ins Land der Kurden.

Auch die Kurden in Syrien und Irak konkurrieren um Macht

Die Kurden sind die größte Minderheit des Landes, sie regieren ihre Provinzen unabhängig von den Herrschenden in Damaskus oder Ankara. Auch unter den Kurden konkurrieren Bündnisse um Macht, sie sind gespalten und zerstritten, manche gelten als radikal und regieren mit Willkür. Doch als 2011 der Widerstand gegen Diktator Assad in einen Krieg mündet, halten die Kurden zusammen. Und sie vereinbaren sogar ein stilles Abkommen mit dem Assad-Regime. Lange währt ihre Ruhe nicht.

Die Kurdin Amina Omar zieht im Sommer 2014 in den Krieg, damals gerade 22 Jahre alt. Als der „Islamische Staat“ an Bedeutung gewann und die jesidischen Frauen in Sindschar entführt, getötet und vergewaltigt hat, habe sich Amina immer mehr für Politik interessiert, erzählt ihre Schwester Dilan. Sie ist mittlerweile aus Syrien geflohen und lebt seit zwei Jahren in Frankfurt. 2014 schließt sich ihre Schwester der Frauenmiliz der Partei der Demokratischen Union (PYD) an.

Die PYD ist stärkste Kraft unter den Kurden Syriens und eng mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden. Für die türkische Regierung sind PYD und PKK Terrororganisationen. Auch in der EU gilt die PKK als extremistische Gruppe. Doch dort sorgt seit 2014 vor allem der IS für Alarm. Als Amina Omar für die Kurden zur Waffe greift, steht der IS auf dem Höhepunkt seiner Macht. Plötzlich feuern die IS-Milizionäre auf Kobane, eine Stadt in der Sindschar-Region. Omar und viele andere Frauen tragen ihre Kalaschnikows an die Front. Weltweit werden sie jetzt zu Helden im Kampf gegen die Brutalo-Islamisten des IS erklärt. Waffen und Ausbilder kommen auch aus den USA. In den Jahren des Krieges macht Amina Omar Karriere in den Kurdeneinheiten. Sie bewährt sich im Kampf bei Kobane, sie vertreiben die IS-Terroristen aus ihrer selbst ernannten Hauptstadt Rakka. Bald führt Omar ihre eigene Einheit, 25 Frauen. Und sie trägt nun einen Kampfnamen: Barin Kobane. Frühling in Kobane.

Mythen spannen sich um die Tapferkeit der Kurden. Und gerade die Frauen werden zum Symbol für Freiheit, mit Kalaschnikow und ohne Kopftuch gegen die Islamistinnen, voll verschleiert im IS-Patriarchat. Syrien ist auch Kriegsgebiet der Ideologien.

Über Kontakte in Deutschland können wir mit der Familie sprechen. Der Bruder ist zurück an der Front, die Telefonverbindungen und das Internet sind schlecht. Es heißt, das türkische Militär störe gezielt die Kommunikation der Kurden. Der Bruder schickt Fotos seiner Schwester. Das letzte Bild von Amina Omar mit ihrer Familie stammt aus dem vergangenen Sommer. Sie trägt Uniform, umarmt die Mutter. Weitere Fotos zeigen sie mit ihrem Bruder, mit Freunden. Manchmal lacht sie, manchmal sieht sie müde und traurig aus. Der Krieg hat ihr Gesicht altern lassen.

Vom Tod ihrer Schwester erfährt Dilan am 2. Februar. Fotos von ihr tauchen auf Facebook auf. Auch ein Video. Dilan, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, kann es kaum anschauen, so brutal sind die Aufnahmen. Ihre Schwester kämpfte an diesem Tag mit ihrer Einheit in einem Dorf im kurdischen Kanton Afrin. Sie und die anderen Frauen sollten die Stellung gegen die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) verteidigen, die nun für die türkische Armee gegen die Kurden kämpfen. Doch der Angriff war so heftig, dass sie aufgeben mussten. Die Familie von Omar erzählt heute, dass Amina ihren Kämpferinnen den Rückzug befohlen hatte. Um sie zu schützen, hielten sie und eine andere junge Frau die Stellung. Bis zum Schluss. Bis Amina Omar sich selbst erschossen habe. Was mit Amina Omar passiert, zeigen Videos im Internet. Die Kämpfer der FSA filmen, wie sie die Leiche mit Messern verstümmeln. Blutüberströmt stehen die bärtigen Männer um die tote Kurdin, rufen „Allahu Akbar“, erheben den Zeigefinger als Mahnung an die „Ungläubigen“. Sie wissen offenbar, dass die junge Frau unter Kurden eine berühmte Kämpferin ist. Und sie posieren mit ihrem toten Körper wie mit einer Trophäe. Neben die Leiche legen die Islamisten Olivenzweige und spielten damit auf die „Operation Olivenzweig“ an. So nennt das türkische Militär die Offensive gegen die Kurden.

Kurden sind eingekeilt und kämpfen wieder allein

Mit den brutalen Bildern von der Kämpferin Amina Omar rückt der Fokus auf die Täter: Anhänger der FSA, die nun Seite an Seite mit Erdogans Armee in den Krieg gegen die Kurden ziehen. Die FSA hat sich gewandelt – so wie sich der Krieg immer wieder gewandelt hat. 2011, zu Beginn der Revolution, stand die FSA an der Seite der Widerstandsbewegung. Sie sei von Deserteuren der syrischen Armee gegründet worden, sagt Nahost-Expertin und Buchautorin Kristin Helberg. Sie schützten die Demonstrationen gegen Assad. Eine echte Armee war die FSA nie, hatte nie eine zentrale Kommandostruktur. Ihre Gruppen versorgten sich vor Ort mit Waffen, nutzten Bündnisse. Mal half ihnen die USA im Kampf gegen den IS, mal kamen Waffen und Geld aus Saudi-Arabien, Katar und der Türkei. „Dadurch radikalisierten und islamisierten sich manche Verbände. Beim Angriff auf Afrin sehen wir jetzt gehirngewaschene, extremistische Kämpfer, die mit den Ursprüngen der FSA nichts mehr zu tun haben“, sagt Helberg.

Die Kurden sind erneut eingekeilt, zwischen Islamisten und der türkischen Armee. Von einem Leben in Unabhängigkeit sind sie wieder weit entfernt. Und wieder müssen sie kämpfen. Wieder allein. Sollte Erdogan seine Drohungen wahr machen und bis an die irakische Grenze vordringen, wäre dies eine Katastrophe für Syriens Nordosten, sagt Helberg. „Zugleich würde der Konflikt mit den USA eskalieren.“ Drei Tage nach ihrem Tod tragen Familie, Freunde und Hunderte Kurden Amina Omars Sarg durch die Straßen von Afrin. Sie heben Plakate in die Luft, der rote Stern der kurdischen Milizen ist überall zu sehen. „Sehid namirin“, steht dort. „Märtyrerin – sie wird ewig leben.“ Barin Kobanes Trauerfeier wird zu einer Demonstration für die Freiheit der Kurden. Manche filmen die Szenen, unterlegen sie mit Musik und stellen ein Video ins Internet.