Bratislava/Berlin

Warum musste der Reporter sterben?

Nach dem Mord an dem Journalisten Jan Kuciak steht die Slowakei unter Schock. Seine letzte Recherche drehte sich um Mafia-Verstrickungen

Bratislava/Berlin.  An der grauen Backsteinwand im Herzen der slowakischen Hauptstadt Bratislava stehen Kerzen, Blumen und ein Schwarz-Weiß-Foto des 27-jährigen Jan Kuciak. Einige Meter entfernt bewachen schwarz uniformierte Polizisten mit Maschinengewehr den Eingang des Redaktionsgebäudes von „Aktuality.sk“. Für dieses Internetportal hatte der auf Steuerbetrug und Mafia spezialisierte Investigativjournalist Kuciak gearbeitet, bevor er und seine Verlobte in ihrem Privathaus eiskalt erschossen wurden. Die Slowakei steht unter Schock. Das ganze Land rätselt, was die Hintergründe der Tat und wer die Schuldigen sind.

Man drohte ihm mit dem „Ausradieren“ seines Lebens

Im zentralen Newsroom von „Aktuality.sk“ herrscht am Dienstagnachmittag Hochbetrieb: Kollegen verfassen Artikel über den Doppelmord, den der Polizeichef von Bratislava mit den Recherchen von Kuciak in Verbindung bringt. „Wir haben keine Angst“, sagt ein Redakteur, der seinen Namen nicht nennen will, per Telefon. Dennoch hat der Verlag besondere Sicherheitsmaßnahmen beschlossen. „Mitglieder des Investigativteams und Kollegen von Jan Kuciak bekommen Polizeischutz – in der Redaktion, bei Außenterminen und zu Hause“, betont Peter Porubsky, Pressesprecher des schweizerisch-deutschen Gemeinschaftsunternehmens Ringier Axel Springer Slovakia, dem „Aktuality.sk“ gehört.

Jan Kuciaks große Leidenschaft war es, die Verstrickungen von hoher Politik, kriminellen Firmen und der Mafia offenzulegen. Davon gab und gibt es in der Slowakei offenbar viele. So hatte der windige Unternehmer Marian Kocner in der Vergangenheit Jan Kuciak damit gepiesackt, gegen ihn und seine Familie ähnlich diskreditierende Informationen zu sammeln, wie es dieser gegen ihn tue. Der Journalist hatte deswegen eine Strafanzeige gegen Kocner erstattet und sich später auf Facebook beschwert, dass die Polizei nichts unternommen habe. Anonym war ihm aber später von wohl anderer Seite mit dem „Ausradieren“ seines Lebens gedroht worden.

Seit dem Ende des Kommunismus florieren in der Slowakei wie auch in anderen postkommunistischen Ländern dubiose Geschäftemachereien, die nur mit Duldung oder Bestechung der Behörden und der Regierenden funktionieren können. Die letzte Geschichte, für die Kuciak monatelang Material gesammelt hatte, drehte sich um die Beziehungen zwischen der slowakischen Regierung und der Mafia. So steht es auf der Website von „Aktuality.sk“. Demnach sollen Vertraute aus dem Umfeld von Ministerpräsident Robert Fico einen direkten Draht zu italienischen Mafiosi haben, die in der Slowakei wohnen und Geschäfte machen. In Kuciaks Aufzeichnungen ist zum Beispiel die Rede von Antonino Vadala, der für die ’Ndrangheta, die Vereinigung der kalabrischen Mafia, arbeiten soll.

Nach Angaben des kanadischen Investigativjournalisten Tom Nicholson, der Kuciak kannte, arbeitete dieser mit italienischen Reportern zusammen, um Informationen über die Mafia zu sammeln. Eine der Operationen, über die Kuciak schrieb, waren die milliardenschweren Finanztransfers von der EU an die Slowakei. Angeblich versickerte ein Teil des Geldes in den Kassen der Mafia.

Eine zweite Betrugsmasche, die Kuciak aufdeckte, war der Mehrwertsteuer-Trick. Demnach fingierten slowakische Firmen Exporte in EU-Länder. Die Mehrwertsteuer ließen sie sich vom Staat erstatten, obwohl überhaupt nichts ins Ausland geliefert wurde. Weiteres pikantes Detail der Kuciak-Recherchen: Premierminister Fico lebt in einer Wohnung, die dem Unternehmer Ladislav Basternak gehört, der ebenfalls mit der Mehrwertsteuer-Nummer reich geworden sein soll. Die Regierung schrieb zwar eine Belohnung von einer Million Euro für Hinweise aus. Aber Ministerpräsident Fico ging nicht zimperlich mit den Medien um. So hatte er 2016 Journalisten als „schmutzige anti-slowakische Prostituierte“ bezeichnet.

Der Fall Kuciak erinnert an das Schicksal der regierungskritischen Journalistin Daphne Caruana Galizia, die am 16. Oktober mit einer Autobombe auf Malta getötet wurde. Caruana Galizia war kein Skandal zu klein oder zu groß gewesen, um darüber auf ihrem Blog zu schreiben. „Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos“, lautete die Überschrift ihres letzten Artikels. 20 Minuten später war die 53-jährige dreifache Mutter tot.

Mit ihren Enthüllungen machte sich Caruana Galizia viele Feinde – sogar Premierminister Joseph Muscat sagte, sie sei eine seiner schärfsten Kritiker gewesen. Caruana Galizia berichtete im Zuge der Enthüllungen über die „Panama Papers“, dass Michelle Muscat – die Frau des Regierungschefs – eine Firma in dem zentralamerikanischen Steuerparadies gehabt haben soll.

Die Slowakei und Malta traten beide 2004 der EU bei. Doch bei Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsaufsicht und Pressefreiheit klaffen offensichtlich eklatante Lücken. Nach dem Doppelmord an Jan Kuciak und seiner Verlobten erhob der Sohn von Caruana Galizia schwere Vorwürfe gegen Brüssel. „Meine Familie hat die EU-Kommission gewarnt, dass Malta mit der Ermordung meiner Mutter einen neuen Standard für zulässiges Verhalten innerhalb der EU gesetzt hat und andere bald sterben würden, wenn nicht entschiedene Maßnahmen ergriffen werden“, schrieb Andrew Caruana Galizia auf Twitter. „Jan Kuciak hätte gerettet werden können.“