Gesundheit

„Spektakulär versagt“: Streit um Notaufnahmen eskaliert

Ein Patient mit Augenverletzungen wird in die Notaufnahme eingeliefert, hier im Shockroom.

Ein Patient mit Augenverletzungen wird in die Notaufnahme eingeliefert, hier im Shockroom.

Foto: Amin Akhtar

Immer mehr Patienten gehen in Kliniken statt in die Praxis. Erhalten die Krankenhäuser dafür genug Geld? Mediziner streiten darüber.

Berlin.  Karl Lauterbach platzt der Kragen. Der SPD-Gesundheitspolitiker mag nicht mehr mit ansehen, wie sich Krankenhäuser und Praxisärzte immer wieder über die Versorgung von Notfällen streiten. „Die Politik muss eingreifen“, sagt Lauterbach genervt. Es werde die erste Aufgabe nach der Bundestagswahl sein, die Notfallversorgung gesetzlich neu zu regeln. Krankenhäuser, Ärzte und Krankenkassen hätten den gesetzlichen Auftrag, dies untereinander selbst zu regeln, nicht erfüllt. Diese Selbstverwaltung habe erneut „spektakulär versagt“.

Was Lauterbach, selbst studierter Arzt, so aufregt, ist ein Konflikt, der schon länger schwelt, der sich aber jetzt verschärft. Es geht darum, dass immer mehr Menschen in die Notaufnahme von Krankenhäusern kommen, wenn sie meinen, ärztliche Hilfe zu brauchen.

Binnen zehn Jahren hat sich ihre Zahl etwa verdoppelt: von gut 13 Millionen im Jahr 2005 auf 25 Millionen im Jahr 2015. Der Trend ist ungebrochen, die Gründe dafür vielfältig. Der wichtigste: Viele Patienten wissen nicht, dass es nachts und am Wochenende einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gibt, der auch nach Hause kommt. Sie müssten gar nicht in die Notaufnahme.

Klinikbetreiber wollen mehr staatliche Unterstützung

Klar ist, dass den Krankenhäusern durch die vollen Rettungsstellen zusätzliche Kosten entstehen. Sie brauchen Personal und Zeit, um die wirklichen Notfälle von den weniger wichtigen zu unterscheiden. Das kostet Geld. Seit April dieses Jahres, also seit einem Monat, bekommt ein Krankenhaus deshalb für die Beurteilung jedes Notfallpatienten 4,74 Euro. Nachts und am Wochenende sind es 8,42 Euro. Das sei „nicht kostengerecht“, klagt nun der Lobbyverband der Kliniken, die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Man brauche mindestens zehn Euro. In dem Gremium, in dem die aktuelle Summe festgesetzt wurde, sei man von Krankenkassen und Praxisärzten überstimmt worden.

Es gibt nun mächtig Krach zwischen den Kliniken und den ambulant in der eigenen Praxis tätigen Ärzten. Deren Lobby, die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), ist der Meinung, dass der Ruf der Krankenhäuser nach mehr Geld so viel helfe, „wie das Schütten von immer mehr Wasser in einen löchrigen Eimer“. Man müsse gemeinsam über bessere Strukturen nachdenken – was aus Sicht der Kassenärzte bedeutet, dass Patienten weniger im Krankenhaus, sondern mehr ambulant in einer Praxis behandelt werden sollen. Dort sei das Geld besser angelegt als in defizitären Kliniken.

Tagsüber werden viele Patienten von Ärzten in die Notaufnahme geschickt

Die Klinikärzte behaupten dagegen, dass die Praxisärzte es geradezu darauf anlegten, ihre Patienten in die Klinik zu schicken, damit ihr Honorarbudget nicht schrumpfe. So gibt in einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Krankenhausgesellschaft jeder zweite Notfallpatient, der tagsüber und selbstständig in die Notaufnahme kam, an, er sei von seinem Arzt dorthin geschickt worden. Dieselbe Umfrage fördert zutage, dass kaum ein Patient die bundesweit geltende Nummer 116.117 des ärztlichen Bereitschaftsdiensts kennt.

Dass der Konflikt eskaliert, liegt nicht nur an der erstmals gezahlten Pauschale. In zwei Wochen beginnt in Freiburg der Deutsche Ärztetag, auf dem sich die wichtigsten Ärztefunktionäre treffen. „Wir müssen zu einer Lösung kommen, die den Krankenhausärzten und den niedergelassenen Ärzten gemeinsam gerecht wird“, sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery am Donnerstag in Berlin.

SPD: Gleiches Geld für die gleiche Behandlung

Der Ärztetag werde das Thema diskutieren und Forderungen an die Bundespolitik formulieren. Denn: In vier Monaten ist Bundestagswahl, bereits im Wahlkampf geht es um gesundheitspolitische Weichenstellungen. Die Patienten kommen dabei zu kurz, jedenfalls aus Sicht der Krankenkassen: „Es ist sehr ärgerlich, dass die Krankenhauslobby in diesem Streit Patienten und Ärzte mit ihren Schreckensmeldungen verunsichert“, rügt der Vizechef des obersten Krankenkassenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg, die Streithähne.

Und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), mahnt, „die Auseinandersetzungen über die Vergütung zügig in den entsprechenden Gremien und nicht auf dem Rücken der Patienten auszutragen“. Diese müssten sich darauf verlassen können, im Notfall immer einen ärztlichen Ansprechpartner zu erreichen, der die Behandlungsbedürftigkeit abklärt. „Dafür zu sorgen, gehört zunächst einmal zum gesetzlichen Auftrag der kassenärztlichen Vereinigungen“, meint Laumann.

SPD-Mann Karl Lauterbach hat schon eine Idee, wie der Konflikt zu lösen ist: „Die Behandlung von Patienten in der Notaufnahme muss genauso bezahlt werden wie in der Praxis.“ Es müsse das gleiche Geld für die gleiche Behandlung geben. Falsch sei es, die Patienten davon abzuhalten, die Notaufnahme aufzusuchen. „Wir brauchen kein Umerziehungsprogramm“, so Lauterbach, „sondern mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen.“