Berlin/Köln

AfD verzichtet möglicherweise auf Spitzenkandidaten-Wahl

Nach Rückzieher von Co-Chefin Petry erhält ihr Widersacher Gauland Unterstützung. Gewalt bei Demonstrationen gegen Parteitag befürchtet

Berlin/Köln.  Nach dem Rückzieher von AfD-Chefin Frauke Petry wird beim Kölner Parteitag nach Einschätzung aus der Partei möglicherweise gar keine Spitzenmannschaft für die Bundestagswahl mehr gekürt. "Ich kann mir gut vorstellen, dass wir kein Spitzenteam und auch keinen einzelnen Spitzenkandidaten benennen werden", sagte der Berliner Landes- und Fraktionschef Georg Pazderski am Donnerstag. Er erwarte ohnehin, dass sich das gesamte Spitzenpersonal der Partei, inklusive der Landesvorsitzenden, im Wahlkampf engagiere, sagte Pazderski. "Wir punkten durch Themen, da sind die Köpfe nicht so wichtig", fügte er hinzu. "In unserer Partei ist jeder ersetzbar."

Die Partei bemüht sich öffentlich um den Eindruck von Geschlossenheit. "Ich hoffe, dass der Parteitag seinen einigenden Effekt hat", sagte der baden-württembergische Landessprecher Marc Jongen dem SWR. AFD-Vize Alexander Gauland signalisierte zudem Kompromissbereitschaft bei Petrys "Zukunftsantrag". Er sagte dem "Tagesspiegel", er halte Petrys Antrag "nach wie vor für Unsinn": "Aber wenn mein Name da rauskommt, kann man dem Antrag zustimmen. Dann kann die Partei dem Antrag zustimmen." Petry will die AfD auf dem Bundesparteitag zu einer Entscheidung zwingen zwischen dem von ihr favorisierten "realpolitischen Weg einer bürgerlichen Volkspartei" und einer fundamentaloppositionellen Strategie, als deren Vertreter sie Gauland benennt. Daran hatten sich Teile der Partei gestört.

Er stehe weiter als Teil eines Spitzenteams zur Verfügung, sagte Gauland. Petrys Co-Chef Jörg Meuthen signalisierte Unterstützung für Gauland. "Alexander Gauland wird dem Spitzenteam angehören, alles andere wäre völlig überraschend", sagte er dem "Focus". Petrys Antrag lehnte er klar ab. Es handele sich dabei um eine "Fehlbeobachtung der Partei, die ich nicht unterstützen kann".

Gegen den Parteitag haben mehrere Gruppierungen zu Gegendemonstrationen aufgerufen. Der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies sagte, er erwarte bis zu 50.000 Demonstranten. Die Polizei habe rund 4000 Beamte im Einsatz. Es würden mehrere Tausend Linksextreme erwartet, darunter mehrere Hundert gewaltbereite.

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