Bundestag

Gedenken an NS-Opfer – Geistig Behinderter bewegt Zuhörer

Sebastian Urbanski am Rednerpult des Bundestags, wo er aus dem Brief eines NS-Opfers rezitierte.

Sebastian Urbanski am Rednerpult des Bundestags, wo er aus dem Brief eines NS-Opfers rezitierte.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Bewegende Minuten im Bundestag: Als ein geistig behinderter Schauspieler den Brief eines Nazi-Opfers rezitierte, wurde es ganz still.

Berlin.  Bei der Gedenkstunde für die NS-Opfer standen am Freitag im Bundestag die Opfer der „Euthanasie“ während der Nazi-Herrschaft im Mittelpunkt. Der Berliner Schauspieler Sebastian Urbanski, der das Down-Syndrom hat, las dabei den Brief eines Ermordeten jener Zeit vor.

„Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Die Menschen werden zu Tieren und essen alles was man eben von anderen kriegen kann. Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist.“

Die Sätze stammen aus dem Brief von Ernst Putzki, der in diesen drastischen Worten 1943 die Zustände in der hessischen Landesheilanstalt Weilmünster beschrieb, in die er wegen „Geisteskrankheit“ eingewiesen worden war.

Kritik an Abtreibung heute

Es sind bedrückende und bewegende Momente zugleich, als Urbanski den Brief vom Rednerpult des Bundestags aus vorliest. Lampenfieber hat der 38-Jährige offensichtlich nicht. Er ist es gewohnt, auf der Bühne zu stehen – er gehört zum Ensemble des integrativen Theaters RambaZamba in Berlin. Auch in mehreren Filmen hat er bereits mitgespielt. Urbanski ist der erste Mensch mit geistiger Behinderung, der vor dem Deutschen Bundestag spricht.

Im Vorfeld seiner Rede hatte der Berliner erklärt, es mache ihn traurig, dass sich heute Mütter und Ärzte oftmals für eine Abtreibung entscheiden, wenn sie vor der Geburt von einer Behinderung des Kindes erfahren: „Es ist der gleiche Gedanke wie damals. Das wollen wir nicht.“

300.000 Opfer der „Euthanasie“

Über Putzkis Brief sagte er: „Als ich den Brief bekommen habe, hatte ich das Gefühl, dass ich das plötzlich mit seinen Augen sehe. Ich kann zum Glück sagen, ich habe es nicht miterlebt. Aber durch diesen Brief erlebe ich es auf eine Art doch mit.“ Ernst Putzki überlebte nicht, er wurde 1945 ermordet.

Im Rahmen des „Euthanasie“-Programms wurden während der NS-Zeit in ganz Europa etwa 300.000 behinderte und kranke Menschen systematisch ermordet. Die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus findet seit 1996 jährlich am 27. Januar im Deutschen Bundestag statt. Anlass ist die Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945. (mit dpa)