Sexismus

Ministerin Schwesig: „Altherrenwitze sind nicht akzeptabel“

Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD).

Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD).

Foto: imago stock / imago/Christian Thiel

Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD) spricht im Interview über ihre Erfahrungen mit Sexismus – und was sie von den Männern erwartet.

Die Ministerin schleppt eine schwere Erkältung mit sich herum, aber das Thema ist ihr so wichtig, dass sie am Abend noch ein Interview dazu gibt. Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD) sieht im politischen Betrieb einen weit verbreiteten Sexismus, den sie auch persönlich zu spüren bekommt.

Erst Rainer Brüderle, jetzt Frank Henkel: Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren hat das Verhalten von Politikern eine Sexismus-Debatte ausgelöst. Wie groß ist das Problem tatsächlich?

Manuela Schwesig: Das sind keineswegs nur Einzelfälle. Sexismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Untersuchungen zeigen, dass sechs von zehn Frauen davon betroffen sind. Sexismus gibt es auch in der Politik, die immer noch sehr stark männerdominiert ist. In Bereichen, in denen mehr Frauen arbeiten, ist der Umgang miteinander oft anders. Das sagen auch moderne Männer, die es nicht nötig haben, andere kleinzumachen und ihr Ego mit Macho-Sprüchen zu pflegen.

Wo verläuft für Sie die Grenze zum Sexismus?

Schwesig: Die Grenze ist überschritten, wenn Sprüche oder Handlungen die Persönlichkeit verletzen, wenn die Frau auf das Sexuelle reduziert wird. Das fängt an mit unangenehmen Sprüchen über Äußerlichkeiten. Viele denken ja, bei Altherrenwitzen soll man sich nicht so haben. Aber diese Haltung ist nicht akzeptabel. Sie ist ein Ausdruck mangelnder Wertschätzung und fehlender Gleichberechtigung. Jeder sollte ein Gefühl dafür haben, wie man miteinander respektvoll umgeht.

Sind es immer Männer, die sich dazu hinreißen lassen, oder gibt es sexistisches Verhalten auch bei Frauen?

Schwesig: Das kann ich nicht ausschließen. Ich persönlich habe es noch nicht erlebt, dass eine Frau sich gegenüber einem Mann so verhalten hätte.

Was haben Sie persönlich erfahren?

Schwesig: Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Äußeres thematisiert wurde und nicht die politischen Inhalte, für die ich stehe. Bei mir ist es so, dass man mir das nicht offen ins Gesicht sagt. Das wäre für mich leichter, dann könnte ich die entsprechende Antwort geben. Bei Frauen wie mir steht es eher in der Zeitung, was der eine oder andere so sagt.

Nämlich?

Schwesig: Zum Beispiel, ich solle nicht so weinerlich sein.

Sie spielen auf Volker Kauder an, den Vorsitzenden der Unionsfraktion.

Schwesig: „Küsten-Barbie“ war auch ein Schlagwort. Das ist jetzt nichts Weltbewegendes, aber damit fängt es an.

Gegen den CDU-Generalsekretär Peter Tauber werden neuerdings Mobbing-Vorwürfe erhoben. Dabei geht es um ein Papier aus dem Jahr 2006, das mit „Pflegehinweise für das Kaninchen“ überschrieben war. Nach dieser Anleitung, die Tauber kannte, sollte in seinem hessischen Heimat-Landkreis die damalige Geschäftsführerin Anne Höhne-Weigl aus dem Amt befördert werden. Wie ordnen Sie das ein?

Schwesig: Diese Vorgänge zeigen, dass es im Heimatverband von Herrn Tauber offensichtlich ein großes Problem im Umgang mit Frauen gibt. Gerade als Generalsekretär, der für die gesamte CDU steht, wäre Herr Tauber gut beraten, den Sachverhalt rückhaltlos aufzuklären – und zu den Fehlern, die er gemacht hat, zu stehen.

„Kein Mann kann wollen, dass seine Tochter so behandelt wird“

Hilft es, wenn mehr Frauen öffentlich über solche Erlebnisse sprechen?

Schwesig: Ich finde es gut und mutig, dass Frauen hier Stoppschilder stellen und das öffentlich machen. Ich würde mir wünschen, dass auch mehr Männer das Wort erheben gegen Sexismus. Kein Mann kann wollen, dass seine Partnerin oder seine Tochter so behandelt wird.

Für Rainer Brüderle, damals FDP-Spitzenkandidat, war die einsetzende Debatte eine politische und persönliche Katastrophe. Haben Sie damals auch Mitgefühl empfunden?

Schwesig: Es geht nicht um Mitleid, sondern darum, wie mit eigenem Fehlverhalten umgegangen wird. Herr Brüderle hat den Vorfall einfach vom Tisch gewischt. Damit wird das schlechte Gewissen an die Frau zurückgespielt. Das ist typisch.

Ihre Vorgängerin als Familienministerin, die CDU-Politikerin Kristina Schröder, hat den Vergleich mit Amerika gezogen und vor einer sterilen Gesellschaft gewarnt, in der vorschnell Sexismus-Vorwürfe erhoben werden ...

Schwesig: Diese Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Sexismus ist der falsche Weg, um die Freiheit einer Gesellschaft unter Beweis zu stellen. Wer Charakter hat, verzichtet ohnehin auf solche Sprüche.

Halten Sie schärfere Gesetze für notwendig? Etwa einen neuen Strafrechtsparagrafen „Sexuelle Beleidigung“?

Schwesig: Ich glaube nicht, dass wir neue Paragrafen brauchen. Uns Frauen geht es um etwas anderes: Sexismus fängt nicht an bei einer groben Beleidigung oder einer körperlichen Attacke. Er beginnt, wo Frauen auf ihre Äußerlichkeiten reduziert werden und nicht die Person dahinter gesehen wird. Letztendlich geht es auch um einen respektablen Umgang miteinander. Politik hat hier eine besondere Vorbildfunktion.

Justizminister Maas will sexistische Werbung unterbinden. Unterstützen Sie ihn dabei?

Schwesig: Wir alle müssen bei der Verbreitung von Rollenklischees verantwortlich umgehen. Wir brauchen ein stärkeres Bewusstsein. Das gilt auch für Bilder in der Werbung. Dafür gibt es ja auch den Werberat. Es ist richtig, dass der Justizminister auch prüft, ob wir hier schärfere Regeln brauchen.

Haben Sie einen Werbespot im Blick, der aus dem Verkehr gezogen werden sollte?

Schwesig: Ich möchte nicht einen Werbespot herausgreifen. Aber ich denke wir kennen alle Werbung – ob für Pizza, Alkohol, Autos oder Fitnessstudios – bei der Körperteile einer Frau mehr im Fokus stehen als das Produkt selbst.

In wenigen Monaten wird ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Wie wichtig ist es, dass eine Frau die Nachfolge von Joachim Gauck antritt?

Schwesig: Eine Frau im höchsten Staatsamt fände ich persönlich sehr gut, aber das ist nicht das einzige Kriterium. Wichtig ist mir, dass wir eine Bundespräsidentin oder einen Bundespräsidenten wählen, dem es gelingt, für Vertrauen in unsere Demokratie zu werben. Es geht darum, Brücken zu bauen zwischen Politik und Bevölkerung. Das hat Joachim Gauck sehr gut gemacht. Das Geschlecht ist für mich nicht entscheidend, ebenso wenig das Parteibuch. Es kommt auf die Persönlichkeit an. Wir brauchen in Zeiten, wo viele in der Bevölkerung verunsichert sind, einen Präsidenten, der das Land zusammenhält.