Hamburg

Der alte Schmidt – der große Schmidt

Eine neue Biografie erklärt, warum der Bundeskanzler aus Langenhorn erst dann zum Idol der Deutschen wurde, als er Deutschland längst nicht mehr regierte

Hamburg. Die endgültige Entscheidung, eine Biografie der letzten 33 Jahre von Helmut Schmidt zu schreiben, fiel am 11. November 2014, fast auf den Tag genau ein Jahr vor seinem Tod am 10. November 2015. „Als Freund rate ich Ihnen ab“, sagte Schmidt damals, aber Thomas Karlauf, der seit 28 Jahren die Bücher des Altkanzlers redaktionell betreute und lektorierte, ignorierte die Warnung. „Ich kannte ihn ja schon vom Büchermachen als jemanden, der immer hervorragend organisiert gewesen ist.“

Von Januar 2015 an verbrachte er alle drei Wochen einige Tage im Privatarchiv Schmidts. Rund 500 Aktenordner (40 laufende Meter) mit Zehntausenden Notizen, Artikeln und Korrespondenzen aller Art hat Karlauf ausgewertet, vieles davon handschriftlich. „Das überraschte mich dann doch“, sagt er. „Helmut Schmidt war noch viel fleißiger, als ich ihn in Erinnerung hatte.“

Es würde die erste Biografie sein, die Schmidts Leben nach seiner Amtszeit als Kanzler, nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik, beleuchtete. Bekannt ist aus diesen 33 Jahren vor allem seine zweite und sehr erfolgreiche berufliche Karriere als Publizist und Herausgeber der „Zeit“, wodurch er im Gespräch blieb. Aber was machte Schmidt sonst noch, und vor allem: Was bewirkte er hinter den Kulissen? Sein Buch sei „für eine Gesamtbewertung der Persönlichkeit von Helmut Schmidt nicht unwesentlich“, sagt Karlauf. Den erfahrenen Verlagslektor, der als Ghostwriter für so unterschiedliche Politiker wie Richard von Weizsäcker, Franz Josef Strauß oder den österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky tätig war, „aus Spaß auch einmal einen Weinführer geschrieben“ und 2007 eine viel beachtete Stefan-George-Biografie verfasst hat, interessierte vor allem die Frage, wie Schmidts später Ruhm zustande kam. Obwohl er sich stets weder besonders umgänglich noch anpassungsfähig gezeigt und schon gar nicht als volksnah präsentiert hatte, erlangte Schmidt Anfang der 2000er-Jahre fast Kultstatus, den er bis zu seinem Tod nicht ablegte.

Wer erinnerte sich da noch an den scharfzüngigen Krisenmanager („Schmidt Schnauze“), der bisweilen arrogant bis zur Schmerzgrenze auftrat? Wie effizient er sein konnte, hatte er 1962 als Hamburger Polizeisenator unter Beweis gestellt, als er vermutlich mehreren Tausend Hamburgern während der Großen Sturmflut am 16. und 17. Februar 1962 das Leben rettete. Dass Schmidt dabei „für die Sache“ Verantwortung trug, jedoch weder Rücksicht auf sich selbst noch auf Würdenträger nahm, wurde zu seinem Markenzeichen. „Paul, halt mich jetzt bitte nicht auf!“, begrüßte er den damaligen Ersten Bürgermeister Paul Nevermann, der vom Kururlaub nach Hamburg zurückgereist war.

15 Jahre später, im Herbst 1977, musste Schmidt als Kanzler die Ermordung des von der Roten Armee Fraktion gekidnappten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer ins Kalkül ziehen und befahl trotzdem die Erstürmung der entführten „Landshut“-Maschine durch die GSG 9 in Mogadischu. Als alles vorbei war, schämte er sich seiner Tränen und verließ das Zimmer.

Mit der späten Auskunftsfreudigkeit über seine politische Biografie, die Helmut Schmidt in seinem Gesprächsband „Hand aufs Herz“ und in den Fernsehsendungen von Sandra Maischberger und Reinhold Beckmann, vor allem aber in den „Zigarettengesprächen“ mit dem „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo an den Tag legte, setzte er sich von den gängigen Klischees der Berufspolitiker ab. Vor allem jedoch gelang es ihm, gerne in schnoddrig-belehrendem Ton, auch mal orakelnd, die weltpolitische Unübersichtlichkeit, die seit den Anschlägen vom 11. September 2001 herrschte, für ein Millionenpublikum mit messerscharfer Analytik zu entwirren und einzuordnen.

In der Rolle des Erklärers und Mahners war Schmidt konkurrenzlos. Helmut Kohl war nach seiner 16 Jahre währenden Kanzlerschaft „in den Schlacken der Parteispenden verglüht“, und um den amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder, außenpolitisch durch seine frühe Festlegung an einer deutschen Nichtbeteiligung am Irak-Krieg isoliert und innenpolitisch wegen der Sozialreformen („Hartz IV“) angezählt, war es einsam geworden. So begann Schmidts Ruhm im Vorfeld seines 85. Geburtstags „geradezu überirdisch zu leuchten“.

Fast 1000 Belege hat Karlauf zusammengetragen, manche davon räumen mit Mythen auf – zum Beispiel dem, Schmidt sei ein toller Politiker gewesen, aber leider in der falschen Partei. Karlauf kann darüber nur schmunzeln: „Diesen Satz, den die Opposition gestreut hat, empfand er immer als ein Danaer-Geschenk. Nein, Schmidt war durch und durch Sozialdemokrat. Das hat er zwar nicht an jedem Sonntag heraushängen lassen. Aber dass es bei der Verteilung des Wohlstands in unserer Gesellschaft gerechter zugehen muss, entsprach seinem politischen Credo. Das Gerechtigkeitsempfinden war bis in sein hohes Alter hinein der Kompass seiner Politik.“ Seinen Ruf der politischen Geradlinigkeit hatte sich Schmidt nicht zuletzt in den jahrelangen Abwehrkämpfen gegen die Parteilinken erworben. „Dass er zwanzig Jahre nach seinem Sturz zu einem Idol der Deutschen aufstieg, hatte er mitnichten der Partei zu verdanken. Es war eher umgekehrt: Die Partei konnte dankbar sein, dass er sich von denen, die sich Enkel und Söhne nannten, sein sozialdemokratisches Ideal nicht hatte nehmen lassen und an seinem späten Ruhm sogar diejenigen ein wenig teilhaben ließ, die es aus seiner Sicht am wenigsten verdienten“, heißt es im Buch.

„Im Alter ist er zwar nicht milde geworden, aber nachsichtiger“, sagt Karlauf. „Im Kern war er sehr emotional, sein großes Ideal war daher die Gelassenheit. Als ich ihm einmal sagte – das war vielleicht drei Monate vor seinem Tod –, dass ich durch den Umgang mit ihm auch selber gelassener geworden sei, strahlte er über das ganze Gesicht.“

Schmidt ließ Karlauf beim Schreiben freie Hand. „Es gab keinerlei Auflagen“, so der Autor, „alles, was mir interessant erschien, um ein Gesamtbild der Persönlichkeit Helmut Schmidts zu entwerfen, durfte ich verwerten. Wenn ich das eine oder andere delikate Dokument in Händen hielt, fragte ich mich: Bekommen wir dadurch einen neuen zusätzlichen Blick auf ihn? Oder ist das nur gut für Klatsch und Tratsch?“ Manches sei deshalb unpubliziert geblieben.

Gerhard Schröder, der die Biografie gestern in Berlin der Öffentlichkeit präsentierte, sagte, dieses Buch könne eigentlich nur würdigen, wer selber einmal in einem solchen Amt gewesen sei. Schröder hatte dieses Amt bekanntlich auch inne, und er kommt in dem Buch ähnlich gut weg wie – für einige sicher überraschend – Schmidts direkter Nachfolger Helmut Kohl. „In dieser Liga trifft man sich auf Augenhöhe“, so Karlauf.

Um 2003, im Umfeld seines 85. Geburtstags, wurde Schmidt für viele Deutsche zum Idol schlechthin. Das liege wohl an seinen schönen weißen Haaren, sagte er manchmal im Scherz, doch er sah auch die Kehrseite: „Ein Land, das einen alten Mann wie mich zum Idol erklärt, weil es darauf hofft, dass er ihm die Welt erklärt – mit so einem Land stimmt irgendetwas nicht.“ In der Bewunderung für Helmut Schmidt, so sein Biograf, habe sich die Sehnsucht nach Führung mit der Sehnsucht nach Vergangenheit verknüpft: Früher, zu Zeiten von Schmidt, sei doch eben alles besser gewesen. Schmidts kategorische Antwort darauf: „Unsinn, was war denn früher besser?“

Gerhard Schröder irrt: Nicht nur ehemalige Bundeskanzler können dieses Buch genießen. Thomas Karlauf gelingt mit seinem 560 Seiten starken Werk (Siedler Verlag, 26,99 Euro, ISBN-13: 978-3827500762) der Spagat, eine fundierte Grundlage für zukünftige Forschungsarbeiten und zugleich eine spannende, bisweilen regelrecht unterhaltsam geschriebene Lektüre zu schaffen.