Magdeburg/Berlin

Solidarität nur nach Tortenwurf

Die Linke streitet auf dem Parteitag in Magdeburg um ihre Ausrichtung: Rot-Rot-Grün oder Fundamentalopposition? Aktivisten attackieren Sahra Wagenknecht

Magdeburg/Berlin.  Parteichef Bernd Riexinger hält am Sonnabendvormittag eine für seine Verhältnisse lebendige Rede, als es vor ihm laut wird. Aktivisten werfen Flugblätter in die Luft – und ein Mann schmeißt Sahra Wagenknecht eine Schokoladentorte mitten ins Gesicht.

Ihr Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch springt auf, beugt sich schützend über sie. Parteichefin Katja Kipping verurteilt den Tortenwurf kurz danach als „Angriff auf uns alle“. Bartsch nennt die Attacke „asozial“, „hinterhältig“ und „dumm“. Im Saal herrscht Betroffenheit, auch weil Wagenknechts Mann Lafontaine 1990 bei einer Messerattacke schwer verletzt wurde. Im Flugblatt ziehen die Aktivsten der Gruppe „Torten für Menschenfeinde“ Parallelen zwischen Wagenknecht und der AfD. Vor den Landtagswahlen im März hatte sie mit Blick auf die Flüchtlinge von „Kapazitätsgrenzen und Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung“ gesprochen. Wagenknecht wischt sich mit einem Tuch die Torte aus dem Gesicht – und lässt sich erst mal ins Hotelzimmer fahren.

Der Tortenwurf führt dazu, das etwas Ungewöhnliches passiert: Die Linke-Führung zeigt Solidarität. Einer für alle, alle für einen. Das verdeckt für kurze Zeit, wie uneins sich die Linke-Führung ist.

Es ist keine Strategie erkennbar. Will die Linke pragmatisch werden, vielleicht sogar in eine rot-rot-grüne Koalition eintreten? Oder will sie frontale Opposition üben?

Später kehrt Sahra Wagenknecht zurück. Das schmutzige rote Kostüm hat sie durch ein blaues ersetzt. Sie wirkt gefasst. Vor den Fernsehkameras verurteilt sie die Aktivisten für deren „saudämliche Aktion“. Es sei eine „Unverschämtheit“, dass diese „politischen Analphabeten“ sie auf dem Flugblatt mit AfD-Funktionärin Beatrix von Storch verglichen hätten.

Durch die Torte hat Sahra Wagenknecht noch mehr Aufmerksamkeit erhalten, als sie ohnehin bekommen hätte. Die Reden und die Wiederwahl von Riexinger und Kipping geraten da fast in den Hintergrund. Am Ende geht es für Kipping, der ein schlechtes Ergebnis prognostiziert wurde, einigermaßen glimpflich aus. Sie erhält 74 Prozent der Delegiertenstimmen (77,3 Prozent vor zwei Jahren). Riexinger liegt bei 78,5 Prozent – was zum Vergleich zu 89,7 Prozent im Jahr 2014 schwach ist.

Am Sonntag geht die Uneinigkeit dann weiter. Ex-Fraktionschef Gregor Gysi, der nicht zum Parteitag kam, weil er nicht reden durfte, macht einen Vorschlag. „Wenn Herr Gauck nicht wieder anträte, sollten SPD, Linke und Grüne einen gemeinsamen Bundespräsidentschaftskandidaten oder eine Kandidatin vorschlagen“, sagt Gysi dieser Zeitung. „Wir können österreichische Verhältnisse überhaupt nicht gebrauchen“, so Gysi mit Blick auf das Erstarken der AfD. In Österreich hatte der Grüne Alexander Van der Bellen die Wahl zum Bundespräsidenten nur knapp gegen den Rechtspopulisten Norbert Hofer von der FPÖ gewonnen. Zuvor hatte Gysi bereits einen rot-rot-grünen Kanzlerkandidaten vorgeschlagen.

Sahra Wagenknecht erteilt diesen Ideen eine Absage, wie sie klarer nicht sein könnte. Auf ihrer Parteitagsrede am Sonntag sagt sie: „Das sind absurde Vorschläge.“ Sie plädierte für Eigenständigkeit – und will die Linke als „Stimme des Protestes“ etablieren.