Flüchtlingskrise

Ägyptische und libysche Schlepper rechnen mit gutem Geschäft

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Martin Gehlen
Flüchtlinge aus Afghanistan auf dem Mittelmeer zwischen der Türkei und der griechischen Insel Lesbos: Seit die Balkanroute geschlossen ist, verändern sich die Fluchtwege.

Flüchtlinge aus Afghanistan auf dem Mittelmeer zwischen der Türkei und der griechischen Insel Lesbos: Seit die Balkanroute geschlossen ist, verändern sich die Fluchtwege.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Seit die Balkanroute dicht ist, suchen Flüchtlinge neue Wege nach Europa – nun flüchten die Menschen wieder von Libyen über das Meer.

Kairo.  Die ägyptischen und libyschen Schlepper reiben sich die Hände und hoffen auf gute Geschäfte im kommenden Sommer. Seit letzten September lag ihr Flüchtlingsgeschäft am Boden. Nach dem EU-Gipfel mit der Türkei hoffen sie wieder auf goldene Zeiten. Die Balkanroute ist blockiert, auf der sich in den letzten sechs Monaten Hunderttausende gen Norden durchschlugen. Bald jedoch könnten sich wieder Zehntausende Syrer, Iraker und Afghanen auf die Facebook-Annoncen aus Nordafrika melden, mit denen örtliche Menschenschmuggler ihre Boottrips nach Lampedusa anpreisen. In Ägypten geht es meist in der Region um Alexandria an Bord und zunächst an der Küste entlang bis nach Libyen. Dort werden die Flüchtlinge auf hoher See in größere Kähne umgeladen, die sie nach Italien bringen sollen.

Boote haben nicht genug Treibstoff für Überfahrt

In Libyen selbst schieben die Schlepper die voll besetzten Schlauchboote inzwischen nur noch vom Strand aus kurz über die 12-Meilen-Grenze in internationale Gewässer. Dann setzten sie bei den Schiffen der Nato-Operation „Sophia“ einen Notruf ab, damit deren Besatzungen die Menschen aus dem Mittelmeer fischen. „Das ist mittlerweile eine wohl organisierte Übergabe“, bilanzierte bitter ein europäischer Diplomat. Mitte März nahmen deutsche und italienische Kriegsschiffe 3100 Schiffbrüchige an Bord. Viele ihrer Boote hatten nicht einmal genug Treibstoff für die gesamte Überfahrt. Allein am Dienstag seien 730 Menschen in Pozzallo auf Sizilien angekommen, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa am Mittwoch. Westliche Geheimdienste schätzen, dass momentan 150.000 bis 200.000 Fluchtwillige in Libyen warten.

„Migranten wollen nach wie vor in die EU und das organisierte Verbrechen wird ihnen jetzt andere Routen anbieten“, erläutert Wil van Gemert, Vizechef von Europol. Anders als bisher, würden die Schmuggler in Zukunft wohl verdeckter operieren und schwierigere Routen benutzen. Nach einer Europol-Übersicht ist der Menschenhandel inzwischen die am schnellsten wachsende kriminelle Branche in Europa, deren Umsatz auf drei bis sechs Milliarden Euro geschätzt wird.

Massenhafter Menschenschmuggel

Die genauen Dimensionen werden sich zeigen, sobald das Wetter besser wird. Über die Italienroute kamen seit Beginn des Jahres bisher 16.000 Flüchtlinge, während in der Ägäis gleichzeitig 143.000 Menschen übersetzten. Doch nach dem Stopp zwischen Türkei und Griechenland wird wohl der riskantere Seeweg über das Mittelmeer – wie vor dem September 2015 – wieder zur Haupttrasse mutieren. „Es besteht das Risiko, dass die Flüchtlingswelle zwei- bis dreimal höher ausfällt wie bisher“, warnte Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Und so befürchten EU-Diplomaten, dass nun auch der Machthaber am Nil, angestachelt durch das Beispiel seines türkischen Intimfeindes Recep Tayyip Erdogan, das heraufziehende Flüchtlingsdrama vor seiner und Libyens Küste für Milliardenhilfen aus Brüssel ausschlachten könnte. Laut UNHCR nutzten 2015 rund 150.000 Menschen die Route nach Italien, 20.000 weniger als 2014. Behält Sisi Recht, könnten 2016 allein in Lampedusa zwischen bis zu 450.000 Menschen stranden.

Um den massenhaften Menschenschmuggel von der libyschen Küste einzudämmen, würde die Nato am liebsten auch in den nationalen Gewässern des ölreichen Mittelmeeranrainers operieren, also die Phase „Sophia 2b“ aktivieren, wie es in ihrem internen Jargon heißt. Das jedoch geht nur, wenn eine libysche Gesamtregierung dies erlaubt, die aber bisher nur auf dem Papier existiert. Alle Versuche der Vereinten Nationen und ihres Vermittlers Martin Kobler, das in Tunis ansässige Schattenkabinett der Nationalen Einheit unter Premier Fayez al-Sarraj nach Tripolis zu transferieren, sind bisher gescheitert. Das eine Parlament in Tobruk warnte davor, Libyen „diese Regierung der nationalen Einheit aufzuzwingen“. Das andere Parlament in Tripolis sprach von einer von außen oktroyierten Regierung, die „in der Hauptstadt nicht willkommen ist“. Entsprechend düster fällt das Urteil des spanischen Premierministers Mariano Rajoy über Libyens Perspektiven aus. Die Regierung habe nicht die Unterstützung der Parlamente, kriminelle Mafiabanden organisierten den Flüchtlingsschmuggel und der „Islamische Staat“ dehne sich immer weiter aus, bilanzierte er.

IS prahlt mit Stärke

Inzwischen stoßen die Gotteskrieger in Libyen auch nach Süden in Richtung der Subsahara-Staaten Niger und Tschad vor und könnten sich bald mit der IS-Filiale von Boko Haram in Nigeria koordinieren. Innerhalb eines Jahres stieg ihre Zahl von wenigen Hundert auf mehr als 5000. Rund um die ehemalige Gaddafi-Geburtsstadt Sirte kontrollieren sie mittlerweile einen 300 Kilometer langen Küstenstreifen. Ihre Regierung gilt als die einzige im Land, die funktioniert. „Wir werden jeden Tag stärker“, prahlte IS-Kommandeur Abdul Qadr al-Najdi und nannte Libyen die „Vorhut des Islamischen Kalifates“. Und so wächst in Washington und den europäischen Hauptstädten die Sorge, dass sich die IS-Präsenz in dem zerfallenen Post-Gaddafi-Reich zu einer massiven Dauerbedrohung für das Mittelmeer auswachsen könnte.

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