Berlin

Die Welt-Rettung als Lebenswerk

Deutschlands wichtigster Klimaschützer Hans Joachim Schellnhuber warnt vor der „Selbstverbrennung“ der Menschheit

Berlin. Der Mann trägt einen Ring. Einen, der auffällt. Aus Gold und schmal. Das Edelmetall ist wie das Zeichen für Unendlichkeit geformt. Eine Acht, schlank auf die Seite gelegt, die für das Leben ohne Ende steht. Für das grenzenlose Ganze, für die Einheit von Ich und Menschheit, von Heimat und Planet. Unendlichkeit bedeutet in der Theologie Gott und in der Mathematik ein nicht endender Wert.

Der Ringträger ist Hans Joachim Schellnhuber. Er berät die Bundesregierung und die Weltbank, und im Juni 2015 stellte er im Vatikan die „grüne“ Enzyklika von Papst Franziskus vor. Schellnhuber ist Deutschlands führender Experte zum Klimawandel und so etwas wie ein wissenschaftlicher Popstar. Kurz vor der Klimakonferenz in Paris veröffentlichte er „Selbstverbrennung“, so der Titel und die Botschaft seines 724 Seiten langen Buches. Die heißen soll, wenn wir uns nicht zusammenreißen, dann ist unsere Zivilisation auf dem direkten Weg ins selbst gelegte Feuer. Wie ein Prominenter, der die Boulevardmedien selbst anruft, um eine Schlagzeile zu bekommen, bringt sich Schellnhuber mit eigenen Erlebnissen in die Geschichte des Klimawandels ein, um höchste Aufmerksamkeit für seine Botschaft zu erreichen. „Ein unverhohlener Antrag auf den Nobelpreis“, „ewiger Alarmismus“ wurden ihm vorgeworfen. In den USA stehen solche populärwissenschaftlichen Titel regelmäßig auf den Bestsellerlisten.

Bis zu seiner Diskussion in der Leibniz-Gesellschaft zur Frage „Was ist gerecht?“ hat Schellnhuber noch eine Stunde Zeit. Der Konferenzraum im ersten Stockwerk ist gut gewärmt. Draußen ist es etwa vier Grad kalt, zwei Grad wärmer als am Vortag. Warum also diese Vermischung von Subjektivität und Wissenschaft? Seine Antwort: „Die Vernunft allein bringt uns bei einem Jahrhundertthema wie dem Klimawandel nicht voran. Aber die Hoffnung, dass man allein durch erdrückende, wissenschaftliche Beweise die Politik beeinflussen kann, ist bei mir geschrumpft. Man muss also beides zusammenbringen: Wissenschaftliche Einsichten und moralische Prinzipien.“

Alles, was den Professor in diesem Konferenzraum umgibt, ist Zeuge des Wirtschaftswachstums durch Konsum von Öl, Gas und Kohle und des industriellen Aufstiegs durch Massenproduktion. Die Wärme aus der Heizung, die Thermoskanne aus Plastik, der Kaffee in der Tasse per Schiff oder Flugzeug aus Südamerika geliefert, das Licht von der Deckenlampe. Produkte, für die Treibhausgase ausgestoßen werden. Die Folge: Das Klima wird wärmer.

Schellnhuber ist 65 Jahre alt und hat fünf Jahre an seinem Buch geschrieben. Beim Leser wolle er mit seinem Lebenswerk nichts weniger erreichen, als ihm die Botschaft mitten ins Herz zu schicken. „Meine wissenschaftliche Arbeit ist deshalb aber genauso gut wie früher, wenn nicht sogar besser.“ Und da richtet er sich direkt an seine Kritiker, an die, die schreiben, sein Buch sei eitel oder nicht mehr wissenschaftlich genug.

Der 65-Jährige forscht im selben Büro wie einst Albert Einstein

Schellnhubers dunkle Augen sind schmal, sein Blick wirkt stets ein bisschen nach innen gerichtet. Alles an ihm ist vornehm intellektuell. Doch beim Thema Klimawandel ist er in diesen Tagen vor Paris nicht zurückhaltend, er kämpft, um eine Enttäuschung wie nach dem letzten Klimagipfel 2009 in Kopenhagen zu verhindern. Es brauche Pathos und Geschichten, um die Menschen zu überzeugen. Wie passend daher dieses Detail, dass er heute im selben Büro in Potsdam forscht, in dem auch Albert Einstein gearbeitet hat.

„Das wichtigste ist, dass Paris kein Desaster wird. Ich glaube nicht, dass es dort den großen Durchbruch gibt, aber es ist wichtig, dass an die Weltöffentlichkeit kommuniziert wird: Die politischen Entscheidungsträger nehmen das Problem ernst und suchen nach Lösungen.“ In Kopenhagen sei das ganze 2009 implodiert. Um fünf Uhr morgens habe er zusammen mit anderen Klima-Diplomaten enttäuscht das Konferenzgebäude verlassen. Draußen standen 20 Demonstranten, die „climate change“ skandierten. „Und wir gingen leise, so nach dem Motto: Tut uns leid, wir haben es verpatzt.“

Schellnhubers Buch endet mit der Geburt seines Sohnes Zoltan. Jeden Morgen bringt er den heute Siebenjährigen zur Schule, mit dem Bus oder mit seinem Elektroauto. Mal freue sich der Junge darüber, mal nicht. „Aber ich schicke ihn hin, weil ich möchte, dass er durch eine gute Ausbildung Chancen im Leben hat. Wenn ich das nicht tun würde, weil ich ihn nicht aus dem Bett bekomme oder mein Auto kaputt ist, dann interessiert mich die langfristige Entwicklung von meinem Kind nicht, und dass wäre verantwortungslos.“ Gleiches gelte seiner Ansicht für Politiker. „Sie dürfen nicht vergessen, dass wir auch in zehn, 20 oder 50 Jahren noch versuchen müssen, ein gutes Leben zu führen.“

Von seinen Gegnern wird Schellnhuber gelegentlich als „Klima-Papst“ bezeichnet. Glaubt er, der Wissenschaftler, an Gott? „Ich kann weder ausschließen, dass Gott existiert, noch kann ich es beweisen. Ich muss die Frage offen lassen.“ Doch mit vielen Prinzipien des Christentums kann er sich identifizieren, zitiert Franz von Assisi, der wollte, dass die Menschen mit der Natur in Harmonie leben.

In Paris ist Deutschlands lautester Klima-Kämpfer von heute an dabei. Er wird Gespräche führen. In Gedanken immer auch bei seinem Sohn Zoltan sein. Vielleicht reicht ein Kind als Antrieb für eine lebenswerte Welt aus.