Seoul

Kim fährt doch nicht nach Moskau

Nordkoreas Machthaber sagt Teilnahme an Feiern zum Kriegsende kurzfristig ab

Seoul.  Es sollte seine erste Auslandsreise sein: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un fährt an Bord eines gepanzerten Zuges in Moskau vor. Der Chef des letzten stalinistischen Regimes sollte die Feiern zum 70. Jahrestag des Siegs über Hitler-Deutschland mit seiner Teilnahme beehren.

Viele Fragen wurden vorab diskutiert: Wie würde er sich bei seinem Debüt auf internationalem Parkett machen, wie gesund wirkt er? Und: Welche Politiker würden sich mit ihm ablichten lassen? All diese Fragen bleiben nun unbeantwortet. Das „Genie des Genies“, wie ihn sein Staatsfernsehen nennt, sagte nach Kremlangaben kurzfristig ab.

„Innenpolitische Angelegenheiten“, hieß es zur Begründung der Absage. Berichte des südkoreanischen Geheimdienstes weisen darauf hin, dass es sich bei diesen „Angelegenheiten“ um Exekutionen wirklicher oder nur vermuteter Rivalen in Pjöngjang handeln könnte. Kim habe seit Anfang des Jahres 15 hochrangige Regierungsvertreter hinrichten lassen, weil sie die Politik des Regimes kritisiert hätten.

Allerdings ging man in Südkorea zuletzt davon aus, dass Kim seine Machtbasis durch eine Reihe politischer Säuberungen schon ausreichend gefestigt haben könnte. Ende 2013 wurde Kims angeheirateter Onkel Jang Song Thaek Opfer einer solchen Aktion: Der einst zweitmächtigste Mann hinter Kim wurde wegen Hochverrats hingerichtet. Die südkoreanische Regierung hatte danach gewarnt, das atomar bewaffnete Regime sei nun noch unberechenbarer.

Als Kim im vergangenen Herbst wochenlang von der Bildfläche verschwand, löste das Spekulationen über seinen Zustand aus. Kurz zuvor war der pummelig wirkende Kim im Fernsehen deutlich hinkend zu sehen. Dann wurden erst Mitte Oktober wieder Bilder von ihm verbreitet, die ihn am Stock zeigten. Nach südkoreanischen Geheimdienstinformationen wurde ihm eine Zyste im Fußgelenk entfernt.

Der Nordostasien-Experte Paik Hak Soon vom Sejong-Institut in Südkorea geht wie andere Beobachter eher von einer strategischen Entscheidung Kims aus, die Einladung nach Moskau doch auszuschlagen.

Kim denke womöglich, es sei wichtiger, seine erste Auslandsreise als Machthaber doch nach China zu machen. „Für Nordkorea ist China wichtiger als Russland“, sagt Paik. Es gebe keine Beweise für die These, doch China selbst könnte Kim – trotz der zuletzt abgekühlten Beziehungen –, davon überzeugt haben, zuerst nach Peking zu reisen.