Galerie Hilaneh von Kories

Das Auge von Istanbul, der Chronist einer Weltstadt

Foto: Galerie Hilaneh von Kories 49 / Ara Güler / Galerie Hilaneh von Kories

Ara Güler fotografiert seit über 50 Jahren seine Heimatstadt. Jetzt sind einige seiner Bilder in der Galerie Hilaneh von Kories in Hamburg zu sehen.

Galerie von Kories Man möchte sofort seine Koffer packen und losfahren in dieses Istanbul in Schwarz-Weiß, wie es in den überwiegend kleinen Formaten an den Wänden der Galerie hängt. So viel Atmosphäre! So viel Persönlichkeit und Wärme in jedem Bild! Und man will es sogleich schön bleiben lassen, denn selbst ohne Bildlegenden mit Jahreszahlen drauf ahnt man: Dieses Istanbul in Schwarz-Weiß, das gibt es nicht mehr, schon lange ist es verschwunden. Eine Reise dorthin mit den Fotos des großen Dokumentaristen Ara Güler im Kopf, das kann nur eine Enttäuschung werden.

Güler selbst, vor wenigen Wochen 85 Jahre alt geworden, sagt über die Stadt, als deren Chronist, ja, deren Auge er längst in die Geschichte der Fotografie eingegangen ist: "Jetzt gibt es in Istanbul nichts mehr zu fotografieren. Höchstens noch Details." Das klingt bitter aus dem Munde eines Mannes, der noch heute Tag für Tag mit der Leica über der Schulter und einfach gekleidet durch die Straßen und Plätze der "völlig chaotischen, kunterbunten Stadt" (Orhan Pamuk) läuft und fotografiert, was ihm an bewahrenswerten Augenblicken und Szenen vor die Linse kommt.

"Wer die Menschen nicht liebt, kann unmöglich Fotoreporter sein", sagt Güler einmal in der filmischen Hommage an ihn, die der junge Fotografenkollege Erdal Burdun vor einigen Jahren gedreht hat und die in der Ausstellung gezeigt wird. Tatsächlich sind es auf den in beiläufiger Vollendung komponierten Bildern vor allem die Menschen, denen man als Betrachter ungewöhnlich nahe zu sein meint. Weil hier "niemand im Namen eines anderen spricht", wie es der türkische Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger und Güler-Fan Orhan Pamuk formuliert, bleiben all die Arbeiter, Fischer, Straßenverkäufer, Kinder, Passanten, Großmütter und Taxifahrer auf Gülers Aufnahmen stets sie selbst.

Auch der Fotograf ist so sehr Bestandteil dessen, was er fotografiert, dass er darin vollkommen aufgeht, im Sinne des Verschwindens. Wer seine in vielen Bildbänden versammelten Fotos betrachtet, ist geneigt zu vergessen, dass sie nicht einfach immer schon da waren, sondern das Ergebnis der bewusst getroffenen künstlerischen Entscheidung eines Einzelnen sind.

Güler, als Sohn armenischer Eltern im Viertel Beyoglu geboren und aufgewachsen, begann in den 40er-Jahren zu fotografieren, angetrieben von jener unstillbaren Entdeckungslust, die ihn als Fünfjährigen mit seiner ein Jahr jüngeren Cousine auf der Suche nach Abenteuern eines Tages von Zuhause ausreißen ließ. Zunächst arbeitete er für türkische Magazine. Bald schon verkaufte er seine Bilder an den "Stern", an "Paris Match" und "Life". Als das "Time"-Magazin 1956 in Istanbul ein Büro eröffnete, engagierte ihn das Blatt. Bis heute blieb Güler der einzige türkische Fotograf, der je zum erlauchten Kreis der Magnum-Reporter gehörte.

Dass er nicht nur ein guter Fotograf war, sondern ein Reporter mit allen Sinnen, ein kaltblütiger noch dazu, bewies Güler bei einem Schiffsunglück 1960. Er mietete ein Boot, fuhr aufs Meer, barg ein paar der 340 Leichen und fotografierte, was er sah. Auch beim Militärputsch 1960 blieb er mit der Kamera ganz nah dran. "Meine Bilder gingen um die Welt", weiß Güler, der sein Licht nicht unter den Scheffel stellt.

Seiner Stadt gegenüber spürt er eine "Verpflichtung". Die im Zuge von Modernisierungsbestrebungen ausradierten Viertel dürften nahezu Haus für Haus in seinem gigantischen Archiv aufbewahrt sein, wenn auch nur auf Negativ oder Fotopapier. "Das Licht von Istanbul" heißt diese Ausstellung, seine erste in Hamburg, und tatsächlich ist es Gülers sicherer Blick für das Arrangement des Lichts und der Schatten, der das Auge magisch anzieht. So geht der Betrachter schließlich doch auf Reisen, auf eine in die Ferne und in die Zeit, und beide zeigen sich von ihrer schönsten Seite: Der Vollkommenheit.

"Ein Fotograf möchte alles neu entdecken. Nur so entsteht Fotografie", sagt Güler. Genau deshalb wird es in Istanbul doch immer etwas zu fotografieren geben, und überall auf der Welt.

"Das Licht von Istanbul: Ara Güler" Ausstellung noch bis 18.12., Galerie Hilaneh von Kories (Metrobus 2, 3) Stresemannstraße 384a (Hinterhof), geöffnet

Di–Fr 14.00–19.00 u.n.V., Telefon 423 20 10

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