Universitätsmedizin Göttingen

Bestechungsskandal bei Transplantationen: 25 Verdachtsfälle bestätigt

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Von Max Eckart

Kern der Vorwürfe sei die Manipulation von relevanten Angaben zu Patienten auf der Warteliste. Die Universitätsmedizin habe am Donnerstag die Staatsanwaltschaft Braunschweig informiert und alle gewünschten Akten sofort bereitgestellt. Zudem sei eine eigene externe Gutachterkommission einberufen worden, die den Ablauf der Vorgänge prüfen und Empfehlungen für Konsequenzen geben solle.

Göttingen. Im Skandal um Bestechung und Manipulation bei Lebertransplantationen hat die Göttinger Universitätsmedizin am Freitag 25 weitere Verdachtsfälle bestätigt. Diese „Auffälligkeiten“ seien zunächst von der Bundesärztekammer festgestellt worden, sagte Martin Siess vom Vorstand der Universitätsmedizin. Die Kammer habe in Göttingen die Warteliste von Patienten sowie die Liste der 2010 und 2011 erfolgten Transplantationen überprüft. Ende Juni sei die Universitätsmedizin über die Erkenntnisse der Ärztekammer informiert worden.

Kern der Vorwürfe sei die Manipulation von relevanten Angaben zu Patienten auf der Warteliste, sagte Siess. Die Universitätsmedizin habe am Donnerstag die Staatsanwaltschaft Braunschweig informiert und alle gewünschten Akten sofort bereitgestellt. Zudem sei eine eigene externe Gutachterkommission einberufen worden, die den Ablauf der Vorgänge prüfen und Empfehlungen für Konsequenzen geben solle.

Im Mittelpunkt des Skandals steht der früheren Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie. Gegen den Mediziner, der 2008 von Regensburg nach Göttingen gewechselt war, waren bereits im Frühsommer Vorwürfe laut geworden. Er soll 2011 einen ausländischen Patienten gegen eine hohe Geldzahlung bei einer Lebertransplantation bevorzugt haben. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen den Mediziner sowie gegen den Patienten wegen Bestechlichkeit beziehungsweise Bestechung. Die Universitätsmedizin hatte den Arzt bereits im November suspendiert.

Schon jetzt weitreichende Konsequenzen aus Vorfällen gezogen

Siess schloss nicht aus, dass weitere Mediziner oder andere Mitarbeiter in die nun bekannt gewordenen Vorfälle verstrickt sind. „Theoretisch wären die Akten von einer Person manipulierbar gewesen“, sagte er. „Das ist allerdings höchst unwahrscheinlich.“ Ebenso unwahrscheinlich sei es jedoch, „dass es viele waren, die manipuliert haben“.

Nach Ansicht von Wirtschaftsvorstand Sebastian Freytag geht es bei der Aufarbeitung aber nicht nur um mögliche aktive Mittäter. „Es geht auch darum, wer trug Mitverantwortung, wer hätte genauer hingucken müssen.“ Die Göttinger Universitätsmedizin habe bereits jetzt weitreichende Konsequenzen aus den Vorfällen gezogen, fügte Freytag hinzu. Die Transplantationsabteilung sei ganz neu strukturiert worden. „Wir haben das so ausgerichtet, dass eine Wiederholung undenkbar ist“, sagte Freytag. „Die Warteliste ist jetzt wasserdicht.“

Wie die Vermittlung von Organen geregelt ist

Nach dem geltenden Transplantationsgesetz (TPG) sind Organe nach Regeln zu vermitteln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen. Dabei kommt es vor allem auf Erfolgsaussicht und Dringlichkeit der Organverpflanzung an. Die Richtlinien legt die Bundesärztekammer fest. Jede Vermittlungsentscheidung ist unter Angabe der Gründe zu dokumentieren. Das TPG sieht vor, dass eine bei der Bundesärztekammer angesiedelte Prüfungskommission die Vermittlungsentscheidungen in regelmäßigen Abständen überprüft. Eine weitere Kommission überwacht die Einhaltung der Bestimmungen.

Mit der TPG-Novelle, die der Bundesrat am 15. Juni billigte, werden die Transplantationszentren und die Entnahmekrankenhäuser gesetzlich verpflichtet, der Prüfungskommission die erforderlichen Unterlagen zur Verfügung zu stellen und erforderliche Auskünfte zu erteilen. Die Prüfungskommission ihrerseits muss Erkenntnisse über Verstöße gegen das TPG dann an die zuständigen Behörden der Länder weiterleiten. (dpa)

(dapd-nrd)

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