Heidelberg

Den „Doktor" ist sie los - Koch-Mehrin prüft rechtliche Schritte

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Der Ausschuss stellte fest, dass Koch-Mehrins Arbeit „in substanziellen Teilen aus Plagiaten besteht". Deshalb werde ihr der Titel entzogen.

Heidelberg. Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin prüft rechtliche Schritte gegen die Aberkennung ihrer Doktorarbeit. Die Entscheidung der Universität komme überraschend, weil sie bisher keine Akteneinsicht hatte, erklärte sie am Mittwoch. „Ich werde prüfen, ob sie rechtswidrig ist.“ Die Hochschule hatte am Mittwoch bekanntgegeben, dass Koch-Mehrin ihren Doktorhut zurückgeben müsse, weil sie abgeschrieben habe.

Die Politikerin verwies darauf, dass die Mängel ihrer Doktorarbeit schon ihren Gutachtern bekannt gewesen seien. Sie hätten die Ungenauigkeiten, Oberflächlichkeiten und das Fehlen von Belegen gerügt. Aber: „Der Promotionsausschuss hat mir im Jahr 2000 in voller Kenntnis aller eklatanten Schwächen meiner Arbeit den Doktortitel verliehen.“

Angesichts der massiven Kritik der Gutachter hätten bei dem Ausschuss bereits damals alle Alarmglocken läuten müssen. Trotzdem habe er sie mit einem „cum laude“ (mit Lob) bewertet, was etwa der Note gut in der Schule entspricht. Dies sei auch mit Recht erfolgt. „Die wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Arbeit sind bis heute unstrittig und beruhen auf meiner eigenen wissenschaftlichen Leistung.“

Kommentare der Presse

„Mannheimer Morgen“: Das Urteil der Universität Heidelberg ist ebenso hart wie konsequent. Wer derart hemmungslos bei anderen abschreibt und es anschließend als eigene wissenschaftliche Leistung ausgibt, hat keine Gnade verdient. Bei allem Verständnis für die Konsequenz der Hochschule muss aber die Frage erlaubt sein, wie es sein kann, dass ein Doktorvater derart blauäugig ein wissenschaftliches Werk annimmt und sogar mit einer guten Note adelt. Ohne die Schuld verschieben zu wollen, möchte man schon gerne wissen, warum es einer universitären Koryphäe nicht auffällt, wenn seine Schülerinnen oder Schüler gnadenlos aus vorliegenden Publikationen abschreiben.

„Lübecker Nachrichten“: Man könnte fast ahnen, dass in Zukunft die Zahl der Politiker, die ihren Namen mit vorangestelltem Dr. schmücken, abnehmen wird. Denn bei gar manchem von ihnen könnte die Triebfeder weniger die Entwicklung bahnbrechender wissenschaftlicher Erkenntnisse denn die Befriedigung eigener Eitelkeiten sein. Nun aber sind die Plagiatsjäger unterwegs, um jene zur Strecke zu bringen, die ihre Arbeit vornehmlich von Gedankenblitzen anderer haben befruchten lassen. Solch Meute im Nacken zu wissen, macht vermutlich wenig Spaß. Damit diese ins Leere läuft, macht eine Promotion richtig Arbeit. Dafür aber kann im harten Politikeralltag kaum Zeit bleiben.

„Rhein-Neckar-Zeitung“ (Heidelberg): Im Grunde sind die Plagiatsaffären eine Werbestunde für das Internet – und eine Sternstunde dazu. Ohne dieses Medium wären weder Guttenberg noch Koch-Mehrin überführt worden. Um die medial gut aufbereitete Jagd jedoch einem konstruktiven Ende zuzuführen, ist die Einführung von Plagiatsprüfungen zwingend erforderlich. Für jeden Hochschulabsolventen. Damit akademische Titel auch in Zukunft mehr Wert sind als das Papier auf dem sie stehen.

„Nordwest-Zeitung“ (Oldenburg): Mehr Schein als Sein – das ist ja ein Motto, das sich zuweilen (leider) durch die Politik zieht. Der schöne Schein war auch Koch-Mehrin offenbar wichtiger als das schnöde Sein. Jetzt - nach der Aberkennung des Doktortitels durch die Universität Heidelberg – dürfte die Karriere der liberalen Hoffnungsträgerin beendet sein. Es fragt sich allerdings, ob Koch-Mehrin das genauso sieht. Ihre erste fast patzige Reaktion auf die harsche Begründung der Hochschule deutet darauf hin, dass sie noch nicht dieser Ansicht ist. Am Pranger stehen indes nicht nur die Guttenbergs und Koch-Mehrins, sondern ebenso die aktuellen Prüfungspraktiken. Die Universitäten sollten schleunigst dem fatalen Eindruck entgegenwirken, Prominenz sei beim Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit schon die halbe Miete.

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