Arbeitnehmer in Europa

Die Stolpersteine aus dem Weg schaffen

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Ab dem 1. Mai gilt für Pflegehilfen aus Osteuropa Freizügigkeit. Für viele Familien mit kranken Angehörigen ist das auch eine Chance.

Bonn. Als ihr Schwiegervater Richard (86) plötzlich rund um die Uhr betreut werden musste, fühlte sich Christine Kucher* an die Zeit erinnert, als ihre beiden Töchter noch ganz klein waren. Mit einem Unterschied: Die Kinder konnte sie überallhin mitnehmen – mit einem alten Menschen kaum möglich. Der Mutter von der Schwäbischen Alb blieben nur zwei Möglichkeiten: Entweder ihren Job, ihr Privatleben und in gewisser Weise auch sich selbst aufgeben und die Vollzeit-Pflege übernehmen – oder nach Alternativen suchen.

Familie Kucher entschied sich für eine Haushaltshilfe aus Polen – übermittelt durch eine Agentur. Alle drei Monate lebt nun eine andere Polin zwischen 50 und 60 Jahren auf dem kleinen Bauernhof; derzeit ist das Maria. Sie kümmert sich 24 Stunden am Tag um den erblindeten 86-Jährigen, kocht für ihn, achtet darauf, dass er genügend trinkt und fährt ihn mit dem Rollstuhl auch mal durch das 500-Einwohner-Dorf in Ostwürttemberg. Für die Familie hat sich das Modell bislang bewährt – wenn auch nicht ohne Stolpersteine.

Die Nachfrage nach Haushaltshilfen, die auch einfache Pflegetätigkeiten übernehmen, boomt in Deutschland. Doch nicht immer ist das Betreuungsverhältnis eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Laut Schätzungen arbeiten hierzulande bis zu 90 Prozent der Hilfskräfte aus Osteuropa in illegalen Beschäftigungsverhältnissen – insgesamt bis zu 100.000 Menschen. In dieser unkontrollierten Grauzone werden häufig gesetzliche Standards nicht eingehalten. Zumindest für die Kräfte aus EU-Ländern könnte sich die Situation am 1. Mai verbessern; für sie gilt dann Freizügigkeit.

Manche Überraschung bei den Agenturen bleibt nicht aus

EU-Sozialkommissar Laszlo Andor sieht in dem Zuzug aus Mittel- und Osteuropa eine Möglichkeit, den Arbeitskräftemangel in wichtigen Industrie- und Dienstleistungsbranchen zu reduzieren. Weil so Schwarzarbeit und Scheinselbstständigkeit zurückgingen, führe das zu mehr Wohlstand und einem zusätzlichen Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent im Jahr in Deutschland, rechnet der EU-Politiker vor. Bayerns Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Emilia Müller (CSU), warnt dagegen vor negativen Auswirkungen. Eine Zuwanderung ins Sozialsystem, Verdrängungskonkurrenz für gering Qualifizierte und eine Abwärtsspirale bei den Löhnen dürfe es nicht geben. Man werde die Entwicklung „sehr genau beobachten“, kündigte die Politikerin an.

Obwohl die Agentur von Familie Kucher, „ServicePunkt Pflege“, auf ihrer Homepage verspricht, ihre Partner genau zu prüfen, blieb so manche Überraschung nicht aus. „Papier ist geduldig“, sagt Christine Kucher und erinnert sich an Bewerbungen, in denen so manche Kandidatin ein 15 Jahre altes Foto verwendete. Oder Frauen, die zusagten, dann aber nicht in den Bus der Agentur stiegen, sondern auf eigene Faust günstigere Fahrgemeinschaften gründeten. Diejenigen, die den Bus nahmen, seien nach der mehrere Tage dauernden Fahrt „fix und alle, wenn sie hier ankommen“.

Ein Projekt der Caritas in Paderborn will es besser machen. Durch die Kooperation mit der Schwesternorganisation in Polen sollen „die Bedarfslagen zusammenkommen“, so Marek Borzykskowski, Caritas-Direktor im polnischen Graudenz. Konkret bedeutet dies: interessierte Frauen aus Polen sprachlich und fachlich vorzubereiten, dazu ein tariflich abgesichertes, legales Beschäftigungsverhältnis. Auch im Bistum Augsburg wird derzeit ein ähnliches Projekt geplant. 1.390 Euro stehen den Haushaltshilfen laut Tarif beispielsweise in Bayern zu, dazu kommen noch Sozialversicherungsbeiträge sowie Kost und Logis.

Familie Kucher bezahlt Maria 1.100 Euro, die Agentur bekommt für die Vermittlung 180 Euro. Insgesamt kostet der Pflegeeinsatz zwischen 1.800 und 1.900 Euro. Bis auf 400 Euro, die die Familie jeden Monat zusätzlich aufbringen muss, kann die Summe aus Pflegegeld und Zusatzrenten gedeckt werden. Christine Kucher freut sich auf den 1. Mai. Bislang musste sie die Arbeitserlaubnis immer mit großem Aufwand vorab beantragen. „Wenn es mit einer Kandidatin nicht klappen sollte, hätten wir bislang ohne Ersatz wochenlang auf die neue Arbeitserlaubnis warten müssen.“ (KNA/abendblatt.de)

* Namen von der Redaktion geändert.