Nach Entführung im Januar

Deutsche Geisel bei Militäraktion in Nigeria offenbar getötet

Der Einsatz war keine Befreiungsaktion. Zunächst gab es keine Bestätigung vom Auswärtigen Amt. Der Mannheimer wurde angeblich erstochen.

Kano/Nigeria. Ein vor rund fünf Monaten im Norden Nigerias verschleppter Deutscher ist am Donnerstag offenbar von seinen Entführern getötet worden. Die Männer erstachen den Angestellten des deutschen Baukonzerns Bilfinger Berger, als nigerianische Soldaten am Morgen das Haus stürmten, ohne zu wissen, dass der Mann darin festgehalten wurde, wie aus Militärkreisen verlautete. Weder Bilfinger Berger noch das Auswärtige Amt konnten die Identität des Opfers zunächst bestätigen.

Die nigerianischen Streitkräfte erklärten, es habe sich bei dem Einsatz nicht um eine Befreiungsaktion für den Deutschen gehandelt. Sie seien in das Haus eingedrungen, nachdem sie Informationen über ein dort stattfindendes Treffen von ranghohen Mitgliedern einer Terrorgruppe erhalten hatten. Erst nach dem Einsatz fanden die Soldaten demnach die an den Händen gefesselte Leiche der Geisel neben den Körpern von fünf mutmaßlichen Terroristen.

Die Streitkräfte teilten mit, dass sich die mutmaßlichen Terroristen und die Truppen ein rund 30-minütiges Feuergefecht geliefert hätten. Die Entführer hätten den Deutschen schließlich erstochen und versucht zu entkommen, hieß es aus Militärkreisen.

Der Deutsche war nach Polizeiangaben im Januar in Kano, der zweitgrößten Stadt des Landes, von einer Baustelle entführt worden. In Nigeria war der Mann seit Jahren im Auftrag des Unternehmens Dantata & Sawoe Construction tätig. Im März hatte der Al-Kaida-Ableger im Islamischen Maghreb (AQIM) erklärt, der Mann befinde sich in ihrer Gewalt.

In Nigeria entführter Deutscher arbeitet für Baukonzern

Kano: Bewaffnete entführen Deutschen

Aus Deutschland gab es zunächst keine offizielle Bestätigung der Angaben aus Nigeria. «Das Auswärtige Amt kann die Meldung zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigen», sagte eine Sprecherin des Ministeriums auf dapd-Anfrage in Berlin. Der Krisenstab und die deutsche Botschaft in der nigerianischen Hauptstadt Abuja seien um Aufklärung bemüht. Bilfinger Berger wollte ebenfalls eine Bestätigung abwarten, zeigte sich aber bestürzt. «Auch wenn wir noch keine endgültige Bestätigung haben, fürchten wir, dass unserem Mitarbeiter Schreckliches zugestoßen ist», teilte das Unternehmen mit.

Die AQIM veröffentlichte im März ein Video, in dem Männer mit Kalaschnikows hinter der deutschen Geisel posierten. In dem Video bat der Ingenieur die Bundesregierung auf Deutsch und Englisch, sich für seine Freilassung einzusetzen. Die AQIM forderte die Freilassung der verurteilten Terrorhelferin Filiz Gelowicz. Filiz Gelowicz ist die Frau des Anführers der «Sauerland-Gruppe», Fritz Gelowicz. Der Terrorist der Islamischen Dschihad Union wollte Anschläge in Deutschland verüben und wurde im März 2010 zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Frau wurde ein Jahr später zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Sie hatte Terror-Propaganda verbreitet und Terrororganisationen mit Geld unterstützt. Inzwischen ist sie auf Bewährung frei.

Die Entführung des Deutschen ist der erste konkrete Gewaltakt der AQIM in Nigeria. Allerdings verübt die radikalislamische Sekte Boko Haram im Norden des Landes regelmäßig Anschläge. Die Sekte will in Nigeria eine strenge Auslegung des islamischen Rechts einführen. Nach Ansicht einiger Experten ist es allerdings unwahrscheinlich, dass die AQIM den Deutschen selbst entführt hat. Die Terrororganisation kaufte bereits in der Vergangenheit anderen Gruppen Geiseln ab. Mit den Entführungen von 50 Ausländern aus westlichen Staaten soll die Organisation geschätzte 100 Millionen Euro Lösegeld eingenommen haben.

Das italienische Außenministerium teilte am Donnerstag mit, dass in dem zentralnigerianischen Staat Kwara ein italienischer Staatsbürger entführt worden sei. Nigerianische Behörden äußerten sich zunächst nicht zu der Entführung des Ingenieurs. (dapd/abendblatt.de)

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