Kunst-Podcast

„Das sind doch Joe Biden und Donald Trump …“

Lars Haider spielt mit Kunsthallen-Direktor Alexander Klar „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Heute: Skulptur von Thomas Schütte.

Hamburg. Einmal die Woche spielen Hamburgs Kunsthallen-Direktor Alexander Klar und Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und zwar mit einem Kunstwerk. Eine halbe Stunde schauen sich die beiden ein Gemälde, eine Fotografie oder eine Skulptur an und reden darüber: „Ein Gespräch ist die beste Möglichkeit, Kunst zu erschließen“, sagt Alexander Klar.

Was für ein klaustrophobisches Szenario: Die Köpfe sind alarmierend gefärbt, die Arme unter dem Tuch verborgen, die Körper mit Seilen festgezurrt, ausgestellt auf einem Sockel aus Holz. Und doch spricht aus den Blicken höchstens Erstaunen, vielleicht auch Unverständnis, ja Selbstüberschätzung! Die Männerfiguren sind in ihrer misslichen Lage miteinander vereint, kraftvoll in der gehemmten Bewegung, noch immer scheinen sie getrieben.

„United Enemies“ heißt eine ganze Serie von Skulpturen, die der Künstler Thomas Schütte geschaffen hat. Die hier abgebildete aus dem Jahr 1993 ist aus Fimo-Knete modelliert und gehört mit 37,5 Zentimeter Höhe zu den kleineren Doppelfiguren; im Berliner Berggruen Garten etwa stehen zwei fast vier Meter hohe Exemplare aus Bronze und ziehen die Blicke auf sich. Die Dramatik in der Geste eint alle Figuren: die fliehende Stirn, die aufgerissenen Augen, die Körper, die sich winden.

Thomas Schütte war Grafiker, Zeichner, Maler, Bildhauer und Fotograf

Inspiriert wurde Schütte dazu während eines Stipendiums in der Villa Massimo in Rom. 1992 wurden in Italien Industrielle und Politiker fast aller Parteien wegen Verdachts auf Korruption, Amtsmissbrauch und illegaler Parteien­finanzierung verhaftet. Der Künstler verfolgte die als „Mani pulite“ („saubere Hände“) berühmt gewordenen juristischen Untersuchungen und beobachtete, wie einst ehrenwerte und angesehene Männer über ihre eigenen langjährigen illegalen Praktiken stolperten und ihre „Seilschaften“ mit sich in den Abgrund rissen.

Grafiker, Zeichner, Maler, Bildhauer und Fotograf – betrachtet man das Werk des 1954 in Oldenburg geborenen Künstlers, so sind die „United Enemies“ nur ein winziger Ausschnitt daraus, denn er ist ebenso ein sensibler Porträtzeichner und Aquarellist; in seinen „Gartenzwerg“-Keramiken stecken unglaublich viel Hingabe und Witz, ebenso in seinen Blumen- und Gemüsearrangements („Silly Lillies“).

Schütte studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf, unter anderem bei Gerhard Richter, und entwickelte zunächst Architekturmodelle (ein berühmtes ist „Haus für zwei Freunde“ von 1983). In den 1980er- und 1990er-Jahren wandte er sich sozialen Themen zu.

Schütte ist auch bekannt für seine gewaltigen Freiluftskulpturen

Und er begann, gewaltige Freiluftskulpturen zu fertigen, etwa „Große Geister“ (1996), eine Serie von drei Figuren, die einerseits roboterhaft, andererseits sehr beweglich erscheinen. Für
seine 18-teilige Werkreihe „Frauen“, die zwischen 1998 und 2009 entstand, wurde der Künstler auf der Biennale in Ve­nedig 2005 als bester internationaler Künstler mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Es ist das Streben nach Anerkennung und Macht, die Gier, das Wetteifern, aber auch das Scheitern, die Lächerlichkeit, Vergänglichkeit und letztendlich auch die Dummheit, für die die „Vereinigten Feinde“ synonym und damit für das ganz Menschliche, nicht nur in Italien, stehen.

Dieses und weitere Werke finden Sie hier in der Online-Sammlung der Hamburger Kunsthalle