Nach Hecking-Deal

Im Video: Der HSV-Realitätscheck mit Marcell Jansen

Foto: Witters

Der HSV-Vereinspräsident spricht mit Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider im Podcast über radikale Umbrüche und die neue Saison.

Hamburg. „Der HSV muss endlich in der Realität ankommen“: Das hat Vereinspräsident Marcell Jansen in einem Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt gefordert, in dem er auch ausführlich über die Trennung von Trainer Hannes Wolf und Sportvorstand Ralf Becker spricht. Jansen kündigt radikale Umbrüche bei Kader und Gehältern hat, hält den Aufsichtsrat für „so intakt wie lange nicht mehr“ und würde gern mal „30 Jahre mit denselben Leuten in der Führung arbeiten“. Das Credo für die neue Saison: „Wir wollen unbedingt aufsteigen, das ist unser Ziel, aber die Realität ist, dass wir uns das auch hart erarbeiten müssen.“

Das sagt Marcell Jansen über…

… die katastrophale Rückrunde:

„Die Rückrunde hat aufgezeigt, wie instabil das Konstrukt HSV ist und wieviel Arbeit noch vor uns liegt. Der Verlauf der Rückrunde hat sehr, sehr wehgetan und war gleichzeitig sehr ehrlich. Wir haben den Aufstieg in die erste Liga einfach nicht verdient. Punkt. Die Führungsspieler haben sportlich gesehen nicht abgeliefert, sie waren teilweise sogar die großen Schwachstellen in der Mannschaft. Hinzu kam erschwerend, dass einige Spieler wussten, dass sie am Ende der Saison den HSV verlassen.“

… die Trennung von Hannes Wolf:

„Jeder Verein erlebt sportliche Krisen, das geht dem HSV nicht anders als anderen Bundesligisten. Die Frage ist, wie man mit solchen Krisen umgeht und welche Lösungen man für die Probleme findet. Die sportlich Verantwortlichen haben leider bis zum Ende der Rückrunde keine Lösungen gefunden, obwohl man die Probleme ja schon zum Start gesehen hat. Das hat uns große, große Sorgen gemacht. Man hat versucht, die Symptome der Krise zu bekämpfen, ist aber nicht zu den Ursachen vorgedrungen. Ich halte Hannes Wolf trotzdem für einen guten Trainer und bin mir sicher, dass er seinen Weg gehen wird.“

Der HSV-Realitätscheck mit Vereinspräsident Marcell Jansen

… den neuen Trainer Dieter Hecking:

„Dieter Hecking ist ein sehr erfolgreicher Trainer, wir können dankbar sein, dass so jemand zum HSV kommt. Dass Dieter Hecking diese Herausforderung annimmt, zeigt sowohl sein Selbstvertrauen als auch seinen Ehrgeiz. Vor uns allen liegt ganz, ganz harte Arbeit. Wir brauchen in unserer Situation jetzt jemanden, der sehr erfahren im Profi-Geschäft ist.“

… die neue Saison:

„Mir ist egal, welche Vereine in der zweiten Liga spielen. Wir müssen uns auf uns konzentrieren. Wir brauchen endlich einen radikalen Umbruch in der Mannschaft. Und Spieler, die mit dem HSV Großes erreichen wollen und sich nicht auf einem Gehaltgefüge ausruhen, das in der Vergangenheit teilweise über dem von Clubs lag, die im internationalen Geschäft vertreten waren. Das werfe ich den Spielern nicht vor, aber das war natürlich nicht das richtige Signal. Wir müssen jetzt in einem anderen Regal nach Spielern suchen, die Zeiten, in denen man in Hamburg einen kräftigen Aufschlag aufs Gehalt bekam, sind vorbei. Wenn es läuft, bekommen wir gute Zweitliga-Spieler mit Ambitionen oder junge Spieler mit Talent.“

… die Trennung von Sportvorstand Ralf Becker:

„Ralf Becker hat in vielen Dingen einen guten Job gemacht. Die Trennung war keine Entscheidung gegen ihn, sondern für Jonas Boldt. Es ist doch ein gutes Zeichen, dass Leute wie Jonas Boldt und Dieter Hecking zum HSV kommen. Das würden die ja nicht tun, wenn sie glaubten, beim HSV ginge alles drüber und drunter.“

… fehlende Kontinuität in den Führungsebenen:

„Am schönsten wäre es, 30 Jahre in der Führung des Vereins mit denselben Leuten zu arbeiten und gemeinsam durch Krisen zu kommen. Trotzdem müssen wir immer wieder konsequente Entscheidungen treffen. Ob das der eine oder andere nicht versteht und sich in die vergangenen Jahre zurückversetzt fühlt, ist mir dabei völlig egal. Wir befinden uns in der schwierigsten Situation der Vereinsgeschichte und müssen im Zweifel handeln, wenn wir unsere Ziele gefährdet sehen.“

… die Selbstwahrnehmung des Vereins:

„Der HSV muss endlich in der Realität ankommen, davon sind wir noch weit entfernt. Wir wollen unbedingt aufsteigen, das ist unser Ziel, aber die Realität ist, dass wir uns das auch hart erarbeiten müssen. Du kannst nicht acht Jahre um den Abstieg betteln und dann erwarten, dass du gleich wieder aufsteigst und der HSV wieder das, was er früher einmal war. Wir sind aktuell ein Zweitliga-Club, der Ambitionen hat, oben mitzuspielen und so schnell es geht wieder in die Bundesliga aufzusteigen.“

… den Aufsichtsrat und dessen sportfachliche Qualifikation:

„Es hat noch nie so viel Ruhe gegeben im Verein, der Aufsichtsrat ist so intakt wie lange nicht. Die Voraussetzungen für die neue Saison sind deutlich besser, als sie es vor der vergangenen Saison waren. Wir müssen uns keine Gedanken um unsere Lizenz machen, weder in diesem noch im nächsten Jahr. Natürlich ist meine Vision, dass im Aufsichtsrat zwei, drei Personen mit sportlicher Kompetenz sitzen und nicht nur eine. Das müssen Menschen sein, die eine Bindung zu Stadt und Verein haben. Gleichzeitig müssen wir uns endlich von der Vergangenheit lösen. Wir können nicht immer nur über das 4:4 gegen Juventus Turin reden.“

... die Fans:

„Die HSVer sind HSVer, weil sie HSVer sind. Unsere Fans lieben den Verein, ganz egal, ob es läuft oder nicht läuft. Sie sind die einzigen, die im Moment Champions-League-Niveau erreichen, um sie herum müssen wir alles aufbauen.“

… die eigene Rolle:

„Ich habe keine andere Agenda in den nächsten zweieinhalb Jahren, als mein Ehrenamt als Präsident zu machen. Dafür wurde ich gewählt, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin angetreten, um dem Verein in seiner schwierigsten Stunde zu helfen. Und warum mache ich das? Weil die Fans das schon ihr ganzes Leben machen.“

Glauben Sie, dass der HSV mit Dieter Hecking den Aufstieg in der kommenden Saison schafft?