Digitale Sprechstunde

Probanden – Versuchskaninchen oder Motoren des Fortschritts?

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Asklepios-Kardiologin Nele Geßler erklärt, wie Patienten und Kliniken von medizinischen Studien profitieren können.

Hamburg. Mehr als 500 Studien liefen im vergangenen Jahr allein an den Hamburger Asklepios Kliniken, geforscht wurde unter anderem zu verschiedenen Krebserkrankungen, zu Herz-Kreislauf-Störungen, aber auch zu Erkrankungen aus fast jedem anderen medizinischen Fachbereich. Doch was hat der einzelne Patient überhaupt davon, an einem solchen Forschungs­projekt teilzunehmen? „Der individuelle Nutzen ist natürlich zunächst einmal unklar, denn wir wissen ja noch nicht, ob beispielsweise ein neues Medikament wirkt. Deshalb machen wir ja erst die Studie“, sagt Dr. Nele Geßler.

Allerdings könne es ein Vorteil sein, dass der Patient Zugang zu neuartigen Therapie­ansätzen erhalte. „Er bekommt zum Beispiel ein Medikament, das sich erst in der Zulassung befindet und erprobt wird. Vielleicht – das ist natürlich die Hoffnung der Patienten und auch die von uns Wissenschaftlern – verbessert es den Zustand, trägt sogar zur Heilung bei“, so die 40 Jahre alte Kardiologin in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Manche fragen: Haben Sie noch eine Studie für mich?

Auch würden viele Studienteilnehmer die enge medizinische Betreuung wertschätzen. „Sie werden häufig komplett durchgecheckt, sie bekommen bei Beschwerden sofort einen Termin, haben in der Regel auch die Handynummer des Studienteams, falls spätabends oder am Wochenende Komplikationen auftreten sollten“, sagt die Oberärztin aus der Abteilung von Professor Stephan Willems, mit dem sie vom UKE nach St. Georg gewechselt ist. „Ich habe tatsächlich schon häufig Patienten gehabt, die nach einer erfolgreichen Studienteilnahme anriefen und fragten: Das war so gut, haben Sie vielleicht noch was für mich?“, erzählt die Medizinerin, die bei Asklepios die Studienzentrale proresearch leitet und als Vizedekanin für Forschung am Asklepios Campus Hamburg der ungarischen Semmelweis Universität wirkt.

Ganz so einfach sei es natürlich nicht, denn der jeweilige Patient müsse genau in das sogenannte Studiendesign passen. Und was sagt die Wissenschaftlerin zu der Sorge vieler Patienten, als „Versuchskaninchen“ zu enden? „Das ist auf gar keinen Fall so“, wehrt die zweifache Mutter ab, die mit ihrer Familie in Neuenfelde im Alten Land lebt („wir ernten jedes Jahr 200 Kilogramm Walnüsse“) An einer klinischen Studie teilzunehmen sei immer ein „ganz freiwilliges Angebot“. Der Patient könne ohne schlechtes Gewissen ablehnen. „Ich sage immer: Meine persönliche Glückseligkeit hängt nicht daran, ob jemand mitmacht. Und mehr Geld bekommt der behandelnde Arzt auch nicht, er hat davon rein gar nichts.“ Es sei auch immer möglich, sein Einverständnis zu widerrufen. „Es gibt Patienten, die sagen sofort Ja, es gibt welche, die sagen Nein, und es gibt welche, die fünf Minuten nach Zusage wieder alles zurückziehen“.

Wer entscheidet, ob Patient Wirkstoff oder Placebo erhält?

Doch wer entscheidet eigentlich darüber, ob ein Patient bei einer Medikamentenstudie den neuen Wirkstoff oder ein Placebo, beziehungsweise das bisher eingesetzte Arzneimittel erhält? „In der Regel wird das ausgelost, und zwar über eine elek­tronische Datenbank“, sagt Dr. Nele Geßler, die über das äußerst seltene Marfan-Syndrom, eine genetische Erkrankung, bei der das Bindegewebe außerordentlich elastisch wird, ihre Doktorarbeit geschrieben und darüber ihr Herz für die Forschung entdeckt hat.

Häufig würden Studien auch „doppelblind“ durchgeführt. „Dann wissen weder Arzt noch Patient, was verabreicht wird, und die Aussagekraft der Studie gilt als am höchsten.“ Denn auch das Arztwissen – auch dazu gibt es Studien – kann das Verhalten des Mediziners und damit auch den Patienten beein­flussen. „Wichtig­ ist, dass die Sicherheit des Patienten immer an erster Stelle steht“, sagt die Medizinerin, die mit ihrem Mann während des Studiums ein knappes Jahr lang in Australien gelebt hat und fast dort geblieben wäre („aber Hamburg ist eben doch Heimat“). Es sei mitnichten so, dass jeder Arzt sagen könne: „So, heute fange ich mal eine Studie an.“

Man müsse mindestens mit einem Jahr Planung rechnen, die Ethikkommission der Ärztekammer müsse alles überprüfen, die Behörden kontrollierten zudem die korrekte Durchführung regelmäßig. „Bevor ein Patient ein neues Medikament bekommt, haben das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie das Paul-Ehrlich-Institut, das zuständige Institut für Impfstoffe, selbstverständlich Genehmigungen erteilt.“

Wann kommt der Impfstoff gegen Covid-19?

Apropos Impfstoff: Wann kommt einer, der gegen Covid-19 hilft? „Das kann ich seriös nicht vorhersagen. Die Entwicklung dauert. Allerdings kann man sagen: Schneller als jetzt wird es nie gegangen sein.“ An 15 coronarelevanten Studien arbeiten allein die Kliniken des Asklepios Konzerns, teils auch im Verbund mit anderen Krankenhäusern.

„Intern haben wir zum Beispiel ein anonymisiertes Register aufgesetzt, über das wir herausfinden wollen, was unsere Covid-19-Patienten verbindet. Hatten sie bestimmte Grunderkrankungen? Gibt es gemeinsame Risikofaktoren?“ Selbstverständlich dauere es, bis Ergebnisse vorlägen. „Man braucht Geduld, aber spannend ist Forschung auf jeden Fall und für den Fortschritt schlicht unabdingbar.“