Digitale Sprechstunde

Erkrankte Aorta: „Wie eine tickende Bombe im Bauch“

Der Gesundheits-Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios – Ärzte im Gespräch mit Vanessa Seifert.

Der Gesundheits-Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios – Ärzte im Gespräch mit Vanessa Seifert.

Foto: HA

Wenn die Hauptschlagader erkrankt, wird es gefährlich. Chefarzt Professor Koeppel über die Behandlung von Rissen und Aneurysmen.

Hamburg. Wenn an der Aorta, dem größten Gefäß unseres Körpers und dem zentralen Verteiler, Probleme auftreten, dann kann man sich leicht vorstellen, dass das dramatische Konsequenzen haben kann“, erklärt Professor Dr. Thomas Koeppel in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem erfolgreichen Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Der habilitierte Mediziner, der nach Stationen an den Universitätskliniken von Aachen und München seit knapp fünf Jahren als Chefarzt die Gefäßchirurgie an den Asklepios Kliniken St. Georg und Wandsbek verantwortet, gilt als renommierter Experte auf dem Gebiet der Aorta-Erkrankungen. „Wir sehen und behandeln in unserem Gefäßzentrum verschiedene Krankheitsbilder, darunter entzündliche Veränderungen der Aorta, kalkbedingte Verschlüsse, aber vor allem Aneurysmen, damit meinen wir krankhafte Aussackungen. Auch Einrisse im Bereich der Hauptschlagaderwand sind möglich.“

An letzterer Erkrankung, der sogenannten Aortendissektion, verstarb im vergangenen Herbst ganz plötzlich das Model Almuth Wehmeyer, Frau von HSV-Legende Bernd Wehmeyer.

Aneurysmen der Aorta treffen sechsmal häufiger Männer

„Es ist sehr riskant, wenn die Gefäßinnenschicht der Aorta einreißt und daraus eine Blutung in die Gefäßwand resultiert“, sagt Professor Koeppel. Besonders tückisch sei an dieser Dissektion, dass es den Betroffenen „oft aus der Ruhe heraus, wie ein plötzlicher Schlag“ treffe. „Richtig schützen kann man sich tragischerweise davor nicht.“

Als Ursache gilt eine individuelle, genetische Neigung. „Die Chance zu überleben, hängt stark davon ab, wie schnell man in ein Zentrum mit der nötigen Expertise kommt und an erster Stelle aber natürlich davon, an welcher Stelle die Aorta reißt. Je herznaher, desto gefährlicher.“ Das Risiko für eine Dissektion und auch für ein Aneurysma steigt ab dem 50. Lebensjahr.

Rauchen und hoher Blutdruck sind Hauptursachen

Rauchen und hoher Blutdruck gelten als die beiden Hauptfaktoren, die eine krankhafte Veränderung der Hauptschlagader auslösen, die an der Herzwurzel entspringt, dann einen Bogen macht und durch den Brustkorb bis in den Beckenraum reicht. „Tatsächlich sind die Patienten mehrheitlich Männer. Denn ihr Risiko, ein Aneurysma zu haben, ist sechsmal höher als bei Frauen.“

Doch ab wann spricht man eigentlich von einer krankhaften Erweiterung der Hauptschlagader? „Wenn die Aorta um das mindestens 1,5-Fache des normalen Durchmessers erweitert ist. Konkret: Wenn der normale Durchmesser 20 Millimeter ist, dann sprechen wir ab 30 Millimetern von einer Aussackung“, erklärt der Gefäßspezialist, der in Mainz und London studiert und später an der Elite-Universität Yale geforscht hat.

Tückisch: Patient bemerkt das Wachstum nicht

Grundsätzlich gelte: Je größer die Aussackung, umso schwächer werde die Gefäßwand. „Man kann sich das bildlich ganz gut mit einem Luftballon vorstellen. Anfangs ist es schwierig, ihn aufzupusten. Doch dann kommt der Punkt, ab dem nur noch ganz wenig Widerstand vorhanden ist und man leicht weiterpusten kann, bis der Ballon platzt“, so der Chefarzt, der in seiner Freizeit gern zum Kitesurfen ans Meer fährt oder eine Runde um die Alster joggt („Meine Laufschuhe habe ich in St. Georg im Klinikschrank“).

Wie im Ballon-Bildnis sei es auch mit der Aorta: Mit zunehmendem Durchmesser erhöhe sich die Wandspannung, was das Risiko eines Einrisses steigere. Allerdings entstünden Aneurysmen langsam über Jahre hinweg. „Das Wachstum liegt in der Regel bei wenigen Millimetern pro Jahr. Ab 5,5 Zentimetern ist dann die kritische Größe erreicht, dann muss ohne Frage behandelt werden. Das ist eine internationale Faustregel. Das gilt auch, wenn das Wachstum bei mehr als einem Zentimeter pro Jahr liegt.“

300 Eingriffe pro Jahr am Asklepios Gefäßzentrum Ost

Tückisch sei aber, dass der Patient selbst dieses Wachstum nicht bemerke. „Meistens wird das bei einer Routineuntersuchung, bei einer Vorsorge im Ultraschall, festgestellt“, so der Gefäßchirurg. Für sein Team und ihn gebe es dann, wenn der Patient im Gefäßzen­trum vorstellig werde, immer zwei Fragen: „Wann behandeln wir? Und wen behandeln wir wie?“ Denn der nicht ganz unerhebliche Eingriff sei immer eine „prophylaktische Operation“. „Das heißt, wir operieren, damit der Schaden nicht irgendwann eintritt.“

Entscheidend vor einem Eingriff – 300 werden pro Jahr am Asklepios Gefäßzentrum Ost durchgeführt – sei immer die Risikoabwägung. „Wir untersuchen natürlich immer vorher das Herz und die Lungenfunktion. Denn selbst wenn im Alltag alles in Ordnung ist, kann es bei einem großen Eingriff zu einer großen Belastung kommen“, sagt Professor Dr. Thomas Koeppel.

Klassische OP am offenen Bauch oder minimal-invasiv?

Grundsätzlich stünden zwei Eingriffe zur Wahl: die klassische, seit Jahrzehnten erprobte Operation am offenen Bauch und der schonendere, minimal-invasive Eingriff.

„Patienten fragen mich oft, ob es nicht eine Art Abflussreiniger gibt, der alles frei spült. Gibt es leider noch nicht. Uns stehen derzeit die beiden Operationsmethoden zur Verfügung.“ Bei der klassischen OP, die etwa zwei Stunden dauert, wird der Bauch weit geöffnet, die Aorta freigelegt und ausgeklemmt und der krankhafte Teil durch eine Kunststoffprothese ersetzt.

Bei der minimal-invasiven Operation wird das Aneurysma von innen mit einem sogenannten Stent stabilisiert. Professor Dr. Thomas Koeppel: „Beides ist in erfahrenen Händen in der Regel erfolgreich. Es ist aber immer eine individuelle Entscheidung gemeinsam mit dem Patienten.“