Dem Tod auf der Spur

Das Mysterium der zerstückelten Frauenleiche

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Klaus Püschel und Bettina Mittelacher.

Klaus Püschel und Bettina Mittelacher.

Foto: HA

Prof. Klaus Püschel erzählt im Podcast von einem Fall, in dem zwei Ärzte verdächtigt werden, eine junge Frau getötet zu haben.

Hamburg. Mächtige Neonröhren erleuchten den Kellerraum. Zwei Männer beugen sich über einen Sektionstisch aus rostfreiem Edelstahl, wo der Körper einer toten jungen Frau liegt. Geschäftig machen sich die beiden Ärzte im Institut für Rechtsmedizin ans Werk und beginnen, den Leichnam zu bearbeiten. Doch es ist nicht der berühmten Y- oder T-Schnitt, den sie ansetzen, um die Körperhöhle kunstgerecht zu öffnen. Die Männer gehen absolut rücksichtslos vor, gleichsam wie im Schlachthaus. Sie trennen von dem Körper den Kopf und die Gliedmaßen ab, teilen diese in mehrere Stücke. Die Leichenteile stopfen sie unsanft in mehrere Plastiktüten.

Neben den Männern steht ein kleines Mädchen und schaut mit großen Augen und wachsendem Entsetzen bei dem brutalen Massaker zu. Es ist eine Szenerie zum Gruseln und wie der düsteren Fantasie eines Thriller-Autors entsprungen. Doch zwei schwedische Ärzte verschaffen ihr gnadenlose Realität. Es sind Männer, die in den Arbeitsräumen eines Instituts für Rechtsmedizin ihrer furchtbaren Leidenschaft nachgehen.

Die Tote war eine 28 Jahre alte Prostituierte aus Stockholm

Fünf Wochen später werden Teile des Frauenkörpers in einem Mülleimer nördlich von Stockholm gefunden, nicht weit vom Institut entfernt. Bei der Toten handelte es sich um eine 28 Jahre alte Prostituierte aus Stockholm, die zuletzt am 10. Juni 1984 gesehen worden war. Sie kann anhand ihrer Fingerabdrücke identifiziert werden. Einige Körperteile bleiben indes für immer verschwunden.

„Ich wurde von schwedischen Kollegen zu dem Fall hinzugezogen“, erzählt Rechtsmediziner Klaus Püschel im Abendblatt-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ mit Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher. „Ein Kollege fragte telefonisch an, ob ich Interesse an einer zerstückelten Leiche hätte. Ich hatte mich wissenschaftlich mit Leichenzerstückelung beschäftigt und darüber einen sehr umfangreichen rechtsmedizinischen Aufsatz geschrieben. Deshalb war meine Expertise bei dem Stockholmer Fall gefragt.“

Schnell wird spekuliert, dass ein Serienmörder am Werk ist

Wer hat die junge Frau getötet? Zwei bis dahin hoch respektierten Medizinern wird vorgeworfen, die unfassbare Tat begangen zu haben, die als „styckmordet“ bekannt wird. „Übersetzt heißt das so viel wie Zerstückelungsmord“, erklärt Bettina Mittelacher, die den Fall zusammen mit Püschel in dem gemeinsamen Krimisachbuch „Tote lügen nicht“ beschrieben hat. Der Fall der getöteten Prostituierten bekommt fast so viel Aufmerksamkeit wie später das Attentat auf Premierminister Olof Palme, der im Jahr 1986 in der Öffentlichkeit erschossen wurde.

Tote Körper, brutal zerteilt: Zwischen 1982 und 1987 geschehen mehrere solcher Verbrechen in Schweden. Stets sind die Opfer Prostituierte, und schnell wird spekuliert, dass ein Serienmörder am Werk ist. „Eine von mehreren Fragen an mich als Experten hieß“, erinnert sich Püschel, „ob an der Art, wie ein Leichnam zerteilt wird, auf einen Beruf des Täters geschlossen werden kann. Dies habe ich generell aufgrund meiner eigenen Analyse zum Thema Leichenzerstückelung verneint“, erzählt der Hamburger Rechtsmediziner. „Wir waren bei unserer Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen, dass die in der Literatur beschriebene ,fachmännische Zerlegung‘ eines Leichnams nicht von der Tatausführung durch ,Laien‘ abzugrenzen ist.“

Wahre Geschichte oder Horrorstory?

Neben dem schwedischen Rechtsmediziner im „Zerstückelungsmord“ gerät auch ein zweiter Arzt in den Fokus der Polizei. Gegen den Allgemeinmediziner erhebt dessen Ehefrau Anschuldigungen. Sie wirft ihm vor, die gemeinsame kleine Tochter sexuell missbraucht zu haben.Die Frau befragt das Mädchen immer weiter – bis das Kind eine Bemerkung über eine Puppe ohne Kopf macht. Am Ende interpretiert die Mutter die Darstellung der Kleinen so, dass diese im Alter von knapp zwei Jahren dabei gewesen sei, als der Vater und ein weiterer Arzt einen Frauenkörper zerteilt haben.

Wahre Geschichte oder Horrorstory? In der Presse wird es teilweise so dargestellt, dass das Kind angeblich einer Puppe den Kopf abreißt und dazu sagt: „Das ist es, was Papa mit einer richtigen Frau gemacht hat!“ Allerdings gibt es von vielen Fachleuten Zweifel, ob der Schilderung eines so jungen Kindes über Erlebnisse, die zwei Jahre zuvor stattgefunden haben sollen, zu glauben ist. Doch die beiden verdächtigen Ärzte werden wegen weiterer Indizien, die gegen sie sprechen, vor Gericht gestellt.

Wird die Wahrheit jemals mit Sicherheit herausgefunden?

Eine Jury spricht die Angeklagten schuldig. Bevor allerdings das Urteil offiziell vom Richter bestätigt werden kann, lassen sich einige Juroren von der Presse interviewen. Daraufhin wird der gesamte Prozess für ungültig erklärt. Im Jahr 1988 kommt es zu einem neuen Verfahren vor einem anderen Gericht. Hier werden die beiden Männer freigesprochen. Allerdings betont das Gericht seine Überzeugung, dass die Angeklagten den Körper der Toten zerstückelt haben. Die Tat ist jedoch mittlerweile verjährt. Als Folge wird den Ärzten allerdings die Approbation entzogen.

Wird die Wahrheit, wer wirklich für den Tod der jungen Frau verantwortlich ist – ja, ob es überhaupt ein Mord war –, jemals mit Sicherheit herausgefunden? Trotz des Freispruchs vom Vorwurf der Tötung halten viele Schweden die Ärzte für die tatsächlichen Verbrecher. Dabei gab es auch einen anderen Verdächtigen, auf den einiges hindeutete. Gleichwohl ist gegen ihn nie ernsthaft ermittelt worden – warum, wurde nicht wirklich klar. Im Jahr 1988 starb er. Beim Fall des styckmordet in Stockholm haben viele vieles verloren – an Ansehen, Ruf und Glaubwürdigkeit. Es war und bleibt ein Thriller – mit einem Open End.