Urteil: 53 Raubüberfälle in 20 Monaten

Zehn Jahre Haft für "Schlecker"-Räuber

„Es bleibt eine in dieser Massivität selten vorgelegte Serie von schwersten Straftaten“, sagte der Richter. Der Verteidiger kritisierte, die Drogeriemarktkette hätte die Überfälle "billigend in Kauf genommen".

Hamburg. Bewaffnet mit einer Schreckschusspistole und maskiert mit einer Perücke hatte der erfolglose Journalist mehr als 50 "Schlecker"-Drogeriemärkte in Deutschland überfallen und fast 90 000 Euro erbeutet. Dafür hat das Hamburger Landgericht den geständigen Angeklagten am Mittwoch zu zehn Jahren Haft verurteilt.

"Es bleibt eine in dieser Massivität selten vorgelegte Serie von schwersten Straftaten", sagte der Richter, "53 Fälle, das schafft kaum jemand." Der Raubzug des 40 Jahre alten Mannes, der bis dato völlig unbescholten war, dauerte von Juli 2006 bis Ende März 2008 und zog sich durch sechs Bundesländer. Der aus Nordfriesland stammende Täter wurde schließlich auf frischer Tat in Bottrop festgenommen.

Der Angeklagte, ein Akademiker, überfiel die Drogeriemärkte nach eigenem Bekunden aus Existenzangst. Bis zum Zusammenbruch der "New Economy" arbeitete er bei einer Internetfirma. Riskante Aktienkäufe und die risikoreiche Finanzierung eines Immobilienkaufs ließen seine monatlichen Belastungen auf gut 3 500 Euro anwachsen. Gemeinsame Zeitschriften-Projekte mit seiner Schwester blieben erfolglos. Da angesichts der immensen Schulden die eigene Mutter mit ihrer Rente aushelfen musste und Zwangsvollstreckung sowie Privatinsolvenz drohten, habe er mit den Überfällen begonnen, "um die berufliche und private Welt nicht zum Umsturz zu bringen", sagte der 40-Jährige.

Der Räuber betrat meist morgens eine "Schlecker"-Filiale und forderte die Einnahmen des Vortages aus dem Tresor. Dabei war er nach Aussagen der Verkäuferinnen respektvoll und höflich. Sein Verteidiger betonte, die Märkte seien wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen ein ideales Ziel für seinen Mandanten gewesen. "Schlecker hat geradezu in Kauf genommen, dass diese Überfälle geschehen", meinte der Anwalt. Er ging von minder schweren Fällen aus und forderte sechs Jahre Haft. Der Staatsanwalt plädierte dagegen auf elf Jahre.

Der Angeklagte entspreche nicht dem Bild eines gewöhnlichen Kriminellen vor Gericht, sagte der Richter. Das habe die Beurteilung der Taten auch schwer gemacht. Gegen den 40-Jährigen spreche aber seine "professionelle Vorgehensweise in einer auf Dauer angelegten Tatserie". Er sei vorbereitet gewesen, flächendeckend "Schlecker"-Märkte zu überfallen. "Sobald es knapp wurde mit dem Geld, haben Sie wieder auf eine Straftat zurückgegriffen", meinte der Richter zum Angeklagten. In seinem letzten Wort beteuerte der Räuber, alle Taten "aus ganz tiefem Herzen" zu bereuen.

Der Mann wurde wegen 53 angeklagter Raubüberfälle verurteilt, davon waren 49 erfolgreich. Eine weitere Tat, die er vor Gericht einräumte, wurde aus rechtlichen Gründen nicht berücksichtigt.