Terror

Taliban stürmen Gefängnis

Bei einem Angriff auf das größte Gefängnis in Südafghanistan haben Taliban-Kämpfer mehr als 600 Häftlinge befreit. Viele potenzielle Selbstmord-Attentäter konnten entkommen.

Kandahar. Ein Polizeisprecher erklärte am Sonnabend in Kandahar, mindestens neun Beamte seien getötet und weitere zwölf verletzt worden. Die Taliban bekannten sich zu dem Angriff und teilten mit, sie hätten rund 400 Gesinnungsgenossen befreit.

Einer der Entflohenen, Abdul Nafai, sagte einem Reporter, vor dem Gefängnis hätten Minibusse gewartet und die Häftlinge weggebracht. Der stellvertretende Justizminister Mohammad Kasim Haschimsai erklärte, in dem Gefängnis seien fast 1 000 Häftlinge untergebracht gewesen. Mehr als die Hälfte sei geflohen. Genauere Zahlen lägen noch nicht vor.

"Alle Insassen sind geflohen. Da ist keiner mehr übrig", sagte zuvor Wali Karsai, der Präsident des Provinzrats von Kandahar und Bruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Es seien viele wichtige Taliban-Gefangene befreit worden, darunter Attentäter, die von der Polizei kurz vor einem Selbstmordanschlag gestellt worden waren.

Nach der spektakulären Befreiung suchen afghanische und ausländische Soldaten intensiv nach den Flüchtigen. Nach Angaben der Regierung in Kabul lief am Sonnabend eine großangelegte Fahndungsaktion an.

Nach Darstellung der radikalislamischen Taliban waren rund 80 ihrer Kämpfer an der "Kommandoaktion" beteiligt. Diese hätten mit einem mit 1800 Kilogramm Sprengstoff beladenen Lastwagen das Gefängnistor gesprengt. Ziel sei es gewesen, "unsere Taliban-Freunde zu befreien". Die Aktion war seinen Angaben zufolge seit zwei Monaten geplant.

Selbstmordattentäter sprengten den Weg frei

Der Angriff erfolgte am späten Freitagabend gegen 21.30 Uhr Ortszeit. Zuerst explodierte ein mit Sprengstoff beladener Tanklaster beim Haupttor, dann bombte ein Selbstmordattentäter ein Loch in die rückwärtige Seite der Anstalt, wie Gefängnischef Abdul Kabir erklärte. Aufständische stürmten das Gefängnis. Offenbar gab es heftige Feuergefechte. Etwa 30 Minuten lang waren in der Stadt Explosionen zu hören, der Raketenbeschuss dauerte bis in die frühen Morgenstunden (Ortszeit).

Die NATO-Truppen erklärten zunächst nur, sie wüssten, dass es Kämpfe gegeben habe. Kandahar, die zweitgrößte Stadt Afghanistans, war früher eine Hochburg der Taliban. In den Provinzen im Süden Afghanistans kommt es immer wieder zu heftigen Gefechten zwischen NATO-Truppen und Kämpfern der Taliban.