Berlin: Gedenken an NS-Opfer

Mahnmal für verfolgte Homosexuelle eingeweiht

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Seit Dienstag erinnern zwei sich endlos küssende Männer zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz in Berlin an die Verfolgung der Homosexuellen in der NS-Zeit und die Diskriminierungen von Schwulen in der Gegenwart.

Berlin. Die Filmszene ist zentraler Bestandteil des vom Bundestag 2003 beschlossenen nationalen Homosexuellen-Denkmals, das Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste, darunter auch der sich offen zu seiner Homosexualität bekennende Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), jetzt der Öffentlichkeit übergeben hat.

Es ist eine schlichte, aber mit 3,65 Meter Höhe und 4,70 Meter Länge wuchtige Betonstele mit einem "Fensterblick" auf die Kuss-Szene, die von der Straße aus etwas zurückversetzt im Park gegenüber dem Holocaust-Mahnmal steht. Das 600 000 Euro teure Denkmal wurde von dem in Berlin lebenden dänisch-norwegischen Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset entworfen. Eine "feministische Intervention" hatte dazu geführt, dass die "männliche Kuss-Szene" alle zwei Jahre gegen den Kuss von zwei Frauen ausgetauscht wird.

Zur bunten Schar der Ehrengäste gehörten am Dienstag offizielle Vertreter der Politik ebenso wie die einschlägige Szene mit Piercing, Ohrringen und Irokesen-Haarschnitt oder T-Shirts mit dem Erich- Mielke-Ausspruch "Aber ich liebe euch doch alle!" Auch der Filmemacher Rosa von Praunheim fehlte nicht. Romani Rose vertrat den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, für deren NS-Opfer zurzeit gegenüber dem Reichstag ein Mahnmal errichtet wird.

"Spät, aber nicht zu spät", war der Tenor der Eröffnungsansprachen am Dienstag. Das Denkmal kommt über 60 Jahre nach Kriegsende und nach 16-jährigem Kampf der Initiatoren von Schwulen- und Lesbenverbänden wie Albert Eckert, der denjenigen zurief, die es widerlich finden, wenn sich zwei Männer küssen: "Auch und gerade für Sie ist dieses Denkmal gebaut! Wenn es Sie stört, umso besser!"

Neumann erinnerte daran, dass in der NS-Zeit weit mehr als 50 000 Homosexuelle "wegen ihrer sexuellen Orientierung verurteilt, Tausende in die Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden". Heute blicke man "fassungslos auf diese Brutalität" zurück, die heute jeden ermahne, "dass jede Art von Diskriminierung gegenüber Andersdenkenden und -lebenden in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr hat".

Am Denkmal informiert ein erklärender Text über die Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit. Eine der zentralen Passagen dabei lautet: "Mit diesem Denkmal will die Bundesrepublik Deutschland die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wach halten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen (...) In vielen Teilen dieser Welt werden Menschen wegen ihrer sexuellen Identität heute noch verfolgt, ist homosexuelle Liebe strafbar und kann ein Kuss Gefahr bedeuten."

Der Regierende Bürgermeister Wowereit erinnerte daran, dass die Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland die Opfer lange Zeit "verschwiegen und sogar noch weiter diskriminiert und verfolgt" habe. "Und wir haben noch heute die tägliche Diskriminierung in dieser ach so toleranten Stadt Berlin, in der das Überfall-Telefon für Schwule täglich zu tun hat." Das "Stigma der Abnormalität" äussere sich noch immer in sogenannten Schwulenwitzen, Diskriminierungen am Arbeitsplatz und offener rechtsextremer Gewalt gegen Schwule und Lesben. Der Auftrag bleibe, wachsam und wehrhaft zu sein. Und: "Wenn friedliebende Menschen miteinander leben wollen, gibt es kein Recht irgendeiner Mehrheit, sie aus der Gesellschaft auszugrenzen!"

Der homosexuelle Grünen-Politiker Volker Beck sprach von "einem Meilenstein der Erinnerung an die schreckliche Verfolgungsgeschichte der Homosexuellen", die in der NS-Zeit in Konzentrationslagern mit einem "Rosa Winkel" gekennzeichnet wurden. Das Mahnmal sollte auch "ein Stein des Anstoßes für ausländische Staatsgäste" sein und in ihr Besuchsprogramm einbezogen werden. Immerhin werde Homosexualität noch in über 80 Ländern strafrechtlich verfolgt, bis hin zu Todesdrohungen. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland würdigte das Denkmal auch als "Landmarke schwulen und lesbischen Selbstbewusstseins".

( dpa )