Flüchtlingsstrom

Zehntausende fliehen vor Gewalt in Südafrika

Die vor zwei Wochen ausgebrochenen Unruhen in Südafrika haben zehntausende Menschen zur Flucht vor der Gewalt getrieben. Die humanitäre Lage ist kritisch und Krankheiten drohen.

Allein das Rote Kreuz kümmerte sich nach eigenen Angaben am Wochenende um 25 000 Flüchtlinge hauptsächlich in Johannesburg. In Kapstadt suchten rund 10 000 Menschen Zuflucht in Lagern, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Vielfach waren die Aufnahmekapazitäten erschöpft, zudem drohte die Ausbreitung von Krankheiten. Präsident Thabo Mbeki geriet zusehends unter Druck, da er sich zu den Unruhen bisher kaum äußerte. Er bezeichnete die Gewalt am Sonnabend als "Schande". Die Zahl der Toten stieg auf 50.

"Das Rote Kreuz hilft über 25 000 Menschen an 21 Orten, hauptsächlich in Johannesburg", sagte die Direktorin des Roten Kreuzes für das südliche Afrika, Françoise Le Goff. Viele Flüchtlinge schliefen in Polizeistation, Gemeindezentren und Kirchen sowie in Zelten. Die humanitäre Lage habe sich verschlimmert, nachdem die Gewalt auch auf Kapstadt und Durban übergeschwappt sei. Ein Sprecher der Stadt Kapstadt sagte, in der Provinz habe es Freitagnacht und Sonnabend Plünderungen gegeben. Mindestens 200 Menschen seien festgenommen worden.

Nach Angaben der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" sind viele Flüchtlinge gezwungen, ohne ein Dach über dem Kopf in der Kälte zu schlafen. Es gebe immer mehr Infektionen, sagte die Programmchefin der Organisation in Südafrika, Muriel Cornelius. Nach Angaben der Direktorin eines Zentrums zur Behandlung von Traumata in Kapstadt, Vimla Pillay, sind viele der Opfer verzweifelt: "Sie hatten hohe Erwartungen an Südafrika, aber viele von ihnen sagen, sie wollen jetzt in andere Länder gehen." Mindestens 15 000 Mosambikaner kehrten bereits in ihre Heimat zurück. Dies berichtete die amtliche mosambikanische Zeitung "Noticias" unter Berufung auf die Einwanderungsbehörden.

Die Polizei sprach von einer Beruhigung der Lage. "Es sieht so aus, als ob es sich beruhigt", sagte Polizeisprecherin Sally de Beer am Sonnabend. Die Armee, die zwei Tage zuvor zur Bekämpfung der ausländerfeindlichen Mobs in den Townships eingesetzt worden war, gab die Erschießung eines mutmaßlichen Gewalttäters durch Soldaten bekannt. Armeesprecher General Kwena Mangope sagte, der Mann, der eine Frau angegriffen und dann die Waffe auf einen Soldaten gerichtet habe, sei erschossen worden.

Seit Beginn der Gewalttaten starben nach neuen Angaben vom Sonntag mindestens 50 Menschen, 580 wurden verhaftet. Viele Opfer sind aus Simbabwe.

"Heute haben wir es mit einer Schande zu tun", sagte Mbeki am Sonnabend in einer Radiosendung. "Einer beschämenden Schande für unsere Nation, in der eine Handvoll Menschen, eine Minderheit in unserer Gemeinschaft, sich entschlossen hat, Gewalt gegen unsere afrikanischen Brüder zu richten." Mbeki forderte seine Landsleute auf, gegen die Gewalt anzugehen: "Das ist etwas, gegen das wir entschieden handeln und das wir beenden müssen", sagte er. Die lokale "Sunday Times" forderte Mbeki zum Rücktritt auf. Der Chef der Regierungspartei ANC, Jacob Zuma, wollte sich am Sonntag mit Opfern treffen.

Die Unruhen hatten am 11. Mai in einem Vorort von Johannesburg begonnen. In den Siedlungen, wo 40 Prozent Arbeitslosigkeit herrscht, werfen die Einwohner den Ausländern vor, sie nähmen ihnen die Jobs weg. Bislang gab es in sieben von neun Provinzen Unruhen.